Mit unserem Hotelzimmer hatten wir Glück, es besaß an zwei Wänden Fenster und wenn wir mit hochgezogenen Rollläden im Bett lagen, konnten wir auf die ruhige Seitenstraße hinaus und auf den hinter den Häusern aufragenden Berg blicken. Natürlich machte ich unzählige Fotos von diesem Ausblick. Als wir durch die Innenstadt liefen, wo sich auch das Goldene "Dachl", ein kleines Dach aus goldenen Dachschindeln, befand, konnten wir viele italienische Restaurants und schmucke Häuser entdecken.
Das Wasser des Inns, dem Fluss, dem die Stadt ihren Namen verdankt, war aufgrund seiner starken Strömung kristallklar und von der Farbe eisblau. Ein wenig verwundert waren wir nur darüber, dass am Donnerstag um 19 Uhr das Stadtzentrum wie leergefegt wirkte und die ganzen Geschäfte bereits schlossen. Die Menschen, die nun noch unterwegs waren, versammelten sich nun offenbar in den Restaurants und Bars. An einem der Folgetage zog ich morgens das Rollo unseres Hotelzimmers hoch und konnte mit M. den Berg bis fast zum Gipfel sehen: Nun war die Gelegenheit, um mit der Bergbahn zur Bergspitze zu fahren. Wir stiegen in der Innenstadt an einer Bergbahnstation ein, deren modern designtes Dach wie ein Gletscher geformt war- die Assoziation mit den Bergen war eindeutig. Wir mussten einmal umsteigen und fuhren das letzte Stück mit einer Seilbahn ganz nach oben. Die Bergbahn raste den Berghang hinauf, durchbrach die weiße Wolkendecke und was wir dann sahen, begeisterte uns wirklich: Über uns befand sich strahlend blauer Himmel und die leicht mit Schnee bedeckten Bergspitzen rund um Innsbruck ragten aus der watteartigen Wolkenschicht empor. Die Stadt war unter den Wolken kaum sichtbar. Es schien, als hätten wir eine Welt über den Wolken betreten. Die Luft war frisch und klar und am Rande des Wanderweges zum Gipfelkreuz, den wir jetzt hinaufstapften, lag überall Schnee. Dieser war jedoch so gefroren, dass es fast schon Eisklumpen waren.
Zum ersten Mal in dieser Saison kam ich dazu, meine Handschuhe anzuziehen. Mein insgeheimer Wunsch, auf diesem Trip etwas Schnee zu erleben, hatte sich soeben erfüllt. Als ich den Wind im Gesicht spürte und mit M. auf die Landschaft um uns herum blickte, wusste ich wieder, warum ich das Reisen liebte: Ich empfand es immer wieder als Geschenk, die Schönheit unseres Planeten zu erleben und mich immer wieder aufs Neue von ihr überraschen zu lassen. Insgesamt hatte ich vergessen, seit ich als Kind in den Alpen Urlaub gemacht hatte, wie schön die Alpen waren.
Eine Ebene tiefer fand M. sogar einen Eisbrocken, der von der Form verblüffend stark einem Rentier oder Reh ähnelte. Die Wolken wanderten die ganze Zeit, sodass wir auf unserem Spaziergang plötzlich mitten in einer Wolke standen und ringsum fast nichts mehr sehen konnten außer uns beiden, was ein faszinierendes Gefühl war. Als wir zurück zur Bergbahnstation gelangt waren, war es in der Sonne so warm, dass wir unseren Mittags-Snack auf einem Stein sitzend verdrücken konnten. Die Wolkendecke über dem Tal hatte sich inzwischen so weit verzogen, dass wir freie Sicht auf Innsbruck hatten. Erschöpft, doch zufrieden fuhren wir wieder ins Tal hinunter.


