Wien kam mir anders vor seit dem letzten Mal, als ich mit achtzehn Jahren eine Studienfahrt kurz vor meinem Abitur dorthin gemacht hatte. Das war allerdings im Sommer gewesen und ich erinnere mich besonders an den Sonnenuntergang an der Donau, an bunte StreetArt, an geschäftiges Treiben in den sauber gepflegten Straßen und jede Menge Touris in Sommerkleidern und Bubble Tea in der Hand. M. hatte Wien eher als Stadt im Kopf, die sich durch Kaffeehäuser und barocke Architektur auszeichnet. Diese Seiten der Stadt nahm ich diesmal eher wahr, als wir durch das Zentrum liefen und uns etwas zu essen aus dem veganen Supermarkt "Billa Pflanzilla" holten. An den "Rewe-Voll Pflanzlich" in Berlin reichte er meiner Meinung zwar nicht heran, zudem befand er sich direkt neben einem gewöhnlichen Billa, doch ihn einmal kennen zu lernen lohnte sich allemal.
Bratislava begrüßte uns mit hellem Sonnenschein, zugleich war es Anfang März entsprechend kalt.
Am nächsten Tag nahmen wir uns ausführlich Zeit, die Stadt zu erkunden. Es war morgens sehr frisch und die Straßen vor 9 Uhr noch ziemlich leer, doch auch um diese Zeit kam die Sonne schon sehr hervor. M. und ich suchten Cumil auf, die Bronzefigur eines Straßenbauarbeiters, der aus dem Gully kriecht. Bronzefiguren konnten wir im Zentrum einige finden, auf einer Bank oder bei einem Marktplatz in Form eines Mannes, der seinen Zylinder lüpft. Durch das Michaelstor schlenderten wir hinauf zur Burg, von der aus wir einen schönen Blick auf die Stadt hatten.
Besonders gefiel mir die blaue Kirche, die in einer etwas ruhigeren Wohngegend lag und etwas versteckt wirkte. Als wir vor ihr standen, stach sie uns in ihrer hellblauen Farbe als Farbtupfer in der Gegend ins Auge. "Sie sieht aus, als wär sie aus Pappmaché gemacht", bemerkte M.. Tatsächlich wirkte die Kirche gar nicht mal so alt und rustikal, sondern eher, als wär sie einem Zeichentrickfilm entsprungen. Für mich war sie eines der größten Highlights in Bratislava.
Gegen Mittag füllte sich die Innenstadt ein bisschen mehr, es wurde zudem etwas wärmer und mein Magen begann, sich zu melden. M. und ich gingen daraufhin zu einem Laden namens "Made with Leaf", bei dem wir traditionelle slowakische Küche in der veganisierten Variante kosten konnten. Leider war es kein in sich abgeschlossenes veganes Restaurant, sondern ein separater Tresen im Untergeschoss, an dem das vegane Essen ausgegeben wurde, und gegessen wurde zusammen im Restaurant, in dem omnivore Küche serviert wurde.
Eigentlich wollten wir am selben Nachmittag eine Fahrt mit einem Sessellift im Wald erleben, weshalb wir mit dem Bus in das nahegelegene Waldgebiet fuhren. Leider war die Sessellift-Station geschlossen, entgegen der Angabe auf Google Maps. Glücklicherweise war die Stadt nicht so weit entfernt, sodass wir in kurzer Zeit wieder zurück im Zentrum waren.
Abends bei Einbruch der Dunkelheit ging es nochmal in ein rein veganes Café, "Vegan Kiosk", in dem wir zuerst allein an einem Tisch saßen. Während wir einen Chai Latte tranken, entdeckte ich ein paar Kärtchen auf dem Tisch mit Fragen auf Slowakisch. Ich übersetzte sie per Google Translator auf meinem Smartphone und konnte sie M. daraufhin vorlesen. Es waren Fragen unter anderem darüber, was wir an unserem Gegenüber besonders bewundern und wofür wir im Leben am meisten dankbar sind, quasi eine Einladung zum Deep Talk. Obwohl es "nur" ein Cafébesuch in einer fremden Stadt war, ist mir dieser Abend als besonderes Highlight im Kopf geblieben. Anschließend spazierten wir im Dunkeln noch ein wenig durch die Gassen der Altstadt, konnten die angeleuchtete weiße Burg auf dem Hügel bewundern. Wir besuchten zuletzt an diesem Abend ein Einkaufszentrum, in dem - genau richtig für mich- einige Zirkus-Skulpturen wie eine Luftring-Artistin in der Passage ihren Platz an der Decke in schwindelerregender Höhe hatten.Am nächsten Tag stiegen M. und ich in den Zug zurück nachhause, der ca. 12 Stunden lang die komplette Strecke von Bratislava nach Hamburg durchfuhr. Voller Erinnerungen im Kopf ließ ich nun die Landschaft an mir vorbeiziehen, bis wir unseren Heimatbahnhof erreichten.



