Sonntag, 6. September 2020

Elsässisch für Anfänger


Am Morgen unserer Abreise begaben M. und ich uns im strömenden Regen zu unserer Flixbus-Station. Die Tage davor hatten wir Glück mit dem Wetter gehabt- es war immer angenehm warm gewesen, doch nicht zu heiß. Es dauerte keine fünfzehn Minuten, dass wir kurz darauf im Flixbus über die Brücke nach Deutschland hinüberfuhren und Frankreich bereits wieder verlassen hatten.

Insgesamt waren die Tage Straßburg eine schöne Auszeit, vor allem war es unser erster Urlaub, seitdem die Corona-Krise begonnen hatte. In der elsässischen Stadt ist der deutsche Einfluss stark
zu spüren, was schon an den Straßenschildern erkennbar ist. Unter dem französischen Namen steht immer noch ein Name auf Altdeutsch. Mit Deutsch kommt man hier tatsächlich genauso gut weiter wie mit Englisch. Als ich in einem Restaurant an der Theke etwas auf Englisch bestellen wollte, stellte sich heraus, dass der Mitarbeiter perfekt Deutsch sprach, worüber ich im ersten Moment etwas erstaunt war. Ich konnte auch beobachten, dass sich an den Glasscheiben mancher Läden Aufkleber mit der Aufschrift "Wir sprechen Deutsch" befanden- und das waren nicht wenige.

Für einen Kurztrip empfanden wir Straßburg als sehr passend. Der Charme der Stadt besteht in den alten Häusern, den Gassen, durch die wir schlendern können und der liebevollen Gestaltung der Stadt. Jedoch ist Straßburg keine Stadt, in der sich viel unternehmen lässt und in der Actionliebhaber auf ihre Kosten kämen, sodass es völlig ausreichend ist, ein paar Tage dort zu verbringen und das französische Flair zu erleben.

Als wir nach leckerem veganen Essen suchten, stellten wir fest, dass die hier angebotenen Süßteilchen hier besonders beliebt sind, mehr noch als das pikante Essen, das wir in den veganen Restaurants und Imbissen auffinden konnte. M. ließ sich beispielsweise einen Biskuit-Muffin mit süßer Creme obenauf schmecken. Darüber hinaus konnten wir neben der elsässischen Küche einiges an internationaler Küche, wie es in den meisten Städten üblich ist, in Straßburg finden. Öfters genossen wir es jedoch, fernab von Restaurants unter freiem Himmel zu essen, beispielsweise eine Portion Obstsalat, während wir am Wasser saßen.

Das Europaviertel

Schon am ersten Abend bei unserer Ankunft in Straßburg konnten M. und ich die hochmodernen Straßenbahnen in Straßburg entdecken, die eigentlich so gar nicht zu den charmanten Altstadtbauten passten. Die Straßenbahn war größtenteils gläsern und sah so aus, als würde sie über die Straße schweben. Mit den windschiefen, altertümlichen Häusern dahinter sah dies sehr witzig aus.

Einen weiteren Kontrast konnten wir in dem Europaviertel Straßburgs ausfindig machen.

Dort befinden sich der Europäische Gerichtshof und das Europa-Parlament. M. und ich liefen dafür von unserer Unterkunft zu Fuß dorthin und durchquerten dabei eine lange Straße, in der sich ein Konsulat an das andere reihte. Darunter befand sich beispielsweise die russische Botschaft.

Rund um das Europa-Parlament gab es noch ein paar Spots zu entdecken. Sogar ein Stückchen Berliner Mauer mit einem französischen Schriftzug konnten wir durch die Stäbe eines Zauns erkennen. 

Zudem gab es Skulpturen zur Erklärung der Menschenrechte durch Europa und Wandtafeln, auf denen die Grundsätze Europas auf Französisch und auf Englisch aufgelistet waren. 

Als wir das Europa-Parlament ein Stück umrundet hatten und in eine Straße mit farblich einheitlichen Wohnhäusern einbogen, bot sich uns wieder ein kontrastreiches Bild, das M. sogleich mit seiner Handykamera festhielt: Wenn man zwischen den terrakottafarbenen Wohnhäusern und deren Grundstücken hindurchsah, ragte dahinter das gläserne Europa-Parlament auf. Es kam uns so vor, als prallten zwei Welten aufeinander.

Park de l'orangerie


Direkt gegenüber von dem Europa-Parlament liegt der Park de l'Orangerie, Straßburgs ältester Park. Der Park hat seinen Namen daher, dass hier nach der französischen Revolution Orangenbäume gepflanzt wurden.

M. und ich hatten belegte Baguettes eingepackt, mit denen wir uns an den großen Teich in dem Park setzten. Es dauerte nicht lange, dass wir Besuch von einer sehr hungrigen und sehr anhänglichen Wasserschildkröte bekamen. Mit großem Appetit verschlang sie zwei Salatblätter, die wir ihr zuwarfen.

 Als ich wenig später noch ein Stückchen Pfirsich ins Wasser warf, war sie leider nicht schnell genug, sodass sich ein Fisch es blitzschnell schnappte und dann wieder im dunklen Wasser verschwand. Offensichtlich lebte einiges in diesem Teich.

Der Park an sich hat ein paar künstliche Wasserfälle, eine tropischen Garten zu bieten sowie einen romantischen, weißen Pavillon. 

An hübschen Fotomotiven ist hier einiges zu finden. Bei dem Teich, an dem wir unser Picknick machten, gab es die Möglichkeit, Ruderboote zu mieten. M. und ich zogen es jedoch vor, durch den Park zu laufen. Die Gelegenheit, uns sportlich zu betätigen, bekamen wir trotzdem. In dem Park konnten wir einen Fitness-Spot mit Geräten zum Krafttraining finden, die wir direkt ausprobierten. An den Geräten war alles anhand von Bildern erklärt und nicht in französischer Sprache, sodass M. sich fast wie in Deutschland fühlte, wie er sagte. Um ein wenig Zeit in der Natur zu verbringen nach dem Erkunden der Gassen in der Altstadt Straßburgs war dieser Park genau das Richtige.

Petit France

Petit France - "Kleines Frankreich" wörtlich übersetzt- ist ein Viertel in Frankreich mit kleinen malerischen, windschiefen Häusern am Wasser, zwischen denen die Wege teilweise mit schmucken Brücken verbunden sind. Die Ill fließt durch dieses Viertel, dessen Fachwerkhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammen. Während das Viertel zu der Zeit eher unbeliebt und voller finsterer Gestalten wie Banditen gewesen sein soll (wozu M.'s Assoziation eines der Häuser mit dem Wilden Westen passt), ist Petit France heute ein Besuchermagnet und eine Augenweide.

Mit Straßburg wird das Bild der Fachwerkhäuser am Wasser  am meisten verbunden und auch ich habe es mit der elsässischen Stadt assoziiert, bevor ich hierhergekommen bin.

Ein beliebter Punkt sind die gedeckten Brücken, von denen inzwischen gar nicht mehr alle gedeckt sind. Der Name rührt noch aus früheren Zeiten, wo die Brücken als Wehr dienten, gegenüber von den Wehrtürmen und damit als Schutz. M. und ich konnten von einer Plattform, die auf der Wehrbrücke lag, auf Petit France blicken. Die hübschen Häusern lassen sich von diesem Aussichtspunkt jedoch nicht so gut betrachten wie bei einem Rundgang durch die Gassen, weshalb Letzteres mir noch besser gefallen hat.

 An einem Abend besuchten M. und ich bei Einbruch der Dunkelheit das Viertel und sahen uns die beleuchteten Häuser und den angestrahlten Wehr bei den gedeckten Brücken an. Am Wasser und zwischen den Häusern befanden sich zahlreiche Straßencafés und Restaurants, in denen sich viele Menschen tummelten. Auch am Wasser hatten sich einige junge Menschen versammelt, um den lauen Abend hier ausklingen zu lassen. Sehr beeindruckend sind die Spiegelungen im Wasser, die sich zu dieser Zeit beobachten lassen.

Blick auf den Münster


Das  Erste, das ich vollführte, als ich unsere Airbnb-Unterkunft in Straßburg betrat, war ein kleiner Freudentanz. In der Airbnb-Anzeige hatten wir bereits gelesen, dass unser Zimmer den Blick auf die in Straßburg beliebte Kathedrale "Notredame" (nicht nur in Paris gibt es eine "Notredame", daher bitte nicht damit verwechseln) gerichtet hatte. Doch mit einer solch guten Sicht auf das Bauwerk hatte ich nicht gerechnet und auch nicht damir, dass wir uns im Dachgeschoss befanden, von wo wir über die Dächer der Altstadt den Turm des Münsters erspähen und sogar fast nach Deutschland hinüberblicken konnten, damit hatte.

Als wir am gleichen Abend nach einem kleinen Erkundungs-Spaziergang fast wieder bei unserer Unterkunft angekommen waren, konnten wir beobachten, dass sich auf dem Platz vor dem Münster ganz viele Menschen versammelten. Der Bereich war abgesperrt, die Handtaschen wurden kontrolliert und der Mindestabstand betrug ein Meter. Mir fiel ein, dass ich gehört hatte, es würden abends Lightshows am Münster stattfinden, bei denen ich zuerst geglaubt hatte, diesen würden aufgrund der Corona-Sicherheitsmaßnahmen ausfallen. 

Als wir das Sicherheitspersonal danach fragten, stellte sich heraus, dass sich die Leute tatsächlich versammelt hatten, um den in den bunten Farben angestrahlten Münster mitzuerleben. M. und ich befanden uns ziemlich weit vorne, sodass die Kathedrale in all ihrer Größe vor uns aufragte. Wir legten uns auf das Straßenpflaster, teilten uns seinen Rucksack als Kopfkissen und hörten, wie die Menschen ringsum den Countdown bis zur Beginn der Lightshow herunterzählten: "...cinq, quatre, trois, deux, on, zero..." Der Münster wurde daraufhin in bunte Lichteffekte getaucht, mit Musik unterlegt. Zwar hätte die Show unserem Geschmack nach noch dynamischer sein können, besonders zum Ende hin, doch sie anzusehen, war auf jeden Fall ein Highlight am ersten Abend. Da diese Show mehrmals am Abend stattfindet, konnten wir sie wenig später auch durch unser Zimmerfenster aus beobachten. Und nicht nur an diesem Abend: Auch die folgenden Abende, unter anderem, wenn wir gerade schlafen gingen, fand immer wieder die Show vor unserem Fenster statt. Wir witzelten darüber, wie es sein müsste, wenn Menschen hier wohnten und die Lightshow in der Dauerschleife miterlebten, ob sie es wollten oder nicht.

Gegen Eintritt können die 332 Stufen des Münsters zu seiner weit oben liegenden Plattform auch bestiegen werden. M. und ich taten dies ein paar Tage später, nachdem er mich davon überzeugt hatte, ich würde es schaffen. Ich bin bisher schon einige Bauwerke während meiner Reisen hochgelaufen, jedoch fühlten sich meine Beine zu dem Zeitpunkt unglaublich schwer an, nachdem ich sie die Wochen vor dem Trip beim Sport sehr gefordert hatte. 

Stück für Stück ging es die Wendeltreppe hinauf, sodass ich Mühe hatte, keinen Drehwurm zu bekommen. Auf dem halben Weg mussten wir draußen einen schmalen Weg an der Kathedrale längs laufen, um auf dem gegenüberliegenden Turm weiter die Wendeltreppe bis zur Aussichtsplattform hochzulaufen. 

Von dort aus hatten wir einen Blick über die verschiedenen Viertel Straßburgs, über Petit France bis zum Europaviertel auf der anderen Seite des Münsters. Hier wurde noch einmal ganz deutlich, dass die Häuser kreuz und quer in die Gegend gebaut worden waren. Auch das Haus, in dem sich unsere Unterkunft befand, konnten wir von hier aus sehen. In der Ferne konnten wir den Schwarzwald erkennen, hinter dem sich Deutschland befand und auch Heidelberg, wohin wir am Folgetag wieder zurückkehren sollten. Für mich war es ein unglaubliches Gefühl, so weit oben auf diesem antiken Bauwerk stehen. Bis an den Rand zu treten und über die Stadt zu blicken, die sich zu meinen Füßen erstreckte, kostete mich erst etwas Überwindung.

Mit dem TGV nach Straßburg


Es ist nun das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mich wieder außerhalb von Deutschland begeben habe, nachdem die Coronakrise alle Lebensbereiche beeinflusst hat, darunter natürlich auch das Reisen.

Mein Freund M. und ich haben nun unseren lang ersehnten Trip nach Straßburg antreten können, den wir im März aufgrund des Corona-Ausbruchs im Elsass verschieben mussten. Sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt haben wir einen Zwischenstopp in Heidelberg eingelegt. Von Baden-Württemberg aus sind einige attraktive Orte im Umland schnell zu erreichen, wie ich bereits in der Vergangenheit durch Trips wie nach Venedig feststellen konnte.

Mit dem TGW, einem französischen Zug, der sogar schneller ist als der ICE, sind wir am Schwarzwald entlang nach Frankreich gedüst. Wir beide haben es genossen, zusammen einen gemeinsamen Trip nach längerer Zeit erleben zu können und uns diese Auszeit an den warmen Sommertagen nehmen zu können. Unsere kleinen Trolley-Koffer konnten wir gerade so eben zwischen unsere Beine vor unseren Sitzen quetschen (Der TGW ist minimalistisch vom Platz her und eher rund gebaut), doch die Fahrt vom Hauptbahnhof Heidelberg aus dauerte nicht lange. Nach bereits eineinhalb Stunden überquerten wir in dem Zug die französische Grenze und erreichten Straßburg. Als wir ausstiegen und mit unseren Trolleys quer durch die schmalen, nostalgischen Gassen mit den windschiefen Häusern in Richtung unserer Airbnb-Unterkunft im Stadtzentrum liefen, während die Sonne allmählich unterging, hieß es ab jetzt für uns "Salut, France".