Dienstag, 25. Oktober 2022

Wanderung nach San Fruttuoso

Nach dem Morgen in Camogli ging es für mich und M. wieder in die Berge. Es gibt eine Wanderstrecke zwischen Camogli und dem Kloster in der Bucht von San Fruttuoso, die wir uns vorgenommen hatten. San Fruttuoso ist lediglich per Wanderung oder Schiff erreichbar, Straßen führen nicht dorthin.
Der morgendliche Espresso im Magen gab M. und mir die Energie für den Aufstieg, der über mehrere Treppen und an einzelnen, abgelegenen Grundstücken vorbeiführte. Auf diesen Grundstücken könnten wir einiges an Gewächsen wie Kiwibäume und Auberginenpflanzen entdecken. M. stellte fest, dass es das erste Mal war, dass er einen leibhaftigen Kiwibaum sah. 

Mit der Zeit wurde der Weg immer steiniger und einsamer, auch die Hinweisschilder, die darauf hindeuteten, dass der kommende Weg herausfordernd werden könnte, nahmen zu. Was genau für eine Herausforderung vor uns lag, ahnten wir noch nicht. Es ging abwechselnd durch Wälder und dann wieder außen am Berg entlang, von wo aus wir in der Tiefe das türkisfarbene Wasser der ligurischen Küste glitzern sehen konnten. Da der Weg, der uns nach San Fruttuoso führen sollte, schwer erkennbar war, hielten wir uns an die roten Pfeile, die auf Steine und Bäume gemalt waren. Manchmal passierten wir Wegabschnitte, an denen wir uns an Eisenketten festhielten, um über die steilen Felsen zu gelangen. Für mich war es mit meiner Handtasche über die Schulter teilweise herausfordernd, doch Stück für Stück gelangten wir über den Berg. 

Der weitere Weg, der den Berghang hinunterging, war von Gestrüpp gesäumt, sodass wir uns an einigen Stellen ducken mussten. "Ich sehe den nächsten roten Pfeil nicht", stellte ich nach einiger Zeit des Laufens oder eher Kletterns fest. "Dann lass uns sehen, ob wir ihn finden", sagte M. "Oder wir müssen umkehren." Zunächst hoffte ich, nicht umkehren zu müssen, und schaute beim Weitergehen links und rechts, ob irgendwann doch noch eine Wegmarkierung auftauchte. Doch es kam keine, stattdessen sah ich ringsum nur Gestrüpp. Die Sonne brannte währenddessen vom Himmel und unser Wasservorrat ging stetig zur Neige, ebenso wie meine Energie und gute Laune. Der Weg sah noch lange nicht aus wie ein Weg. Zum Glück war M. noch motivierter als ich und schlug vor, umzukehren. Somit kraxelten wir den Berg wieder hoch und gelangten zurück zu der letzten Eisenkette, an der wir uns ein Stück den Abhang entlang gehangelt hatten. Wir waren nun schon einige Stunden unterwegs und San Fruttuoso hinter dem nächsten Berg laut unserer Einschätzung. 

Wir hatten Glück, dass auf dem weiteren Weg einige Plätze mit wunderschönen Aussichten auf uns warteten, eingebettet zwischen Bergen und Meer. Weit in der Ferne schaukelten bilderbuchhaft einige Boote in der Bucht, die von hier oben winzig erschienen.
Auf dem weiteren Weg war es M., der erschöpft war und unter der Mittagssonne litt, auch wenn wir einige kurze Pausen im Schatten der Bäume einlegten und Focaccia knabberten. Zugleich war meine Laune wieder besser, nachdem wir uns wieder auf dem richtigen Weg befanden, und damit auch meine Energie wieder hergestellt. Der Weg führte rauf und runter über Stock und Stein; sportlich gefordert waren wir damit für heute definitiv. Wir beschlossen, unsere Pausen nicht zu lang zu machen und unsere momentane Energie eher dafür zu nutzen, den restlichen Weg nach San Fruttuoso zu bewältigen. Dort, so war der Plan, würden wir erst einmal entspannen. Ein Wanderer und eine Wanderin kamen uns aus der entgegengesetzten Richtung entgegen. Sie lächelten uns gut gelaunt an und teilten uns mit, dass es ab nun nur noch bergab ginge, um in die Bucht von San Fruttuoso zu gelangen. Wir bedankten uns und zogen weiter. "Die Armen", sagte M., "Ob sie sich darüber im Klaren sind, was für eine Herausforderung nun vor ihnen liegt?". Wir wussten es nicht.

Mittags erreichten wir San Fruttuoso und gönnten uns erst einmal kalte Getränke, die es dort in einem Café zu kaufen gab. Für mich gab es in dem Moment nichts Besseres als eiskaltes, frisches Wasser, wie so oft nach einer langen Wanderung. Kurz danach suchten wir uns einen Platz auf einen der Felsen neben dem Strand. Die Strände in der Bucht zogen ziemlich viele Badegäste an, die es sich hier bequem gemacht hatten, sodass ich es vorzog, mich auf einem der Felsen auszubreiten. M. genoss eine Abkühlung in dem klaren Wasser und ich überlegte, es ihm gleichzutun, als er erfrischt wieder aus dem Wasser stieg. San Fruttuoso ist dafür bekannt, dass auf dem Meeresboden eine riesige Jesusstatue als Andenken an einen verunglückten Taucher steht, die ihre Hände zur Wasseroberfläche erhoben hat. Für Taucher*innen ist diese ein Highlight in dieser Bucht und auch beim Schnorcheln und Schwimmen an der Wasseroberfläche soll es möglich sein, sie zu erkennen. Für manche erscheint der Gedanke an die Statue unter Wasser etwas unheimlich, ich fand es faszinierend. Vielleicht würde ich beim Schwimmen in dem klaren Wasser einen Blick darauf erhaschen?
Als jedoch am Strand ein Aufschrei einer Frau ertönte, die sich im Wasser an einer Feuerqualle verletzt hatte, verwarf ich diesen Gedanken sofort wieder. 
Lieber genoss ich noch ein wenig den Blick auf die malerische Bucht. 

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Camogli

Insgesamt konnten M. und ich von Genua die Küste Liguriens Stück für Stück entdecken. Ein malerischer Ort reihte sich an der Küste an den anderen. Einen Ort gibt es allerdings, der uns beide besonders im Gedächtnis und auch im Herzen geblieben ist: Das verträumte Küstenstädtchen Camogli.

Allein der Bahnhof, auf dessen Bahnsteigen Palmen gepflanzt waren, war der Schönste, den ich je gesehen habe. Er war gepflegt, ruhig und bereits von hier aus war das Meer an der Seite zu erahnen. Mit Eiskaffee und einem Fruchtsaft in der Hand spazierten wir die Promenade in Richtung Hafen hinunter. Das Panorama mit der gelben, etwas verwitterten Burg am Meer war allein schon romantisch. Ein paar Leute waren unterwegs, doch es war nicht voll, sondern es herrschte eine entspannte Atmosphäre.

In dem Hafen, der von hellgelben Häusern umrahmt war begegnete uns ein Reiher, der auf einem der Boote thronte. Er posierte wie ein Model in der Sonne und sich dabei von vorbeilaufenden Passant*innen wie uns nicht stören ließ. Zum Model wurde er dann tatsächlich, als ich kurzerhand ein Foto nach dem anderen von ihm aufnahm. M. sprach genau das aus, was ich auch über Camogli dachte: Der kleine, charmante Ort war einfach zum Verlieben. Wir hatten das Gefühl, dass wir stundenlang am Hafen verweilen könnten und den Reiher beobachten konnten, der nun seine weiten Flügel ausbreitete und dabei ein majestätisches Bild abgab.

Bei unserer weiteren Tour von Camogli kletterten wir auf den Felsen hinter der Burg herum und streiften durch die Gassen, in denen die Wäsche zwischen den Hauswänden hoch über uns aufgehangen war und die Treppenstufen zu den Hauseingängen grün bepflanzt waren. 
Irgendwo dazwischen gab es diesen kleinen Feinkostladen, in dem M. einkaufte. Er wollte Italien nach dieser Reise nicht verlassen, ohne ein paar Delikatessen mitgenommen zu haben und wurde nun fündig. Als er sich in dem Laden umschaute, einige Gewürze und regionale Pasta in der Hand hatte, kam die Verkäuferin zu uns, um uns zu beraten.
"Siamo vegani", erklärte ich ihr daraufhin, um sie darauf hinzuweisen, dass M. und ich beide vegan leben. Sie überlegte kurz, dann strahlte sie und zauberte aus dem Regal neben uns einen veganen Pesto hervor. Der wanderte auch direkt zu den Lebensmitteln, die M. kaufen wollte. "Bring mich hier bloß weg", sagte er zu mir, als er seinen Einkauf begutachtete, "Sonst kaufe ich noch den ganzen Laden leer!". "Wenn, dann hast du hier die Gelegenheit", erwiderte ich und ging mit ihm zum Kassentisch, "Nun bist du aber wirklich gut ausgestattet."

Am nächsten Morgen fuhren wir in aller Frühe wieder nach Camogli. Wir hatten ohnehin vor, von hier aus durch den Nationalpark am Meer zum Kloster in der Bucht von San Fruttuoso zu wandern. Davor nutzten wir die Gelegenheit, in Camogli in aller Frühe den Strand entlangzulaufen und draußen einen Espresso zu trinken. M. fand sogar in dem kleinen Barista-Laden, den wir spontan aufgesucht hatten, ein veganes Cornetto. Wir waren beide erstaunt, wie viel dies kleine Städtchen an veganen Optionen aufwies, ohne dass wir gezielt danach gesucht hätten. Es war der perfekte Start in den Tag, an den ich immer wieder gern zurückdenke und M. genauso.

Es gibt Orte, die dich auf merkwürdige Art berühren, obwohl du davor überhaupt nicht damit gerechnet hast, und mit denen du fortan ein Lebensgefühl verbindest, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Jemand anders mag das wiederum ganz anders erleben, das ist individuell verschieden, doch für dich ist dieser eine Ort mit deinen Erinnerungen und Emotionen verknüpft. Einer dieser Orte ist für mich und M. Camogli.

Dienstag, 18. Oktober 2022

Weiter durch den Nationalpark der Cinque Terre


Weiter ging es dann nach Corniglia. Ein Highlight erwartete uns jedoch auf dem Weg dorthin: Als das dritte Dorf der Cinque Terre bereits zu sehen waren, kamen wir an einem kleinen Laden vorbei, der Säfte und Smoothies verkaufte. M. holte sich eine "Granita", eine sorbetartige sizilianische Süßspeise, und ich einen frisch gepressten Orangensaft. Damit setzten wir uns einige Treppenstufen weiter oben auf eine Terrasse mit Ausblick auf das Meer und den Berg, auf dem sich Corniglia befand. M. und ich waren uns einig, dass die besten Momente auf Reisen spontan passieren und dass es oft die kleinen Dinge zwischendurch sind, die sie ausmachen.

In den bunten, verwinkelten Gassen von Corniglia bekamen wir allmählich wieder Durst nach der schweißtreibenden Wanderung und auch etwas Hunger. So beschlossen wir, in einem der Hinterhöfe zu pausieren und bestellten einen eisgekühlten Fruchtsmoothie. Ich entdeckte zudem einen veganen Burger auf der Karte, den sich M. bestellte. Als ihm ein schmaler Teller mit ein paar Rucola- und Salatblättchen sowie einem veganen Burger-Pattie, jedoch ohne Brötchen oder anderen Beilagen, serviert wurde, konnte ich es kaum fassen. "Das ist doch kein Burger!", sagte ich kopfschüttelnd. Das Essen in Cinque Terre konnte uns zwar nicht überzeugen, die Natur und die charmanten Dörfer schon.

Wir wanderten als Nächstes durch die Berge nach Manarola, wo wir am Nachmittag eintrudelten. Das kleine Dorf erschien uns am trubeligsten von allen, was jedoch auch der Uhrzeit geschuldet sein könnte. Unzählige schnatternde Menschen mit Sonnenhüten auf dem Kopf wie ich liefen die Straße zwischen den Cafés entlang, badeten an den Felsen der Bucht und orderten kühle Drinks. Wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten und beobachteten des Treiben. Nun wurde uns erst recht bewusst, wie erschöpft wir waren. So entschieden wir, dass wir für das Stück zu dem letzten Dorf, Riomaggiore, in den Zug stiegen.

Riomaggiore sticht besonders durch den Hafen , an dem sich die Häuser in kräftigen warmen Farben nebeneinander auftürmen. Es gab eine verhältnismäßig große Hauptstraße im Vergleich zu den anderen Dörfern, in der M. und ich uns ein paar Snacks besorgen konnten. Auch die weniger belebten Seitenstraßen, in denen uns schmale Pfade zwischen den verwitterten Häusern auf- und abwärts führten, waren für uns interessant.

Abends fuhren wir die Strecke von Riomaggiore nach Monterosso durch und hatten noch etwas Zeit, bevor wir in den Zug zurück nach Genua umstiegen. Ich freute mich nun auf nichts mehr als auf ein Bad im Meer am Strand von Monterosso. Zu meinem Erstaunen war der Strand immer noch nicht - oder inzwischen nicht mehr- überfüllt, sondern angenehm ruhig. M. setzte sich in den Sand und ich sprang ins Wasser. Nach der vielen körperlichen Anstrengung und nach all den Eindrücken der letzten Stunden empfand ich das Schwimmen im angenehm kühlen Wasser als sehr wohltuend. Meine Kopfschmerzen waren inzwischen vergessen. Außerdem fand ich den Steinstrand wunderschön - tatsächlich mag ich Steinstrände manchmal sogar lieber als Sandstrände- mit den Bergen und der Dorfkulisse Monterossos sowie den Felsen im Wasser. Ja, Cinque Terre, du bist wirklich wunderschön, so wie viele es sagen... 

In den malerischen Bergdörfern der Cinque Terre

Wer unsere Reisen genauer verfolgt, wird mitbekommen, dass M. und ich an Tagen, wo längere Wege gewandert werden, möglichst früh aufstehen. Zum Einen haben wir dadurch insgesamt mehr vom Tag, an dem wir viel sehen möchten, und zum Anderen sind wir dann vor der drückenden Mittagshitze unterwegs. So kam es, dass wir an einem Morgen noch im Dunkeln aus unserem Hotel aufbrachen, um beim nahegelegenen Fernbahnhof nach Cinque Terre zu fahren. Das Praktische an dem Bahnhof in Genua war es, dass wir für kleines Geld (ca. drei Euro für eine halbe Stunde Fahrt in einen Nachbarort) die Orte entlang der ligurischen Küste besuchen konnten. 

Die Cinque Terre gilt als einer schönsten Orte Italiens und besticht durch fünf bunte Bergdörfer, die in den Felsen ans Wasser gebaut sind. Unser Fernzug hielt im ersten Dorf Monterosso. Dort kauften wir eine Karte, in der die Wanderung der Nationalparks der Cinque Terre sowohl beliebig viele Bahnfahrten durch die fünf Dörfer mit inbegriffen waren. 

M. und ich hatten uns entschieden, den Hinweg zu wandern. Schilder wiesen uns daraufhin, dass die Wanderung nur für körperlich fitte Menschen geeignet sei und das Tragen von Flipflops währenddessen unter Strafe stehe. Zwar hatten wir keine professionellen Wanderschuhe dabei, jedoch festes Schuhwerk. Der Wanderweg klang herausfordernd und wir nahmen die Herausforderung an. Zuvor verweilten wir jedoch noch einen Moment in Monterosso. Monterosso hat einen wunderschönen Strand mit Felsen, die aus dem Wasser ragen. Da wir bei Sonnenaufgang dort ankamen, ging ich mit M. an den noch einsamen Strand. In ein paar Stunden, so vermutete ich es, würde er von vielen Leuten belagert sein. 

Von Monterosso aus wanderten wir durch die Berge nach Vernazza. Wir durchquerten Weinanbauflächen, Olivenhaine und Wälder. Zwischendurch blitzte immer mal wieder das Meer weit unten hervor. Es gab sogar auf einem einsamen Weg einen Straßenmusiker, der zu spielen anfing, als wir in Sichtweite waren. 
Nach einer intensiven Wanderung, bei der ich noch ein wenig Kopfschmerzen nach der gestrigen Delfintour unter der Sonne spürte und mich jedoch die Natur ringsum davon ablenkte, kamen die bunten Häuser von Vernazza in Sichtweite. Vernazza ist mir und M. als eines der schönsten Bergdörfer der Cinque Terre in Erinnerung geblieben. Auf dem Wanderweg dorthin fanden wir einen Aussichtspunkt, von dem wir auf die Bucht von Vernazza hinabblicken konnte. Hier nutzte ich die Gelegenheit und schoss unzählige Fotos von den pittoresken Häuschen, eingebettet zwischen Berg und Wasser.  
Vor Ort stärkten wir uns mit etwas Obst, das wir in einem kleinen Obst- und Gemüseladen in den Gassen kauften- die Pfirsiche aus Ligurien sind einfach unbeschreiblich süß und saftig- und liefen den Steg zu dem kleinen Hafen der Bucht lang. Einige Menschen tummelten sich hier bereits, um zu baden, oder saßen einfach in der Sonne. 

Delfine vor Genua

Worauf ich mich am Anfang der Zeit in Genua besonders freute, war die geplante Delfintour, die vom Hafen aus in Genua startete. Da ich es auf keinen Fall verpassen wollte, eine gute Sicht aufs Wasser zu haben, wenn das Boot sich nah bei den Delfinen befand, setzten M. und ich aufs Außendeck statt ins Innere des Schiffs. Schattenplätze gab es nicht, demnach würden wir die nächsten Stunde unter der hell scheinenden Sonne verbringen. Meinen Sonnenhut hatte ich zuhause gelassen, da ich Sorge hatte, bei der windigen Fahrt würde er über Bord geweht werden. Somit cremte ich mich dick ein, als das Boot den Hafen von Genua langsam verließ. 

Auf dem offenen Meer bekamen wir eine Meeresschildkröte zu Gesicht, die ihren Kopf aus dem Wasser reckte. Sie war ziemlich groß für eine Schildkröte wurde auf etwa achtzig Jahre geschätzt. Damit war das Reptil, das unser Schiff aus dunklen Knopfaugen beäugte, fast dreimal so alt wie ich und hatte den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Was für ein verrückter Gedanke. Ich stellte mir vor, dass die Meeresschildkröte schon vor Jahrzehnten auf Boote mit Tourist*innen getroffen war, die ihre Retro-Kameras gezückt hatten, während heute alle ihre Smartphones zückten. Sie musste viel erlebt haben in ihren achtzig Jahren, die Meeresschildkröte. 

Danach verging Stunde und Stunde, bei der M. und ich nur auf die tiefblaue Wasserfläche neben uns blickten und sich allmählich Kopfschmerzen bei mir bemerkbar machten. Auch M. bekam die Hitze allmählich zu spüren, weshalb wir ihm aus dem Inneren des Schiffes eine eiskalte Cola besorgten. Die Delfine waren noch nicht in Sicht, dabei waren wir bereits über vier Stunden auf dem Meer unterwegs. Als auch nach fünf Stunden noch keine gesichtet worden waren und die Delfintour sich von der Dauer allmählich dem Ende zuneigte, kroch etwas Enttäuschung in mir hoch. "Das ist die Natur", sagte M. und da konnte ich ihm nur Recht geben: "Da lässt sich nichts erzwingen. Die Delfine kommen nur, wenn sie es wollen." Und sie kamen tatsächlich. Helle Aufregung machte sich an Bord breit, als eine Delfinschule, eine Gruppe aus Delfinen, neben dem Boot her aus dem Wasser sprang. Die Delfine waren immer für den Bruchteil eine Sekunde zu sehen, wie sie aus dem Wasser sprangen, tauchten dann wieder in die Wellen und sprangen erneut über die glitzernde Wasseroberfläche. M. und ich sowie all die anderen Fahrgäste waren ganz begeistert, sie dabei zu beobachten.

Doch seinen Höhepunkt erreichte das ganze noch ein wenig später, als das Tourboot schon allmählich den Rückweg zum Hafen antrat: Vor dem Schiffbug erschienen plötzlich noch einmal mehrere Delfine. Sie sprangen gleichzeitig aus dem Wasser und schienen offensichtlich großen Spaß an dem zu haben, was sie taten. Sie wirkten unglaublich verspielt. Ein Delfin sauste knapp unter der Wasseroberfläche am Boot entlang, was von uns Fahrgästen über die Reling hinweg mit großer Faszination registriert wurde. Das Warten hatte sich letztendlich doch gelohnt. Erschöpft erreichten M. und ich am frühen Abend den Hafen von Genua. Die Sonne hatte uns zu schaffen gemacht, was sich in den folgenden Stunden noch bemerkbar machen sollte. Doch ich war glücklich, den Delfinen begegnen zu dürfen. Für mich und M. stand als Nächstes eine Pizza Marinara zur Stärkung auf dem Programm.

Es gibt keine Garantie, wann und wo genau wir ihnen begegnen, doch sie dann in ihrem natürlichen Lebensraum erleben zu können, (mehr oder weniger) stille*r Beobachter*in des Geschehens zu sein, ist eine bereichernde Erfahrung. Wenn wir die Wildtiere auf diese Art und Weise beobachten, respektieren wir sie im Gegensatz dazu, wenn wir sie in Delfinarien besuchen. Dort werden sie in viel zu kleinen Becken, die den Meeressäugern verglichen mit der Weite des Ozeans keinen Bewegungsspielraum bieten, gehalten und daran gehindert, ihre natürlichen Bedürfnisse auszuleben. Da mag es nicht verwundern, dass Delfine infolgedessen in Gefangenschaft nicht sehr alt werden. Doch wer Delfine gern aus der Nähe erleben möchte- und zwar, wie sie durchs Wasser pflügen und springen- hat dank Bootsausflügen wie dieser die Möglichkeit dazu. Ich würde jederzeit wieder einen Delfinausflug planen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe



Ankunft in Ligurien: Die Gassen von Genua

Nachdem ich mit meinem Rollkoffer und meinem Sonnenhut, den mir M. letztes Jahr in Sevilla geschenkt hatte, ausgerüstet aus dem sonnigen Verona zurück ins ebenso sonnige Deutschland zurückkehrte, sollte es nur vier Tage dauern, bis M. und ich unsere gemeinsame Italienreise nach Ligurien antraten. Am späten Sonntagabend stiegen wir in den Zug und fuhren die Nacht durch, sodass wir im Laufe des nächsten Tages in Genua ankamen. 

In Genua wartete warmes Wetter auf uns, als wir vom Bahnhof unsere Rollkoffer hinter uns her in Richtung Hotel zogen. 
Das Hotel gefiel uns nicht nur wegen der zentralen Lage, sondern weil es einen winzigen Balkon besaß, auf dem wir sitzen und über die Dächer der etwas hügeligen Stadt blicken konnten. Das nutzten wir die nächsten Tage auch aus.

Bei unserer ersten Erkundungstour streiften wir durch die schmalen Gassen der Innenstadt. Dabei kamen wir am Piazza de Ferrari mit einem prunkvollen Brunnen und dem Palazzo Ducale vorbei und am Kolumbushaus mit den weißen Säulen sowie an viel lebhafter italienischer Gastronomie. Versteckt inmitten der eng gebauten Häusern fanden wir auch den kleinen Piazza San Matteo mit gleich zwei Kirchen und einem Kloster, die sich durch ihre schwarzweiße Farbe auszeichneten. Ich konnte in einem Supermarkt dazwischen wieder das Focaccia entdecken, das ich auch schon in Verona gegessen hatte. M. und ich nahmen beide jeweils eins mit. 

Als wir die engen Gassen verließen, lag der Porto Antico, der alte Hafenabschnitt Genuas vor uns, in dem viele Menschen unterwegs waren. Hier lockte nicht nur der Hafen selbst, sondern auch zahlreiche Cafés, Restaurants und Museen. Hunderte von Booten und Yachten lagen hier vor der Kulisse mit den hellgelben und terracottafarbenen Häusern Genuas. Palmen waren vor dem Porto Antico in einer Reihe gepflanzt und mit Sitzbänken ringsum versehen. Ein antikes Piratenschiff, das eigens für einen Film gebaut worden war, gab es hier ebenfalls aus der Nähe zu sehen. Der Hafen entpuppte sich als einer der Hotspots in Genua, während sich in den Gassen der Altstadt auch viel los war, sich die Menschen jedoch dort noch mehr verteilten.

Die letzten Stunden in Mailand und Verona


Z. und ich ließen uns während der Zeit in Mailand rund um die Kathedrale durch die Straßen treiben und sammelten viele Eindrücke in der lebhaften, flirrenden Großstadt. Den Tag danach war sie etwas erschöpft von der Hitze, sodass ich sie mitsamt unseres Gepäcks in ein Café innerhalb des Bahnhofs begleitete. Dann zog ich noch für einen letzten Rundgang durch Mailand auf eigene Faust los, bevor wir unseren letzten Abend wieder in Verona verbringen würden. 

Bei meinem Spaziergang konnte ich noch einige moderne Ecken der Großstadt entdecken, die sich fußläufig vom Zentrum entfernt befanden. Zum Beispiel die über und über mit Grünpflanzen bewachsenen Türme, den Bosco Verticale, was so viel wie "senkrechter Wald" bedeutet. Hier befinden sich etwa 900 (!) Bäume am Haus. Somit sieht das Hochhaus von Weitem tatsächlich sehr grün aus.

Im Stadtviertel Porta Garibaldi kaufte ich mir ein paar Pfirsiche, die ganz regional aus der Umgebung stammten und dementsprechend aromatisch waren - habe ich schon erwähnt- wie sehr ich Obst im Allgemeinen liebe? Weiter ging es die Einkaufsstraße mit dem städtischen Triumphbogen und zahlreichen Einkehrmöglichkeiten entlang. Besonders gefielen mir die Hinterhöfe des Viertels, die hinter verschnörkelten Toren zu erspähen und meistens mit viel Liebe zum Detail bepflanzt waren. An den Hochhäusern ringsum konnte ich einige riesige Streetart-Fassaden entdecken, unter anderem mit politischen Botschaften wie zum Thema Frauenrechte usw..


Den Nachmittag ließen Z. und im Café des Bahnhofs ausklingen, von dem wir noch einmal die gelbe Tram durch die Fensterscheiben vorbeiziehen sehen konnten. Wenig später ging es für uns mit dem Zug zurück nach Verona. Dort flanierten wir noch einmal am Kolosseum vorbei und setzten uns nicht weit entfernt vom Haus der Julia in ein Café am Marktplatz. In einem einheimischen Supermarkt deckten wir uns noch für die Rückfahrt mit Focaccia und anderem Gebäck sowie regionalen Tomaten und Delikatessen ein, die Z. ihrer Familie mitbringen wollte.

In Mailand können Großstadt- und natürlich Modefans auf ihre Kosten kommen, doch wer das typisch italienische Flair in charmanten, kleinen Gassen sucht, den wird Verona als Reiseziel ansprechen. Beide Städte sind leicht von Deutschland aus zu erreichen und sind gut angebunden. Wenn man wie wir im Zug sitzt, kann auf der Fahrt noch der wunderschönen Ausblick auf die Bergwelt der Alpen erlebt werden. Diesen hatten wir auf unserer Rückfahrt zum zweiten Mal.