Der morgendliche Espresso im Magen gab M. und mir die Energie für den Aufstieg, der über mehrere Treppen und an einzelnen, abgelegenen Grundstücken vorbeiführte. Auf diesen Grundstücken könnten wir einiges an Gewächsen wie Kiwibäume und Auberginenpflanzen entdecken. M. stellte fest, dass es das erste Mal war, dass er einen leibhaftigen Kiwibaum sah.
Mit der Zeit wurde der Weg immer steiniger und einsamer, auch die Hinweisschilder, die darauf hindeuteten, dass der kommende Weg herausfordernd werden könnte, nahmen zu. Was genau für eine Herausforderung vor uns lag, ahnten wir noch nicht. Es ging abwechselnd durch Wälder und dann wieder außen am Berg entlang, von wo aus wir in der Tiefe das türkisfarbene Wasser der ligurischen Küste glitzern sehen konnten. Da der Weg, der uns nach San Fruttuoso führen sollte, schwer erkennbar war, hielten wir uns an die roten Pfeile, die auf Steine und Bäume gemalt waren. Manchmal passierten wir Wegabschnitte, an denen wir uns an Eisenketten festhielten, um über die steilen Felsen zu gelangen. Für mich war es mit meiner Handtasche über die Schulter teilweise herausfordernd, doch Stück für Stück gelangten wir über den Berg.
Der weitere Weg, der den Berghang hinunterging, war von Gestrüpp gesäumt, sodass wir uns an einigen Stellen ducken mussten. "Ich sehe den nächsten roten Pfeil nicht", stellte ich nach einiger Zeit des Laufens oder eher Kletterns fest. "Dann lass uns sehen, ob wir ihn finden", sagte M. "Oder wir müssen umkehren." Zunächst hoffte ich, nicht umkehren zu müssen, und schaute beim Weitergehen links und rechts, ob irgendwann doch noch eine Wegmarkierung auftauchte. Doch es kam keine, stattdessen sah ich ringsum nur Gestrüpp. Die Sonne brannte währenddessen vom Himmel und unser Wasservorrat ging stetig zur Neige, ebenso wie meine Energie und gute Laune. Der Weg sah noch lange nicht aus wie ein Weg. Zum Glück war M. noch motivierter als ich und schlug vor, umzukehren. Somit kraxelten wir den Berg wieder hoch und gelangten zurück zu der letzten Eisenkette, an der wir uns ein Stück den Abhang entlang gehangelt hatten. Wir waren nun schon einige Stunden unterwegs und San Fruttuoso hinter dem nächsten Berg laut unserer Einschätzung.
Wir hatten Glück, dass auf dem weiteren Weg einige Plätze mit wunderschönen Aussichten auf uns warteten, eingebettet zwischen Bergen und Meer. Weit in der Ferne schaukelten bilderbuchhaft einige Boote in der Bucht, die von hier oben winzig erschienen.
Auf dem weiteren Weg war es M., der erschöpft war und unter der Mittagssonne litt, auch wenn wir einige kurze Pausen im Schatten der Bäume einlegten und Focaccia knabberten. Zugleich war meine Laune wieder besser, nachdem wir uns wieder auf dem richtigen Weg befanden, und damit auch meine Energie wieder hergestellt. Der Weg führte rauf und runter über Stock und Stein; sportlich gefordert waren wir damit für heute definitiv. Wir beschlossen, unsere Pausen nicht zu lang zu machen und unsere momentane Energie eher dafür zu nutzen, den restlichen Weg nach San Fruttuoso zu bewältigen. Dort, so war der Plan, würden wir erst einmal entspannen. Ein Wanderer und eine Wanderin kamen uns aus der entgegengesetzten Richtung entgegen. Sie lächelten uns gut gelaunt an und teilten uns mit, dass es ab nun nur noch bergab ginge, um in die Bucht von San Fruttuoso zu gelangen. Wir bedankten uns und zogen weiter. "Die Armen", sagte M., "Ob sie sich darüber im Klaren sind, was für eine Herausforderung nun vor ihnen liegt?". Wir wussten es nicht.
Mittags erreichten wir San Fruttuoso und gönnten uns erst einmal kalte Getränke, die es dort in einem Café zu kaufen gab. Für mich gab es in dem Moment nichts Besseres als eiskaltes, frisches Wasser, wie so oft nach einer langen Wanderung. Kurz danach suchten wir uns einen Platz auf einen der Felsen neben dem Strand. Die Strände in der Bucht zogen ziemlich viele Badegäste an, die es sich hier bequem gemacht hatten, sodass ich es vorzog, mich auf einem der Felsen auszubreiten. M. genoss eine Abkühlung in dem klaren Wasser und ich überlegte, es ihm gleichzutun, als er erfrischt wieder aus dem Wasser stieg. San Fruttuoso ist dafür bekannt, dass auf dem Meeresboden eine riesige Jesusstatue als Andenken an einen verunglückten Taucher steht, die ihre Hände zur Wasseroberfläche erhoben hat. Für Taucher*innen ist diese ein Highlight in dieser Bucht und auch beim Schnorcheln und Schwimmen an der Wasseroberfläche soll es möglich sein, sie zu erkennen. Für manche erscheint der Gedanke an die Statue unter Wasser etwas unheimlich, ich fand es faszinierend. Vielleicht würde ich beim Schwimmen in dem klaren Wasser einen Blick darauf erhaschen?
Als jedoch am Strand ein Aufschrei einer Frau ertönte, die sich im Wasser an einer Feuerqualle verletzt hatte, verwarf ich diesen Gedanken sofort wieder.
Lieber genoss ich noch ein wenig den Blick auf die malerische Bucht.


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