Sonntag, 7. April 2019

Wieder über den Atlantik zurück

Ich saß am JFK-Airport, während ich diese Zeilen tippte, und begann, mich wieder auf Deutschland zu freuen und darauf, meinen Lieben alles erzählen können. Den letzten Tag meiner Reise verbrachte ich damit, durch New York City zu spazieren und die Frühlingssonne im Bryant Park zu genießen- das Wetter war zum Abschluss nochmal so schön wie an dem Tag, an dem L. und ich bei 18 Grad ohne Jacke durch Manhattan schlendern konnten.

Und zum Abschluss gehörte ebenso ein wenig abschließende Aufregung dazu: Just in dem Augenblick, als ich meine Metrocard aufladen wollte, um zum Flughafen zu gelangen, und sie in den Automaten steckte, blieb sie, wo sie war. Hinter mir hatte sich eine lange Schlange gebildet und die Leute schienen mein Gefummel an dem Automaten nicht wirklich zu registrieren. Als ich am Schalter nur ein Formular bekam, mit dem ich eine schriftliche Verlustmeldung für die Metrokarte veranlassen konnte, heulte ich mich zunächst ein wenig per Whatsapp bei L. aus und fragte sie um Rat. Als ich erneut zum Schalter ging und die Situation schilderte, dass ich die Metrocard nur für den letzten Weg gebraucht hätte, gab mir der Zuständige zu verstehen, ich sollte unter dem Drehkreuz durchkriechen. Zweifelnd sah ich ihn an. Ich musste es missverstanden haben, so gut war mein Englisch auch nicht, er musste etwas anderes gemeint haben. Doch das tat er nicht. Und die beiden uniformierten Polizisten, die in der Bahnstation standen, sahen gerade nicht herüber. Kurzerhand schob ich meinen Koffer unter dem Drehkreuz durch, dann meine Handtasche und zuletzt mich selbst. Danach kam ich sehr schnell am Flughafen an und bekam sogar meine Metrocard ersetzt.

Im Nachhinein kann ich wieder einmal feststellen, dass ich in den drei Wochen an der Ostküste einiges erlebt habe. Von New York City ausgehend bin ich mit L. durch Connecticut nach Massachusetts gereist, nachdem wir mit Philadelphia auch dem US-Staat Pennsylvania einen Besuch abgestattet hatten. Mit der Tour zu den Niagarafällen bin ich anschließend noch einmal quer durch den US-Staat New York gereist, habe die kanadische Grenze überquert (Während meiner Zeit dort sogar ein weiteres Mal zu Fuß über die Rainbow Bridge) und den Süden Kanadas, Ontario, betreten. L. und ich hatten eine tolle Zeit zusammen und ich bin sehr glücklich darüber, dass wir beide die Gelegenheit hatten, so viel gemeinsam unterwegs zu sein.

Und ich bin froh darüber. Selbst, wenn es stressige Situationen gibt, so wie heute, es gibt überall auf diesem Planeten neben allen Trickbetrügern und Abzockern, vor denen ich vorher gewarnt worden war, wohlwollende Menschen und immer gewisse Highlights, die den Stress wert sind. Und das liebe ich. Wie nach jeder Reise freute ich mich darauf, all das Erlebte für euch aufzuschreiben, liebe Leser und Leserinnen. Davor freute ich aber zuerst auf eines: meinen Freund M.

Die Niagarafälle bei Nacht


Ab etwa zwanzig Uhr entfalten die Niagarafälle ihren ganz besonderen Zauber, der zu dem Las-Vegas-Charakter des Ortes passt: Sie werden farbig angestrahlt und stellen somit eine Attraktion fürs Auge da. Ich habe mir das Highlight natürlich nicht entgehen lassen und bin auf Anraten meiner Vermieterin relativ spät losgegangen, um es mir anzusehen.

Die Niagarafälle

Morgens gegen acht kam ich in Ontario am Busbahnhof an und folgte einfach dem Niagarafluss, an dessen Ende ich schon aus der Ferne einen Blick auf die aufsteigenden Nebelschwaden erhaschen konnte. Das Örtchen, in dem ich das Finale meiner Reise- diesmal im Alleingang- verbrachte, nannte sich wie seine größte Sehenswürdigkeit: Niagara Falls. Der Fluss, der aus den Fällen mündete, teilte Kanada und USA, was auch der Grund dafür war, dass ich über die Grenze reisen musste, um dorthin zu gelangen. Die Grenzkontrolle war noch einmal aufwendig gewesen (alle Reisenden mussten mitsamt ihrem Gepäck dafür aus dem Reisebus aussteigen), doch ich hatte es nun geschafft und freute mich so sehr, hier zu sein, dass ich ganz vergaß, wie wenig ich geschlafen hatte.

“Niagara“ kommt aus dem Indianischen und bedeutet so viel wie “donnerndes Wasser“. Als ich davorstand, bekam ich dieses Donnern direkt mit. Mein Auge konnte nur schwer erfassen, wie viele Hunderte Liter jede Sekunde den Abhang herunterstürzten. Und damit noch nicht genug: In Kanada herrschten teilweise noch winterliche Temperaturen, sodass im Niagara Lake riesige Eisplatten schwammen und an den Fällen sich auch an manchen Stellen eine Eiskruste gebildet hatte. Blendet man die hohen Bauten Buffalos dahinter aus - oder den Skylon-Tower sowie die Partymeile von Niagara Fall, je nachdem, auf welcher Seite man steht- hört sich dies ziemlich märchenhaft an. Wer die Niagarafälle in aller Intensität erleben möchte, sollte sich hauptsächlich auf das vorhandene achte Weltwunder konzentrieren. Mir ging es jedenfalls so, sodass ich bewusst die meiste Zeit bei den Fällen verbrachte und den hinabstürzenden Wassermassen zusah.

Denn die Stadt Niagara Falls erschien mir alles andere als märchenhaft- eher wie ein ausgestorbenes Las Vegas. Das meine ich nicht zwangsläufig negativ. Es kann nur etwas gewöhnungsbedürftig sein, weil Wasserfälle meistens mit Wildnis und Natur in Verbindung gebracht werden. Die Natur, die in Niagara Falls zu finden ist, sind die Wasserfälle selbst. Ansonsten ist es eine Stadt mit lauter Läden, Pommesbuden, Fahrgeschäften und Casinos, die drumherum gebaut wurde. Vieles war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dort war, auch geschlossen, aufgrund der Nebensaison in Niagara Falls. Ich selbst fand es sehr angenehm, mich nicht durch Touristenmassen schieben zu müssen.

In den Tagen in meiner Unterkunft hatte ich Gelegenheit, etwas herunterzukommen nach den bisherigen Trips, und spazierte jeden Tag gemächlich durch Niagara Falls. Meine Vermieterin war sehr freundlich und gab mir jede Menge Ratschläge für den Ort, als wir bei einem Nachmittagskaffee in ihrer Küche saßen und so lange quatschten, dass wir ganz die Zeit vergaßen.

Als Veganerin in den USA

Als ich in Amerika ankam, musste ich mich ziemlich an des Essen gewöhnen. In Northampton, an L.s College, lebte ich quasi im veganen Paradies, denn so liberall und multikulturell, wie Northampton als Studentenstadt ist, so wurde hier auch für Vegetarier, Veganer, Sportler und Koscher-Essende gesorgt. Ich bediente mich jeden Tag am Buffet, an dem es öfters vegane Burger, Reis mit Bohnen und Gemüse, asiatische Eintöpfe und Vieles, das ich hier gar nicht alles aufzählen kann, gab. Zum Frühstück standen mir zahlreiche Soja- Reis- und Mandelmilchsorten, darunter auch Vanille und Schokolade, zur Verfügung. Ich bekam sogar die Gelegenheit, mir im Campus-Museum eine Ausstellung dazu anzusehen, wie Plastik dem Planeten schadet, was auf künstlerische Weise inszeniert wurde. Kurzum: In Northampton ließ es sich wunderbar als Veganerin leben.

Dagegen war es in Niagara Falls schwieriger, etwas zu finden. Dort war es jedoch allgemein schwierig, etwas Nahrhaftes aufzutreiben, da Supermärkte dort unauffindbar schienen. Stattdessen drängte sich ein Burger King (sogar mit einem Frankenstein-Kopf als Plastikfigur dahinter) an den anderen und der süßliche Geruch aus den Zuckerläden wehte ständig zu mir herüber, als ich durch die Straßen lief. Vieles hatte zudem ohnehin nicht geöffnet, sodass ich mich hauptsächlich an der Tankstelle versorgte, die nah bei meiner Unterkunft lag. An meinem letzten Morgen ging ich sogar das erste Mal in meinem Leben zu Subway und holte mir ein Ciabatta mit Guacamole zum Frühstück, was sich als zufrieden stellende Notlösung herausstellte.

Davor in New York hatten L. und ich das Glück, einen Supermarkt in der Nähe zu haben. Dort waren viele Lebensmittel auch überzuckert, vor allem das Müsli und die Brötchen, die allesamt aus Weißmehl bestanden, doch wir hatten hier mehr Auswahl. Meistens packten wir uns Erdnussbutter-Sandwiches und Bagels ein, um tagsüber einen Snack dabei zu haben. Für mich war das Essen erst eine ziemliche Umstellung, weil ich Deutschland vorwiegend zuckerfrei esse und Weißmehl möglichst meide. Zudem erlebte ich es, ähnlich wie auf meiner Asienreise vor einigen Jahren, dass in Amerika alles in Plastik eingepackt wird. In einer Bäckerei, in der ich mich eines Morgens in New York aufhielt, hatte die Äpfel einzeln in Plastik eingeschweißt, was ich mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete. Auch überzeugte ich die Kassierer regelmäßig mit einem "No bag, please" davon, dass ich keine Plastiktüte für meine Einkäufe haben wollte. Zuhause in Deutschland wurde mir schon prophezeit, dass die Menschen an der Ostküste Amerikas nicht sehr ökologisch leben, und sie hatten Recht. Northampton stellte dabei eine Ausnahme dar, über die ich mich sehr freute.

Abschied in Northampton

Nachdem L. und ich aus Boston nach Northampton zurückkehrten und L. mit der Vorbereitung für ihre Prüfungen begann, überlegte ich mir, wie ich die letzte Zeit an der Ostküste noch nutzen wollte. Der Gedanke, die Niagarafälle zu sehen, reizte mich dabei sehr.
Mir war nach ausführlicher Recherche klar, dass der Weg weit und aufwendig sowie kostspielig sein würde und ich die letzten drei Tage ziemlich auf mich allein gestellt wäre. Doch ich wusste, ich würde es im Nachhinein bereuen, die Tour nicht gemacht zu haben. So schnell würde ich in den nächsten Jahren wahrscheinlich nicht an die Ostküste der USA zurückkehren.

Folglich buchte ich den Greyhound-Bus für den darauffolgenden Abend und entschied mich, die Nacht durchzufahren, um genügend Zeit bei den Niagarafällen zu haben. Das gute College-Essen genoss ich noch einmal bewusst, da ich schon ahnte, dass das Essen in Ontario nicht so gut sein würde. L. hatte für alle Fälle einen Mietwagen gebucht, was sich als sehr guter Einfall erwies, da wir ihn für die Fahrt zum Busbahnhof im Nachbarort Springfield gut gebrauchen konnten. Es war das erste Mal, dass sie in ihrer Zeit in den USA ein Auto fuhr, doch sie brauchte nicht lange, um sich auf das Mietauto einzustellen. Ich verabschiedete mich im Wohnzimmer von L.'s Freunden, die mir eine gute Weiterreise wünschten.

Um zehn Uhr abends brausten wir über die amerikanische Autobahn, während der Sternenhimmel über uns funkelte. Als ich mit ihr zwischendurch an der Tankstelle ausstieg, roch die Luft nach Abenteuer und ich war etwas aufgeregt, nun zu meiner letzten Etappe dieser Reise zu gelangen. Der Gedanke, die letzten Tage ohne L. unterwegs zu sein, war seltsam, da wir nun fast drei Wochen ununterbrochen zusammen verbracht hatten. Diese Zeit wollte ich auf keinen Fall missen. Nun würde es noch ein wenig anders werden und auch meine Heimreise lag plötzlich gar nicht mehr in so weiter Entfernung. Wir verabschiedeten uns in Springfield und ich durchquerte den hell beleuchteten, aber verlassenen Busbahnhof. Nun war ich bereit für die Niagarafälle.

Italienisches Viertel in Boston


Ich fand den Gedanken sehr interessant, dass sich dieser Wegweiser etwa sechstausend Kilometer von Italien, dazu durch einen ganzen Ozean von dem Land getrennt, befindet. "Die Richtungen können für ziemliche Verwirrung sorgen", stellte L. fest, doch ich fragte mich: Führen nicht alle Wege nach Rom, wie ich im Lateinunterricht in der Schule gelernt hatte? ;)  Bzw. nach Italien?

Als wir L.'s italienischem Freund F. am College davon berichteten und ihm auch das Foto links zeigten, stellte er fest, dass nicht einmal alle Städtenamen auf den Schildern richtig geschrieben wurden.
Offenbar gab es in Boston eine andere Auffassung von Italien.

Weekendtrip to Boston

Das nächste Ziel von mir und L. stellte Boston dar, das nicht weit von Northampton liegt, auch im US-Staat Massachusetts.Wir hatten wieder über Airbnb ein Zimmer gebucht und fuhren für ein Wochenende dorthin.

Boston hat eine vielfältige Geschichte aufzuweisen und wirkt ziemlich europäisch für eine amerikanische Stadt- bekannt ist sie auch für die Boston Tea Party. Mein Freund M. lachte, als ich ihm erzählte, ich wäre durch die Bostoner Innenstadt spaziert und hätte mich fast gefühlt wie daheim in Deutschland. Wir waren uns beide einig, dass uns gerade die Fremdheit anderer Orte reizte. Dennoch war es interessant, Boston als Teil Neuenglands und als eine der ältesten Städte der USA kennen zu lernen.

An unserem ersten Tag folgten L. und ich dem Freedom Trail, einem Pfad aus Backsteinen, der über die Fußgängerwege und Straßen führt, direkt an den historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Durch diese etwa vier Kilometer lange Besichtigungsroute sind ganze siebzehn Sehenswürdigkeiten miteinander verbunden. Wir kamen an Friedhöfen vorbei, an vielen hübschen alten Häusern sowie an dem Bunker Hill Monument, einem Turm, von dem wir eine weite Aussicht auf die Straßen Bostons hatten. Das Bunker Hill Monument erschöpfte uns beim Aufstieg mehr als erwartet; vermutlich lag dies daran, dass wir schon einen langen Fußmarsch hinter uns gelegt hatten. Jedenfalls mussten wir eine kurze Verschnaufpause auf der Treppe einlegen und uns durch ein Schild darauf aufmerksam machen lassen, dass wir nicht vergessen sollten, genug zu trinken.

Ein Italienisches Viertel durchquerten wir auch in dieser Stadt, indem wir dem Freedom Trail folgten. Die Hausfassaden fand ich sehr hübsch, in diesem Viertel ließ sich einiges Buntes, Historisches entdecken, was mir ziemlich gut gefiel. Allerdings wunderte ich mich anfangs darüber, dass die Häuser gar nicht so historisch aussahen wie zuerst gedacht. Ich musste mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass Amerika noch keine so weit zurückliegende Geschichte wie Europa vorzuweisen hat, von Beginn der europäischen Besiedlung an.

Am Tag danach schafften L. und ich es, den Freedom Trail zu Ende abzulaufen, nachdem wir am Abend vorher erschöpft in das riesige, weiche Bett unserer Airbnb-Unterkunft gefallen waren. Die Vermieterin und ihre Familie, die etwas außerhalb des Zentrums wohnten, waren sehr hilfsbereit und wunderten sich nicht allzu sehr, als ich zögerlich hereinspazierte. L. und ich mussten feststellen, dass die Klingel offenbar kaputt war und fanden nach einigem Überlegen heraus, dass das Haus nicht abgeschlossen war- was mich in dieser Gegend etwas wunderte, die ein wenig verlassen erschien. In dem großen Haus fühlte ich mich dann allerdings sehr wohl und erholte mich dort genügend für den Folgetag. Die Geräumigkeit amerikanischer Häuser und Villen faszinierte mich immer wieder aufs Neue.

Am zweiten Tag besuchten L. und ich die "Acorn Street", einer kleinen Gasse mit Kopfsteinpflaster hübschen Häusern mit Fensterläden. Diese Straße ist nicht sehr lang, dennoch ist es die bekannteste und meistfotografierteste Straße in Boston, in der auch nicht selten Heiratsanträge stattfinden. Als wir da waren, fanden wir einige Instagramer vor, die vor den Hauseingängen posierten. Mir gefiel die hübsche, sehr charmante Gegend mit den typisch amerikanischen Feuerleitern.

Sehr typisch für Boston ist auch der Hafen, der für die "Boston Tea Party", einem weltbekannten geschichtlichen Ereignis, sehr bekannt ist. Den besuchten wir in der Nähe zum Abschluss unseres Trips und hatten noch etwas Zeit, am türkisfarbenen Wasser in der Sonne zu sitzen, bevor wir zurück nach Northampton fuhren.