Montag, 28. November 2022

Mit Bus und Bahn zurück nach Deutschland


An dem Morgen unseres letzten Tages verabschiedeten J. und ich uns an einer Bushaltestelle nahe des zentralen Platz von Lissabon. Sie nahm den Bus zum Flughafen und ich stiefelte mit meinem Koffer zur Bahn, die mich zum Flixbus bei der Busstation bringen sollte. Es warteten wieder 600 Kilometer Weg auf mich. 
Nur war ich nicht mehr ganz so aufgeregt wie auf dem Hinweg, da ich die Strecke schon einmal kurz zuvor gemeistert hatte. Der Unterschied zum letzten Mal war nur der, dass ich diesmal nicht in einer Stadt auf dem Weg übernachten würde. Diesmal würde ich komplett nach Norddeutschland durchfahren. Mit dem Flixbus sauste ich durch Andalusien, wo es noch hochsommerlich heiß war, nach Madrid. In Madrid deckte ich mich in einem Supermarkt mit Essen ein und setzte mich mit meinem Gepäck in einen Park, wo ich mir die Sonne auf die Nase scheinen ließ. 

Im Supermarkt streifte ich zuerst durch die Obstabteilung und war schockiert darüber, wie sehr das Essen in Plastik eingepackt war: Selbst geschälte (!) Bananen und Orangen lagen in einer zusätzlich in Plastikfolie eingeschweißten Plastikschale.
Da fragte ich mich, warum den Früchten nicht einfach ihre natürliche "Verpackung", ihre Schale, gelassen wird anstatt sie durch umweltschädliches Plastik zu ersetzen. Nach meiner Pause im Park, bei der ich etwas futterte, stieg ich in den Bus nach Paris, in dem ich die Nacht durchfuhr. In meine Jacke gekuschelt döste ich ein wenig ein, während draußen der Regen zu prasseln begann. In Paris war es im Vergleich zum portugiesischen und spanischen Süden extrem ungemütlich. Es wurde wieder Zeit, mir meine Jacke anzuziehen. Über Brüssel ging es dann wieder zurück nach Deutschland und ich freute mich riesig darauf, M. wiederzusehen.

Im Nachhinein konnte ich feststellen: Per Bus und Bahn nach Lissabon war ein Erlebnis, das ein bisschen Planung und Organisation erfordert hatte, doch es lohnte sich. Die Rückreise hatte mir zudem die Gelegenheit gegeben, die Eindrücke der Reise zu sammeln und Revue passieren zu lassen. 

Azulejos und Streetart

In Lissabon prallt moderne Streetart mit traditioneller Kachel-Architektur zusammen - und es harmoniert besser, als man vielleicht zuerst denken würde. In vielen Souvenirshops werden Magnete mit der typischen Fliesenbemalung, angeboten. 
Die Fliesen, die "Azulejos", prägen das Stadtbild und machen es absolut einzigartig. Sie sind an den Häusern, an den Bahnstationen sowie an Straßenwällen zu finden. Besonders im Bairro Alto, einem Viertel Lissabons, in dem es besonders viele mit Azulejos verzierte Hausfassaden gibt. Das Wort "Azulejo" kommt vom arabischen Wort "al zuléija", zu übersetzen mit "poliertes Steinchen". 
Inspiriert wurden die Bilder und Inhalte auf den Azulejos von portugiesischen Seefahrern, weshalb oft maritime Symbole wie Fische oder Wellen darauf abgebildet sind.

Mir gefiel das kreative Flair der Stadt, das dadurch entstanden ist, und zugleich konnte ich mich für manche Streetart-Motive begeistern, die zwischendurch aufblitzen. Als J. und ich über den Hügel von Alfama spazierten, wobei wir an drei oder vier Miradouros (von denen ich auch schon berichtet habe) vorbeikamen, entdeckten wir auf der anderen Seite hinter Alfama einige Straßen, an deren Häuserfassaden überdimensional große Streetart-Motive entstanden waren. 
Besonders gefiel uns das Bild eines Raben, der einen Pastel del Nata - was auch sonst- in seinen Flügeln hielt.
Insgesamt empfand ich es schon als kleines Erlebnis, mich einfach durch Lissabon treiben zu lassen und die kreativen Ecken zu entdecken.

Vegan in Lissabon: Pastel del Nata & Co

"In Lissabon gibt es über 40 vegane Restaurants", schrieb mir M. per Whatsapp und ich konnte mir das angesichts der vielen veganen Produkte, über die J. und ich in der portugiesischen Hauptstadt gestolpert waren, durchaus gut vorstellen. In der Gastronomie war das vegane Essen und Trinken fast immer gekennzeichnet. Es gab selten ein Café, das keine Pflanzenmilch anbot.

Da unsere Unterkünfte über Kochmöglichkeiten verfügten, kauften wir den Urlaub über im Supermarkt ein und konnten uns an der üppigen Auswahl an veganen Produkten erfreuen. Es gab eine große Auswahl an verschiedenen Pflanzendrinks. Darunter schätzten wir besonders eine Sojamilch mit Kakao, einen "Schokodrink", den wir unser öfter besorgten. Die Tiefkühlabteilungen waren auch mit vielen veganen Gemüsepfannen zum Aufkochen und pflanzlichen Alternativen versehen.

Mitten im Zentrum hatten wir vegane Pastel del Nata in einem Laden, der ausschließlich diese herstellte, gekostet. Ich bin kein Fan von süßen Sachen (außer Obst, das geht für mich immer), doch einmal Pastel del Nata essen war quasi Pflichtprogramm in Lissabon. In dem kleinen Laden konnten wir über den Tresen schauen und uns mit kleinen Kuchentellern, auf die unsere Pastel del Nata getan wurde, an einen Tisch vor der kleinen Pastelaria setzen. "Na, was sagst du?", wollte J. wissen und machte ein Foto von den Gebäckteilen auf unserem Tisch: Einer der Pastel del Nata sah durch seine Bräunung aus, als würde er mich wie ein Smiley lächeln. Als ich hineinbiss, hatte ich einen süßlich-klebrigen Geschmack auf der Zunge; es erinnerte mich an eine Mischung aus Pudding und Marzipan. "Sehr süß", erwiderte ich, "Man kann es mal probieren, doch ich finde es schon sehr süß." Für viele Schleckermäulchen und Naschkatzen sind die Pastel del Nata jedoch genau das Richtige, würde ich vermuten. Außerhalb von dem Laden, in dem J. und ich welche kauften, gibt es noch viele weitere, die das Traditionsgebäck vegan anbieten. Und überhaupt kann die portugiesische Hauptstadt mit viel veganer Vielfalt punkten.

Samstag, 26. November 2022

Torre de Belém

An einem der Tage fuhren J. und ich zu einem Strand ein Stück aus Lissabon heraus. Auf dem Rückweg wollten wir uns den Torre de Belém anschauen. Die kleine Festung mit den reichlich verzierten Zinnen diente seit dem 16. Jahrhundert dazu, die Mündung des Flusses zu beschützen. Auf Fotos sah der Turm ziemlich spannend aus, doch wir versprachen uns zunächst nicht so viel davon. Umso beeindruckter waren wir, als wir davorstanden und sich der Himmel zum Sonnenuntergang im Wasser rosa-orange färbte. "Das ist wirklich ein Highlight", sagte J. und ich schoss währenddessen ein Foto nach dem anderen: Der Torre war aber auch wirklich fotogen.

Anschließend spazierten J. und ich noch ein wenig durch Belém und wollten allmählich zurück zu unserer Unterkunft in Alfama. Nicht nur J.'s Handyakku war leer, sondern auch mein Smartphone war durch die Navigation mit Google Maps sehr strapaziert worden. Es ging kurzerhand aus. Doch wir wussten, wo wir waren und konnten an einer Bushaltestelle nachsehen, welchen Bus wir zurück zu unserer Unterkunft nehmen konnten. Bis der Bus kam, hatten wir allerdings noch über 15 Minuten Zeit, weshalb ich ein wenig über den Bürgersteig trödelte und die Karte des Falafel-Imbisses gegenüber der Busstation inspizierte.

 Auf den ersten Blick konnte ich erkennen, dass Vieles vegan gekennzeichnet war: Pita-Brote mit verschiedenen Füllungen wie Tofu, Falafel sowie Sandwiches und diverse Snacks, für deren Füllungen es pflanzliche Varianten gab. "Was hältst du davon, wir holen uns hier etwas zu essen statt dass wir im Airbnb essen?", schlug ich J, vor und sie war einverstanden. Die Bestellung ging ziemlich schnell, sodass wir genügend Zeit hatten, am Straßenrand bei der Bushaltestelle in der angenehm milden Abendluft zu sitzen zu essen. Unsere Pitabrote schmeckten köstlich. "Ich mag so was auch viel lieber, als in ein schickes, teures Restaurant zu gehen", stellte ich wieder einmal fest, "Ich mag das einfache Essen."

Wie wir uns in Alfama verliefen

Gleich am ersten Tag, als wir durch Lissabon spazierten, hatte mich das Viertel Alfama in seinen Bann gezogen. Wenn ich im Nachhinein an Alfama denke, denke ich an weiße, eng beieinander stehende, verschachtelte Häuser, schiefe Treppen und Blumenkübel vor den Hauseingängen. Für die letzten Tage unseres Trips verließen wir unser Apartment - mit einem lachenden und einem weinenden Auge, weil wir uns dort die Tage sehr wohlgefühlt hatten- und zogen in ein kleines Airbnb mitten in Alfama. 
Wenn wir aus dem Fenster sahen, konnten wir den Miradouro de Santa Luzia weit oben erkennen. Das Airbnb war sehr klein, mit Kochnische und Kühlschrank, und schien mit seinen leicht schiefen Treppen und quietschenden Türen sehr alt zu sein. Wie uns ein Zettel auf dem Esstisch verriet, war das Gebäude schon uralt- das machte es wiederum noch interessanter. 
Einen Nachmittag übersetzten wir uns in das winzig kleine Wohnzimmer, - insofern es sich der kleine Raum mit dem Sofa, einem Kühlschrank und einer Kommode sowie zwei Fensterfronten an den Außenseiten überhaupt als Wohnzimmer bezeichnen lässt -tranken Kaffee mit Schoko-Sojamilch und konnten den leichten Regenschauer hinter der Glasscheibe beobachten, der sich zum ersten Mal während unserer Reise ereignete. 

Manchmal gefallen mir gerade auch die Momente, in denen ich bei einem Kaffee an einem charmanten Platz sitze und die Umgebung auf mich wirken lasse. Es gefiel mir, hier in der Unterkunft fernab der Straßen und inmitten Fußgänger*innengassen zu sein.
J. und ich nahmen uns die Tage, die wir dort wohnten, Zeit dafür, die Treppen hinauf und hinabzulaufen und uns überraschen zu lassen, was an der nächsten Ecke auf uns wartete. Manchmal waren es ein paar Blumensträucher, die sich vor dem weißen Stein in die Höhe rankten, oder ein neuer Aussichtspunkt. 

Die meisten Miradouros scheint es in Alfama zu geben. Wenn wir vom Miradouro de Santa Luzia die gepflasterte Straße weiter hinaufliefen, gelangten wir zum Miradouro das Portas do Sol, der eine noch weitläufigere Aussicht auf die Dächer Alfamas und den dazwischen emporragenden Palmen bietet sowie auf das Meer. Für mich war dies einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt. 
Den letzten Abend unserer Reise liefen J. und ich die Treppenstufen von unserer Unterkunft zu den beiden Miradouros hinauf, um den Blick noch einmal bei Sonnenuntergang zu erleben. Das Bild, wie der Himmel sich hinter den orangefarbenen Dachschindeln rosa färbt und die Kulisse noch malerischer aussehen lässt, werde ich so schnell nicht vergessen.

Während unserer Spaziergänge konnten wir noch weitere Aussichtspunkte und kleine Parks zum Verweilen ausfindig machen, darunter den Miradouro de Graca, eine weit oben gelegene Terrasse mit Aussicht. Eingebettet waren sie zwischen kleinen Läden mit bunten Sachen und kleinen Cafés, vor denen man bei einem Getränk sitzen konnte. Zwischendurch konnten wir immer mal wieder einen Blick auf die gelbe Tram erhaschen, wenn wir die Fußgänger*innen-Pfade verließen und auf die Gassen gelangten, die auch von Autos befahren waren.

An dem Abend, als wir im Dunkeln und mit leeren Handyakkus zu unserer Unterkunft zurückkehrten, nach einem aufregenden Tag beim Torre de Belém und am Strand, liefen wir fast Gefahr, uns in den verwinkelten Gassen im warmen, dunkelgelben Licht der Straßenlaternen zu verlaufen. Zugegeben, es gibt schlechtere Orte als Alfama, um sich zu verlaufen. 
Nachdem wir zwischen vielen Straßenrestaurants, vor denen Menschen speisten, durchgelaufen waren und Teil des bunten Treibens geworden waren, erkannten wir den Platz mit dem Straßenbrunnen und der kleinen weißen Kirche, an dem unsere Unterkunft grenzte: Wir waren wieder zurück.

Donnerstag, 24. November 2022

Surfen im Atlantik

Was ich schon immer einmal vorhatte, in Portugal zu tun, und was sich in dem Land mit den schwungvollen Atlantikwellen sehr lohnen sollte, war das Surfen. Ich bin noch nicht sehr oft surfen gewesen in meinem Leben, doch die paar Mal, die ich es ausprobiert hatte, hatten zutiefst Begeisterung bei mir hinterlassen. Das letzte Mal war es vor einigen Jahren während meiner Ghanareise gewesen, wo ich an den goldenen Stränden Busuas aufs Surfbrett gestiegen war. Nun warten die portugiesischen Wellen auf mich. Auch J. war zu meiner großen Freude bereit, das Surf-Erlebnis zu wagen. Also buchten wir einen Kurs über Get Your Guide und fuhren mit einer Kleingruppe im Auto unseres Surflehrers F. über die rote Brücke von Lissabon ins gegenüberliegende Costa Caparica. Costa Caparica ist eine Halbinsel, die gegenüber von Lissabon liegt und einen beliebter Surfspot darstellt. F. plauderte wie ein Wasserfall, fragte uns, was wir bisher während unserer Reise erlebt hatten und gab uns gleich ein paar Tipps mit auf dem Weg. 

Vor Ort erwartete uns ein ellenlanger, weißer Sandstrand. J., die Strände über alles liebt, war ganz außer sich vor Begeisterung: "Guck mal, wie schön das hier ist!". Jede*r Teilnehmende des Surfkurs erhielt einen Neoprenanzug, in den wir hineinschlüpften, und ein Board. Da wir noch Anfänger*innen waren, waren unsere Boarde ziemlich groß. F. schickte uns zuerst in die Wellen, damit wir uns ein wenig an das Wasser an unserem Körper gewöhnen konnten, und dann gab es eine Trockenübung an Land. Unsere Boarde lagen im Sand, wir bäuchlings darauf. Wir ruderten mit den Armen, stützten uns dann mit den Armen am Board ab und zogen unseren Oberkörper nach oben, um dann in die stehende Position zu springen. "One, two, three", rief F. immer wieder und wiederholte das Ganze mit uns. "Wie beim Militär", lachten J. und ich nachher. 

Schließlich klemmten wir unsere Surfbretter unter unsere Arme und sprangen in die Wellen. Wieder und wieder paddelten wir von einem Stück weiter hinten im Wasser auf unserem Surfboard Richtung Ufer und versuchten, aufzustehen, sobald die Welle uns erfasste. Jedes Mal, wenn es mir gelang, aufzustehen, wenn auch etwas wacklig, und mit der schäumenden Gischt Richtung Strand zu sausen, überkam mich ein Flow-Gefühl. In dem Moment vergaß ich, wie anstrengend es war, was wir hier taten. F. winkte uns zwischenzeitlich immer wieder in seine Richtung, da die Strömung dafür sorgte, dass wir abtrieben.

Am Abend waren wir uns einig, dass das Surfen unsere Kräfte sehr gefordert hatte und wir danach ziemlich ausgepowert waren, doch unheimlich viel Spaß gebracht hatte. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Gelegenheit, wieder aufs Surfbrett zu steigen.

Sintra

Als ganz anders, als J. und ich es erwartet hatten, stellte sich Sintra heraus. Auf Reisen sind viele Dinge Überraschung: Ich habe viele Blogs mit Tipps zu dem Ort gelesen, Fotos angeschaut, doch erst wenn ich dort bin, kann ich mir ein wirkliches Bild davon machen. Zudem erlebt jede*r Reisende*r den gleichen Ort ein wenig anders. Das macht das Reisen auch gerade spannend.
Die Anlage um den Pena-Palast mit einem großen Park nicht weit von Lissabon sollte sich als Tourist*innen-Magnet herausstellen. Von einem Bahnhof im Zentrum Lissabons fuhren J. und ich, die zur Feier des Tages schöne Kleider angezogen hatten, mit einem Zug etwa eine Dreiviertelstunde nach Sintra. Der Bahnhof war ziemlich voll, da die Tickets in die Umgebung der Stadt sehr beliebt zu sein schienen, und ich sah uns schon stundenlang darauf warten, dranzukommen. Dafür ging es dann jedoch ziemlich schnell. 

In Sintra spazierten wir erst durch das Zentrum, in dem jede Menge Zeichnungen vom bunten Pena Palast, den wir besuchen wollten, verkauft wurden. Die Preise waren wir noch einmal deutlich höher als in Lissabon selbst, konnten wir feststellen- auch beim Essen, wie es bei weltweit gehypten Orten öfters der Fall ist. Ich war schon voller Vorfreude darauf, den Palast in seinen kräftigen Farben zu erkunden.

 In einem Park, in dem wir exotische Pflanzen vorfanden und einen Bereich, in denen Kaninchen herumhoppelten und Hühner frei herumliefen, aßen wir unser Mittagessen: Wraps mit Guacamole, Tomaten und Karottensalat. Das war während der Tage hier eines unser liebsten Unterwegs-Essen geworden. Stück für Stück spazierten wir dann die Straße zum Pena-Palast hinauf und konnten das gelbe Gebäude hinter so mancher Wegbiegung aus der Entfernung erspähen. Tourist*innen-Busse sowie Fahrrad-Rikschas sausten an uns vorbei und ich hatte den Eindruck, dass so manche der Insass*innen uns belächelten, weil wir den gesamten Weg zu Fuß liefen. Ein Stück liefen wir auch durch den Wald, was mir ganz gut gefiel. Dichtes Grün und knorrige Baumwurzeln umgaben uns auf der Strecke durch den Wald, dazu ein hell scheinende Sonne.

Nachdem wir den hügeligen Weg erklommen hatten und viele weitere Autos an uns vorbeigedüst waren, erreichten wir den Park um den Pena-Palast. Der Ticketautomat am Eingang des Parks bot uns ein Ticket an, mit dem Eintritt in den Park sowie auf die Terrassen des Pena-Palastes erhielten. Da wir an das Innere des Palast nicht so interessiert waren wie an dem, was außen zu sehen war, entschieden wir uns dafür. Leider hatten wir nicht damit gerechnet, dass der Palast nicht nur von innen voll war, sondern sich die Schlange an Besucher*innen auch rund um den Palast herumschlängelte. Es würde Stunden dauern, bevor wir auch nur einen Fuß auf die Terrassen setzen würden. Und inmitten der Menschenmassen, die J. und ich schon vom Fuß des Palasts sehen konnten, zu stehen, erschien uns zudem wenig attraktiv. Ich hatte den Verdacht, dass der Palast vor lauter Menschen kaum zu sehen sein würde. 

Etwas enttäuscht traten J. und ich den Rückweg an, doch es dauerte nicht lange, dass wir über unseren Ausflug lachen konnten. Ich habe beim Reisen immer wieder festgestellt, dass wir an einen bestimmten Ort bestimmte Erwartungen mitbringen. Diese können in manchen Fällen nicht erfüllt werden und in anderen Fällen wiederum übertroffen werden. In anderen Situationen wurde ich wiederum positiv überrascht von einem Ort oder einem Erlebnis, von dem ich mir vorher nicht viel versprochen hatte. Auch das ist ein Teil des Reisens: Neugierig und offen zu sein für die Dinge, die wir noch nicht kennen, und herausfinden, was uns bei ihnen erwartet.
Sintra hat zudem außerhalb des Pena-Palasts viele schöne Ecken, die wir nur zum Teil gesehen haben, von den Parks her und der farbenfrohen Architektur des Zentrums, den kurvigen Gassen - wer sich daran sehr erfreuen kann, wird hier fündig werden.

Auf der anderen Seite des Tejo

 Abends fuhren wir mit einem Boot, das zum Nahverkehr Lissabons gehört, über den Tejo. Während der Fahrt konnten wir die riesige steinerne Jesus-Statuen erkennen, die mit ausgebreiteten Armen auf der anderen Seite auf einem Felsen thronte. Auf der anderen Seite fanden wir etwas vor, das uns an eine Downtown erinnerte, mit abgeblätterten Schildern von Imbissen und Häusern, die aussahen, wie ein nicht mehr ganz taufrischer Abklatsch von Lissabons bunter Innenstadt. Wir beschlossen, uns hier nicht weiter aufzuhalten, sondern lieber am Ufer des Flusses entlang zu spazieren. Auf dem Weg kamen wir an einigen maroden Gebäuden daran, die mich an einen Lost Place erinnerten. Mit der Zeit wurde der Weg immer schöner und lockte mit einigen Cafés am Wasser. 

An einem winzigen Stück Strand, falls sich dieser überhaupt als Strand betiteln lässt, lag etwas Großes Glibberiges im Sand, bei dem ich genauer hinsehen musste, um es zu erkennen. "Das sind ja monströse Quallen", stellte ich fest. Möglicherweise handelte es sich bei den riesigen Tieren sogar um Feuerquallen. Zum Glück hatten wir an diesem  Abend nicht vor, hier zu baden.

Einen Fahrstuhl gab es auch auf dieser Seite des Wassers, den J. und ich zusammen mit anderen Passant*innen hinauffuhren. Im Gegensatz zu dem Fahrstuhl, der zur Jesusstatue führt, war dieser kostenfrei. Von der Plattform aus hatten wir einen sehr weiten Blick über den Tejo und konnten tief hinabschauen. Es war sehr windig hier oben. Allmählich sank die Sonne immer tiefer. Uns wurde bewusst, dass wir an diesem einen Tag eine Menge erlebt hatten.

"Da hinten scheint eine Grünfläche zu sein", sagte ich, wieder unten angekommen, "Vielleicht können wir uns da einmal hinsetzen." Gesagt, getan. Wir setzten uns auf einen grünen Hügel am Ufer des Tejo, zu unserer Linken konnten wir die rote Brücke ausmachen und hinter uns hatte sich ein Sänger mit einem Standmikrofon platziert, sodass wir seiner Musik lauschen konnten. Wir waren absolut zufrieden, hier zu sein, und beschlossen, erstmal nicht so schnell aufzustehen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so sehr lohnt, auf die andere Seite zu fahren", sagte J.. Das fand ich auch.

Zu Fuß durch Lissabon


Mit meinem Backpacker-Rucksack auf dem Rücken stand ich vor der Unterkunft mitten in Lissabon und sog die milde spätsommerliche Luft ein. Meine Jacke hatte ich seit dem Zwischenstopp in Paris nicht mehr anziehen müssen, da sich das Klima während meiner Reise stark verändert hatte. J., die den Schlüssel für unser Apartment abgeholt hatte, kam mir mit einem breiten Lächeln entgegen. In unserem Apartment stärkten wir uns erstmal mit einer Schüssel Couscous und luden unsere Sachen ab, während es draußen allmählich dämmerte. 

Wir hatten erst lange nach einer preiswerten Unterkunft suchen müssen und hatten nun jedoch Glück gehabt: Unser Apartment verfügte über ein Wohnzimmer mit Esstisch, ein Badezimmer, eine Küche und ein separates Schlafzimmer. Zudem war es gut an die Innenstadt Lissabons angebunden und kostete pro Nacht keine hundert Euro für uns beide zusammen. Wenig später spazierten wir noch ein wenig durch die Umgebung, in der sich die Menschen inzwischen in zahlreichen Cafés und Bars an der Straße tummelten.

Die Innenstadt erkundeten wir dann tags darauf. Wir hatten uns ein Metroticket gekauft, das sich aufladen lässt. Eine Fahrt mit beliebigem Umsteigen kostet 1,50 Euro. Nahe des nostalgischen Fahrstuhls Santa Justa stiegen wir aus und liefen durch die mit zahlreichen Kacheln, "Azulejos", verzierten Gassen zum Wasser hinunter. In der Ferne konnten wir die rote Brücke sehen, die über den Tejo führt. An der Uferpromenade gab es mehrere Liegestühle, auf denen wir uns mit einem Getränk in der Hand niederließen. Wir waren definitiv wieder im Sommer angekommen, obwohl es bereits fast Oktober war.

Nachdem wir uns einige Zeit die Sonne aufs Gesicht hatten scheinen lassen, spazierten wir weiter durch die hügeligen Straßen Lissabons. Wir spazierten durch eine pinke Straße, die unter einer kleinen Straßenbrücke durchführte, und mit bunten Regenschirmen überdacht war: Quietschbunt war hier das Motto. Bei unserem Rundgang begegnete uns auch die bekannte gelbe Straßenbahn, die immer wieder hinter irgendwelchen Kurven auftaucht und sich durch die schmalen Gassen zwängt. In der Innenstadt reihen sich Cafés und Pastel-del-Nata-Läden aneinander. Ich konnte einen rein veganen Laden mit Pastel del Nata ausfindig machen, vor dem J. und ich draußen sitzen und das traditionelle Gebäck kosten konnten. 

Ziemlich schnell gelangten wir zu Fuß auch in das ursprüngliche, charmante Viertel Alfama, in dem sich eine Burg, das "Castello" befand, und jede Menge Aussichtspunkte, sogenannte Miradouros, zu finden waren. Es sind nicht einfach nur Aussichtspunkte, sondern Plätze, deren Architektur sich durch durch viel Liebe zum Detail auszeichnet und an denen viele Menschen zusammenkommen - natürlich auch zahlreiche Tourist*innen.

Der Miradouro Santa Luzia mit den weißblauen Kacheln und den hellen Säulen gefiel mir sofort. J. und ich konnten über die Dächer von Alfama bis hin zum Meer  blicken und die gespielte Lifemusik sorgte für gute Stimmung. Dass es sehr voll war, hielt uns nicht davon ab, die Atmosphäre vor Ort zu genießen.

Mittwoch, 2. November 2022

Lissabon ruft

"Hey, ich habe im September eine Woche frei. Hast du Lust, in der Zeit mit mir einen Mädelstrip nach Lissabon zu machen?", ploppte auf meinem Smartphone eine Nachricht auf, die von meiner Freundin J. stammte, "Wir können ein Airbnb mieten und dort gemeinsam kochen." Ich war mit J. in den vergangenen Jahren viel auf Reisen gewesen, doch inzwischen lag unsere letzte gemeinsame Reise schon einige Jahre zurück. Schon da hatten wir die Idee im Kopf gehabt, nach Lissabon zu fahren, doch dazu war es nicht gekommen. Genauso wenig, wie es dazu gekommen war, dass M. und ich im Sommer 2021 während unseres Interrailtrips nach Portugal durchkamen. Lissabon hatte aufgrund steigender Corona-Infektionszahlen die Stadt dicht gemacht.

Ich sagte J. zu und hoffte innerlich, dass diesmal unserem Trip nichts in die Quere kommen würde. Ich suchte in den kommenden Tagen nach einer guten Verbindung durch Busse und Bahnen, was sich als wesentlich komplizierter herausstellte als all meine Reisen zuvor, bei denen ich nicht mehr geflogen war. Ich würde komplett durch Frankreich und Spanien durchreisen, um es bis an die portugiesische Atlantikküste zu reisen. "Das ist schon verrückt", hörte ich aus meinem Umfeld einige Stimmen sagen, als ich erzählte, innerhalb kurzer Zeit nach Portugal zu reisen, ohne das Flugzeug zu nehmen. Doch genau das war die Challenge, die ich mir selbst gestellt hatte: An die Sehnsuchtsorte zu reisen, ohne der Umwelt dabei zu sehr zu schaden, und das Abenteuer zu wagen, das zwischen ICE, TGV und Fernbussen auf mich wartete.

Auch J. überlegte zuerst, mit mir zusammen durch Bus und Bahn anzureisen, entschied sich jedoch dagegen, weil sie weniger Tage zur Verfügung hatte als ich. Also vereinbarten wir, uns vor unserer Unterkunft in Lissabon zu treffen. Für mich startete damit eine meiner aufregendsten Bus- und Bahnreisen durch Europa. Rund sechstausend Kilometer Strecke warteten auf mich, dazu eine Übernachtung in Madrid auf der Hinreise.

Ich hatte mich für das Langsam-Reisen in den letzten Jahren immer mehr begeistern können. Es gefiel mir, ein Gefühl dafür zu bekommen, durch welche Orte ich mich auf dem Weg zum Ziel bewegte, wie sich das Klima Stück für Stück veränderte, und wie sich die Orte auf der Landkarte in meinem Kopf so zusammenfügten, dass es Sinn ergab. Zudem empfand ich es als entspannend, in aller Seelenruhe ein Buch zu lesen und immer wieder aus dem Fenster zu schauen, wo die nächste Landschaft oder Stadt vorbeizog. Auf der Strecke durch Andalusien konnte ich vom Zugfenster einen rosa Flamingo in einem flachen Gewässer erspähen, was mich sehr begeisterte. Als der Bus nach meiner langen Anreise mit mehreren Umstiegen die Brücke über den Tejo überquerte, hüpfte mein Herz vor Aufregung und Freude. Ich hatte es geschafft.