Freitag, 9. Juni 2023

Auf geht's nach Salzburg

Sechs Wochen waren M. und ich in unserer Wohnung in Deutschland gewesen, ehe wir wieder aufbrachen. Aufgrund eines Streiks der Deutschen Bahn fuhren wir sogar noch zwei Tage eher als geplant los, um den Komplikationen des Streiks zu entgehen. Diesmal ging es mit dem Packen noch schneller als sonst, da wir noch von der letzten Reise wussten, woran wir denken mussten und ohnehin fast alles bereit hatten, was wir unterwegs brauchen würden. 

Nach einigen Stunden im Zug nach Salzburg, in denen ich allmählich zu realisieren begann, dass wir nun wieder unterwegs waren, begrüßte uns die österreichische Stadt mit leichtem Regen. Ich hatte als Jugendliche schon einmal einen Tagesausflug nach Salzburg gemacht, doch konnte mich kaum an den Tag in der Stadt erinnern, weshalb nun Wiederholungsbedarf bestand.

Es war Ende Mai und noch leicht frisch, auch die Berge versteckten sich zwischenzeitlich unter einen Decke aus Dunst. Dadurch wirkte die Kulisse geradezu mystisch. M. und ich spazierten die Salzach entlang und überquerten eine über und über mit Liebesschlössern behängte Brücke, während an allen Seiten das Grün der Natur emporschoss. Am ersten Tag wanderten wir einen Rundweg durch Salzburg entlang, bei dem wir an verschiedenen Aussichtspunkten auf Stadt und Natur vorbeikamen, unter anderem an der märchenhaften Hohensalzburg und einer Stupa, einem buddhistischen Monument, auf einer Wiese. Von dem leichten Regen zwischendurch ließen wir uns nicht abhalten. Ich empfand sogar die Farben der Natur als intensiver und frischer, da die Sonne nicht blendete und das Wandern auch alles andere als anstrengend war. Auch der in Salzburg beliebte Mirabellengarten, an dem der Rundweg endete, blühte in voller Pracht. Besonders die mit Blauregen bewachsenen Fassaden gefielen mir.

Als an einem Tag sehr stark regnete und wir die Unterkunft wechselten, taten wir etwas, das wir auf unseren Reisen normalerweise nicht so oft tun: Wir überbrückten die Zeit im Europark, einem Einkaufszentrum in Salzburg. Zum Einen konnte M. sich noch ein neues Hemd kaufen, das er benötigte, und wir konnten unseren Hunger bei einer Bowl in einem vegan-vegetarischen Bowlladen stillen. Bowls konnten wir in Salzburg des Öfteren ausfindig machen. Wie wir schon von unserem Besuch in Innsbruck wussten, sind die Lebenshaltungskosten in Österreich sehr hoch, höher als in Deutschland. Doch die vegane Auswahl in den Supermärkten ist sehr vielfältig. In dem Laden nahe Mozarts Geburtshaus, der Mozartkugeln in allen möglichen Varianten verkauft, konnten wir vegane Mozartkugeln kaufen. Auch süße Knödel, die in der Region sehr beliebt sind, fanden wir in einem kreativ gestalteten Laden, in der österreichisches Essen auf pastellfarbene Einrichtung mit Strandfeeling traf. 

Trotz des Regens fuhren wir an einem der Tage mit der Bahn ein kleines Stück aus Salzburg heraus, um den Golinger Wasserfall zu besuchen. Von der Bahnstation aus konnten wir durch ein Dorf mit Wiesen, kleinen, pittoresken Kirchen und einem Gebirgsfluss wandern, um zum Wasserfall zu gelangen.

In dem Kassenhäuschen, in dem wir uns Eintrittskarten für den Nationalpark holten, war kaum jemand außer uns, was wohl dem regnerischen Wetter geschuldet war. Als wir vor dem Wasserfall standen, war ich begeistert von der rauschenden Energie, die vor uns den Berghang hinunterprasselte. Auch für M. war dieser Ausflug ein wirkliches Highlight. Wir waren quasi von Wasser umgeben, durch den Regen und zusätzlich durch den Sprühnebel des Wasserfalls. Dass wir etwas nass wurden, spielte jedoch keine Rolle, denn wir erfreuten uns daran, hier zu sein, das Tosen des Wassers in den Ohren. Dieser Wasserfall sollte der Auftakt zahlreicher Wasserfälle werden, die wir auf unserer Reise sehen würden. 

Dienstag, 6. Juni 2023

Nach der Reise ist vor der Reise

Nach genau zwei Monaten Reise saßen M. und ich im Zug von Bologna zurück nach Deutschland. Einen Tag später würde ich wieder meine Arbeit, die ich während der Reise pausiert hatte, aufnehmen und meine Mädels zum gemeinsamen Training treffen. Der Alltag stand damit wieder kurz bevor und gleichzeitig hatte ich unzählige Reiseerinnerungen im Kopf, die ich noch verarbeiten wollte. M. blickte sehnsüchtig aus dem Fenster, wo sich der Himmel ein wenig verdunkelt hatte: "Ich will wieder zurück nach Italien." Ein wenig erstaunt war ich schon darüber, dass M. gar nicht so reisemüde war, wie ich zuerst erwartet hatte. Ursprünglich hatten wir auch angepeilt, etwas länger als die beiden Monate weg zu sein, doch da M. zwischenzeitlich die Fußschmerzen verspürt hatte, hatten wir uns entschlossen, etwas zeitiger zurückzukehren. Bei meinen Arbeitskolleg*innen und Freundinnen hatte ich mich nun bereits wieder angekündigt. 

"Siehst du den?", sagte M. entgeistert, als auf dem Nebengleis ein Zug mit der Aufschrift "Bari" an uns vorbeifuhr. "Das ist ein Omen. Wir müssen in den einsteigen und wieder zurück nach Italien, ganz viel Espresso trinken und italienisches Leben genießen."- "Warte einmal ab, bis wir wieder zuhause sind", erwiderte ich. "Und wir kommen ganz bestimmt bald wieder in dein geliebtes Land. Du kannst ja schonmal überlegen, wo du nächstes Mal hinmöchtest." Noch ahnte ich nicht, wie bald das schon sein würde.

In unserer Wohnung war alles wie immer. Es fühlte sich für mich gar nicht einmal so merkwürdig an, sie nach all der Zeit wieder zu betreten, schlafen zu gehen und am nächsten Tag früh aufzustehen, um zur Arbeit zu fahren. Es heißt ja auch immer, dass durch die Normalität zuhause den Reisenden oft erst bewusst wird, dass sie es sind, die unterwegs reich an Eindrücken und Erlebnissen geworden sind, während zuhause das Leben im gewohnten Tempo weiter gelaufen ist. Die Narzissen blühten in der Sonne und die Vögel zwitscherten, als ich am nächsten Morgen zur Arbeit lief. Ich war sehr zufrieden, verbrachte einen gelungenen ersten Arbeitstag und einen aufregenden Nachmittag mit meinen Freundinnen. Abends kam ich nachhause, wo M. auf mich wartete und mit mir zu Abend aß. Genau wie ich vor der letzten Reise eine Power-Point-Präsentation erstellt hatte, mit den Möglichkeiten unserer Reiseroute, so hatte M. mich tags zuvor auf der Bahnfahrt bei Wort genommen und nun für mich eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet: Bilder von den grünen Landschaften Sloweniens tauchten vor mir auf dem Bildschirm auf, die Wasserfälle und türkis schimmernden Gewässer Kroatiens, die ich mir schon lange zu sehen gewünscht hatte, sowie die weißen Dörfer Apuliens von Süditalien. Fernweh flammte wieder direkt in mir auf.

M. unterbreitete mir den Vorschlag, dass er seinen Job nicht wieder anfangen würde, sondern dass wir jetzt, wo wir die Möglichkeiten dazu hatten, unsere Reise noch fortsetzen könnten. Erst jetzt realisierte ich, wie ernst es ihm war. Die Abenteurerin in mir machte einen Freudensprung und flüsterte: "Wenn du die Gelegenheit hast, ein Abenteuer zu erleben, dann auf geht's! Worauf wartest du noch?" Meine Gedanken überschlugen sich: Was war mit meinen ganzen Plänen hier zuhause? Würde ich mein Umfeld enttäuschen, wenn ich ankündigte, kurz nach meiner Rückkehr wieder aufbrechen zu wollen? Konnte ich das einfach so machen? War das verrückt oder einfach nur genial? Diese Fragen beschäftigten mich sehr in den folgenden Wochen und bekam dabei sehr viel Rückenwind von meinem Umfeld. Meine Freundinnen wussten, wie sehr ich es liebe, zu reisen, und ermunterten mich, nichtsdestotrotz, wenn sie sagten, dass sie mich vermissen würden.

All das ist jetzt einige Wochen her und hat nun dazu geführt, dass ich hier in Split, einer wunderschönen kroatischen Hafenstadt, mit M. in einer Unterkunft sitze und diese Zeilen tippe, während draußen ein paar Möwen kreischen. Die letzten Wochen sind M. und ich mit Bahn und Bussen durch Österreich, Slowenien und Italien bis hierher gereist. Wer hätte das gedacht? Ich vor ein paar Wochen jedenfalls noch nicht.

Sonntag, 4. Juni 2023

Bologna: Letzte Etappe in La Rossa

Die rote Stadt im Norden war unser letztes Ziel auf dieser Reise: Bologna. Um sieben Uhr morgens war die Stadt noch ziemlich ruhig und die Luft frisch. Von der Temperatur her war es im späten März deutlich kühler an als in Palermo und ein bisschen fühlte es sich für mich inzwischen auch schon nach Heimkehr. 

Da M. und ich den Großteil des Tages zu überbrücken hatten, bevor wir in die Unterkunft einchecken konnten, gaben wir unser Gepäck bei der Gepäckaufbewahrung am Hauptbahnhof ab. So spazierten wir am frühen Morgen durch "la Rossa". Den Beinamen "Die Rote", hat Bologna absolut verdient, da in der Altstadt die roten Gebäude und Rundbögen das Stadtbild prägen. Eine Gasse, die als "Klein-Venedig" bezeichnet wird, konnten wir auch finden. Durch eine kleine Luke in einer Gasse konnten wir auf den Kanal blicken. Dass es ein paar Stunden später an der gleichen Stelle von Menschen wimmeln würde, die einen neugierigen Blick durch die Luke wagten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Pasta Bolognese stammt von hier, während jedoch Spaghetti Bolognese eine Erfindung außerhalb Italiens sind (!) und nicht etwa aus Bologna, wie ich lernte. Es gab zudem an jeder Ecke Piadine zu kaufen, zusammengefaltete Teigfladen mit unterschiedlicher Füllung. Zwar konnten wir nicht so viel traditionelles Essen mit pflanzlichem Originalrezept finden, doch da Bologna eine relativ junge Stadt mit einer großen Studierenden-Szene ist, war die Auswahl an veganem Essen trotzdem groß. Im Laufe des Tages schien die Sonne immer wärmer und die Straßen wurden von dem Stimmengewirr junger Menschen erfüllt. Auf dem Hauptplatz versammelten sich sogar einige Student*innen mit Blätterkränzen auf dem Kopf. Später fand ich heraus, dass der Kopfschmuck traditionellerweise zum Abschluss des Studiums aufgesetzt wurde. Offenbar fanden an diesem Tag einige Absolvent*innen-Feiern statt, die Uni war schließlich auch nicht weit vom Stadtzentrum. M. und ich holten uns vegane Brioches, das mit dem Cornetto (Croissant) in anderen Regionen Italiens gleichzusetzen ist, und Cappuccino mit Hafermilch in einem kleinen Café. Hier gefiel es uns so gut, dass wir beschlossen, zwei Tage später noch einmal dort frühstücken zu gehen.

Unsere Unterkunft entpuppte sich abends leider als eine ziemliche Enttäuschung, so verwahrlost und heruntergekommen, wie wir sie vorfanden. Wir beschlossen daraufhin, möglichst viel Zeit außerhalb davon zu verbringen und die letzten Tage in Italien soweit auszukosten, wie es uns möglich war. 
Wir zogen abends durch die Rundbögen der roten Stadt, aßen Piadine, Pizza sowie Panini, und bewunderten die beleuchteten Straßen. 
Manche der langgezogenen Straßen waren mit Leuchtschrift geschmückt, deren Zeilen unter anderem eine Liebeserklärung an Bologna durch einen italienischen Dichter darstellten und Zitaten von John Lennon. 

Kurz vor unserer Abreise kaufte sich M. noch eine Modell-Ape als Andenken, das er zurück in Deutschland auf sein Nachtschränkchen stellen wollte. Am folgenden Morgen stiegen wir am Hauptbahnhof in den Zug, der uns zurück nach Deutschland bringen würde. Eine zweimonatige Reise lag nun hinter uns, auf der wir unglaublich viel gesehen und erlebt hatten.

Mit Nachtzug zurück in den Norden


Ziemlich kurzfristig fanden M. und ich ein Angebot für einen Nachtzug, der uns per Direktverbindung von Palermo über Nacht nach Bologna bringen würde. Bologna war die letzte Etappe auf unserer Reise, bevor es zurück nach Deutschland gehen sollte. Wir bekamen eine Kabine für uns, die sogar mit einem eigenen Waschbecken zum Aufklappen ausgestattet war.

Während der Zugfahrt, die schon mittags begann, konnten wir vom Fenster aus beobachten, wie wir uns die sizilianische Küste entlang bewegten. Plötzlich waren in die Ferne die Liparischen Inseln, die wir von Tropea aus schon gesehen hatten, vor der sizilianischen Küste zu erkennen. Am blauen Horizont zeichneten sich ihre Umrisse deutlich ab. Wir versuchten, herauszufinden, welche der Inseln welche war, und konnten auch Stromboli dabei wieder erkennen. "Da kommen wir auch noch hin", sagte ich. Der Ausblick, den wir hatten, war nun der perfekte Abschluss unserer Zeit auf Sizilien. 

Sobald es Schlafenszeit war, wurden die Sitzbank sowie die Wand darüber von einem Zugbegleiter zu Etagenbetten umgeklappt. Der Zug fuhr anscheinend extra langsam, damit die Insassen ruhig schlafen konnten. Ich konnte tatsächlich erstaunlich gut schlafen, auch wenn der Zug während der Fahrt leicht rumpelte. Von dem Zugbegleiter waren uns zwei Hygiene-Sets mit Zahnbürsten, Zahnpasta und anderen Artikeln zur Verfügung gestellt worden, eines für M. und eines für mich. Sogar Taralli, italienische herzhafte Kekse wurden uns als Betthupferl gereicht. 

Am nächsten Morgen standen wir früh auf, da wir zu früher Stunde den Bahnhof von Bologna erreichen würden. Im Zug gab es ein Frühstück, von dem zwar nicht alles vegan war, doch M. freute sich über einen Orangensaft und ich über einen Kaffee, der uns angeboten wurde. Jetzt waren wir startklar für Bologna.

Panelle in Palermo

In Palermo angekommen, kam uns die Stadt seit dem letzten Mal schon ziemlich vertraut vor. Als wir im Hafen einliefen, begrüßte uns die Sonne genauso wie die Berge hinter den Häusern, was ein wunderschönes Panorama ergab. Und gleichzeitig gab es in Palermo viel zu entdecken, was wir beim letzten Mal noch nicht entdeckt hatten. Nach zwei Tagen in Palermo beschlossen wir, unseren Aufenthalt hier noch etwas zu verlängern, und buchten eine Unterkunft mit großer Dachterrasse. 

Von der Terrasse aus hatten wir sowohl das Straßentreiben sowie die Berge hinter den Hausdächern von mehreren Seiten im Blick. Hier wollten wir ein wenig das sizilianische Leben genießen, bevor es bald wieder mit der Bahn in Richtung Deutschland gehen würde. Abends genoss ich es, mit einem Caffé di Mandorla draußen zu stehen und die Aussicht vor Augen zu haben.
M. und ich schlemmten die folgenden Tage Panelle, frittierte Kichererbsenteilchen mit Salz, die in Brötchen gegessen werden - ich liebte sie genau wie Arancini- und gingen öfters auf dem Markt einkaufen. Panelle sind nach traditionellem Rezept rein pflanzlich und in Palermo bei jedem Straßenstand für paar Euro zu bekommen. Vor unserer Haustür befanden sich jeden Tag Marktstände, die aus den Apen der Verkäufer heraus aufgebaut waren. Die Zucchinis waren im Vergleich zu denen, die in deutschen Supermärkten zu finden sind, extrem lang sowie krumm und schief. Ich fand den Gedanken etwas traurig, dass solche Zucchini in Deutschland nie würden verkauft werden, weil sie zur sehr von der Norm abwichen und den Lebensmittelgesetzten nicht entsprächen - dabei mag ich gerade das, was nicht perfekt ist. Im Supermarkt kauften wir Latte di Mandorla, Mandelmilch, nachdem wir herausgefunden hatten, das diese in Sizilien keinesfalls eine Errungenschaft der Moderne oder des Veganismus ist, sondern sogar die Vorgängerin der Kuhmilch ist. In Sizilien hat diese Tradition, schmeckt meiner Meinung nach wie flüssiges Marzipan, doch wurde mit der Zeit von der Kuhmilch abgelöst. Ich würde jedem*r, der*die Zeit auf Sizilien ist, empfehlen, einmal Latte di Mandorla zu kosten.

M. kaufte sich gleich am ersten Tag neue Schuhe und konnte sich nun nach der Zeit des Ausruhens in Tunesien auch wieder länger am Stück in der Stadt bewegen. Ich nutzte auch erneut die Gelegenheit, an einem der Tage in die örtliche Zirkusschule zu gehen, wo ich gefragt wurde, wie die Zeit in Tunesien gewesen sei. 

An einem sonnigen Vormittag fuhren wir mit dem Nahverkehrsbus zum Strand im Stadtteil Mondello, der aufgrund der Nebensaison angenehm leer war. Auch hier gönnten wir uns Panelle vom Straßenstand und aßen sie auf unserer Picknickdecke am Strand mit Blick auf das Meer und das Bergpanorama neben uns. "Eigentlich ist unsere Zeit hier viel zu kurz", fand M. mit einem Anflug von Wehmut. 
"Auf jeden Fall nutzen wir sie noch gut aus", sagte ich und biss herzhaft in mein krosses Panellebrötchen. Es versetzte uns in freudige Stimmung, an der Strandpromenade mit den Strohschirmen lang zu schlendern, die bunten Boote und den farbenfrohen Ort anzuschauen. Das sollte nicht unser letzter Ausflug bleiben. Ein weiterer Ort am Wasser, der zu Palermo gehört, besuchten wir kurz vor unserer Abreise: Sferracavallo. Sferracavallo lockte uns mit Korallenstränden, allmählich erblühenden Blumen und einer Landzunge, auf der kleine Zipfelmützenhäuser stehen, ähnlich den Trullos in der italienischen Region Apulien. Ein bisschen fühlte ich mich dabei wie eine Schlumpfine im Schlumpfdorf.

Samstag, 3. Juni 2023

Übers Mittelmeer zurück nach Sizilien

Nach zwei Wochen in Tunesien räumten M. und ich unsere Unterkunft in Hammamet und liefen durch die bereits warme Morgenluft zum Busbahnhof. Wir beide hofften inständig, dass die Fahrt zum Fähranleger reibungslos funktionieren würde. Vorsorglich brachen wir schon recht früh auf, um die Fähre am späten Abend nach Palermo zurück zu nehmen. Mit Bus und Bahn gelangten wir glücklicherweise ohne weitere Schwierigkeiten über Tunis zum Örtchen La Goulette, wo wir noch etwas Zeit verbrachten und auf die Fähre warteten. Ich gab unsere letzten Dinar im Supermarkt aus, da wir diese ohnehin nicht außerhalb des Land mit uns führen durften. Am Rande des Hafens aßen wir das letzte Mal tunesisches Brot mit Harissa und Mechouia. M. konnte es jetzt kaum erwarten, wieder nach Palermo zurückkehren, in die Stadt, die er auf unserer Reise so lieben gelernt hatte.

Doch bis dahin erwartete uns eine Fährenrückfahrt, die sich als chaotischer erwies als zuerst gedacht. Nach dem Einchecken hielten sich alle Fahrgäste in einer Halle auf, die nach kurzer Zeit angesichts all der Menschen aus allen Nähten zu platzen schien. Auch hier fingen die Menschen an, nach kurzer Zeit an, aus Langeweile zu rauchen, wobei das Verbotsschild auch hier ungeachtet blieb. 
Meine Laune sank mit den Stunden immer mehr, angesichts der lärmenden, von Rauchschwaden durchzogenen Halle, in der es auch keine oder kaum Sitzplätze gab. Unsere Fähre schien sich massiv zu verspäten. 
Unser Boarding fand letztendlich erst weit nach Mitternacht statt und als die Fähre ablegte, graute bereits der nächste Morgen. Zu unserem Glück holte die Fähre die verlorene Zeit wieder ein, sodass wir am Nachmittag dennoch wie geplant Palermo erreichten. 

Auch wenn ich in dem Moment sehr erschöpft war angesichts der Rückfahrt und es einiges an Herausforderungen in den beiden Wochen davor zu bewältigen gab, war ich in dem Moment dankbar. Dankbar dafür, die Gewürze, die weißen Gassen, die bunten Türen und die Farben von Tunesien kennen gelernt zu haben.

Von weißen Häusern, Hennatattoos und Strand in Hammamet

Nach zwei Tagen in Tunis hatten M. und ich vor, weiter in den Süden Tunesiens zu reisen. Unsere Wahl fiel auf den Ort Hammamet, der am Meer liegt, sich durch blau-weiße Flachdachhäuser auszeichnet und mit dem Zug etwa zwei Stunden von Tunis entfernt ist. Leider scheiterte die Zugfahrt daran, dass der Zug, der nur einmal täglich fuhr, genau an diesem Tag ausfiel, wie uns am Bahnhof mitgeteilt wurde. Das schien hier öfters vorzukommen und einen Ersatz gab es offensichtlich nicht.  "Es muss eine andere Möglichkeit geben", sagte ich zu M., als wir mit unserem Gepäck den Bahnhof wieder verließen. "Lass uns mal beim Schalter der Nahverkehrsbahn dort drüben fragen." Der Mitarbeiter dort war sehr freundlich und begleitete uns zu der Straßenbahn. Er schrieb uns den Namen der Station auf, von der wir letztlich mit einem Fernbus nach Hammamet gelangten. Sobald wir im Bus saßen und über die Autobahn nach Hammamet brausten, war ich unglaublich zufrieden.

Erst recht zufrieden war ich, nachdem wir unsere gebuchte Unterkunft, das "Maison Blue" in Hammamet gefunden hatten und die Schlüsselübergabe mit unserem Gastgeber geklappt hatte. Ab jetzt wohnten wir in dieser schöne Ferienwohnung in einem blau-weißen Haus, dessen Räume, Küche, Bad und Wohn- bzw. Esszimmer durch eine Dachterrasse voneinander abgetrennt waren. Die Dachterrasse würde ich die folgende Zeit nutzen, um dort Sport zu machen. Zu meinem Erstaunen gab es sogar deutsches Fernsehen neben dem arabischen Fernsehen, so viele Kilometer von unserem Heimatland entfernt. Die viele Lauferei in den letzten Wochen hatte M.'s Füßen inzwischen so sehr zugesetzt, dass es nun an der Zeit war, sie einige Tage hochzulegen und zu schonen. Ich probierte die nächsten Tage typisches tunesisches Essen aus, unter anderem Couscous mit Zitrone und Minze oder Kartoffeleintopf mit Harissa oder Mechouia. Das Couscous gab es im Ort in großen Mengen zu kaufen und schmeckte auch viel besser als in Deutschland. Auch M., der die italienische und asiatische Küche sonst noch mehr schätzt, fand großen Gefallen an meinen Kochexperimente . 

So wie auch schon in Tunis gab es in Hammamet eine kleine Medina, die wir am ersten Abend gemeinsam besuchten und durch die ich die folgenden Tage noch häufiger auf einen Spaziergang vorbeikommen sollte. Inzwischen waren die Temperaturen sommerlicher denn je auf unserer Reise geworden, sodass ich in einer leichten Sommerhose und einem Shirt durch Hammamet spazieren konnte. An der von Palmen gesäumten Straße lagen überall Datteln auf dem Gehweg herum, ein Phänomen, das ich in Tunesien so wie noch nirgendwo anders beobachten konnte- kein Wunder, da Tunesien das Land der Datteln ist, die ein Großteil des Exports ausmachen. 
Die Medina lag direkt neben dem Strand und war von der verbleibenden Stadt durch eine Stadtmauer abgetrennt. Dort gab es mittendrin eine Moschee, aus der M. und ich Gesänge entnehmen konnten. Um sie herum befanden sich Häuser, weißblaue Torbögen und -gänge sowie jede Menge Händler, die ihre Ware lautstark anpriesen. Und noch mehr Katzen. Schon in Italien hatte ich gedacht, vielen Katzen begegnet zu sein, doch in Hammamet entdeckte ich mindestens genauso viele. Sie waren überall: An den Straßen, im Schatten der Medina und sogar am Strand. Die schmucken Türen in blau, weiß oder gelb, die es in Tunesien praktisch überall gibt, mit dösenden Katzen davor, ist ein Bild von Tunesien, das sich mir seitdem stark eingeprägt hat.

Sobald den Einheimischen klar wurde, dass wir Deutsche waren, wurden wir auch ziemlich schnell auf Deutsch angesprochen. Zu unserem Erstaunen gab es nicht wenige, die fließend Deutsch sprachen. Jedes Mal, wenn ich in Hammamet unterwegs war, sprachen mich die Händler mit "Madame" an: 
-"Madame, Madame, das kostet nur einen
Dinar!"
-"Madame, ich schwöre, nur ein Dinar, frag meine Schwester, das kostet wirklich nur so wenig."

Als ich einen Tag später ohne M. nahe der Medina unterwegs war, ließ ich mir ein verschnörkeltes Hennatattoo auf den Handrücken malen, etwas, das ich mir schon lange vorgenommen hatte für unsere Zeit in Tunesien. Bei dem Preis, den der Händler mir zuerst nannte, war er sich offenbar nicht im Klaren darüber, dass es nicht das erste Mal war, dass ich mir in einem nordafrikanischen Land ein Hennatattoo gönnte, und ich dazu vorher recherchiert hatte, was es in Tunesien normalerweise kostet. Ich war mir sicher, dass ich in diesem Laden nicht erfolgreich mit Feilschen sein würde und drehte mich mit einer Verabschiedung in Richtung Ausgang.

"Warte, warte, Madame", rief der Händler hinter mir her und ging mit dem Preis ein Stück herunter. Als ich kurz zögerte, nannte er einen noch geringeren Preis. Als ich immer noch den Kopf schüttelte und den Preis nannte, für den ich mir das Hennatattoo machen würde, schlug er in scheinbarer Verzweiflung die Hände über den Kopf zusammen: "Madame, für den Preis würde nicht einmal meine Schwester ein Hennatattoo bekommen." Nach einigem Hin und Her bekam ich tatsächlich das Hennatattoo für ungefähr den Preis, den ich vorgeschlagen hatte, und verließ etwas überrascht und aufgeregt davon, dass das Handeln so funktioniert hatte, doch zufrieden den Laden.

Der Strand von Hammamet schien kilometerlang zu sein und war an manchen Stellen leider ziemlich vermüllt. Zur Nebensaison war hier auch wenig los, sodass M. und ich uns mit einer Picknickdecke hinsetzen und ein paar leckere Zitrusfrüchte essen konnten, während außer uns kaum Menschen unterwegs waren. Manchmal holte ich mir auch einen viel zu starken, arabischen Kaffee und ließ am Strand das rhythmische Geräusch der Brandung auf mich wirken.