Northampton ist ein kleines Städtchen im US-Staat Massachusetts, das sehr liberal und alternativ ist, mit einem College, das viel zu bieten hat. Dort studiert L. seit einiger Zeit und ich bekam die Gelegenheit, sie dorthin zu begleiten und ihr Leben am College kennen zu lernen. L. wohnt mit anderen Austauschstudentinnen und Studenten aus ganz Europa in einem Haus in historischem Stil. Daraus war eine Clique entstanden, aus den unterschiedlichsten Leuten, mit denen wir die folgenden Tagen zusammen zum Mittagessen und Abendessen in den campuseigenen Dining Halls gingen. Die Dining Halls stellten sich für mich als ziemlichen Luxus heraus: Es gab eine Menge, was mein Veganerinnen-Herz begehrt. Jeden Tag gab es vegane Speisen, teilweise sogar vegane Burger, an denen ich mich bedienen konnte, sowie die verschiedensten Soja- und Reismilchsorten und manchmal sogar veganen Nachtisch. Auch bei meinen Spaziergängen durch die ruhigen Straßen Northampton zeigten mir die Speisekarten vor den Cafés und Restaurants jede Menge vegane Alternativen auf. Ich begann somit sehr schnell, mich zuhause zu fühlen und freute mich jedes Mal darauf, mit den anderen in geselliger Runde essen zu gehen. Mein Freund M., auch Veganer, sagte mir, als ich mit ihm telefonierte, an meiner Stelle würde er während der Zeit in den USA gar nicht von dort weg gehen wollen.
Ich bekam sogar die Möglichkeit, an manchen Veranstaltungen des Colleges teilzunehmen, und kam mir dabei fast vor, als wäre ich für einige Tage selbst Studentin. Sehr schnell fühlte es sich an, als wäre ich sehr viel länger dort als ein paar Tage. An einem Abend ging ich zu einem Vortrag über veganes Leben, bei dem einige Bestseller aus der Veganer-Szene vorgestellt wurden, darunter das Buch "Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen" von Melanie Joy in der englischen Fassung. Ich futterte mich durch das Angebot an veganen Keksen und Kuchen, die bereit standen (Ich hatte zuvor selten solch leckeres Gebäck gegessen), versuchte, mit meinen allmählich wieder zum Leben erwachenden Englischkenntnissen dem Vortrag zu folgen und wurde sogar ein wenig emotional, obwohl ich nicht alles verstand und es mir normalerweise eher selten passiert, dass ich von den Inhalten gerührt bin. Jedenfalls war ich davon so sehr inspiriert, dass ich anschließend einen Slamtext zu dem Thema zu schreiben anfing, während L. und die anderen im Wohnzimmer neben mir ihre Hausarbeiten schrieben. Das abendliche Beisammensitzen im Wohnzimmer wurde zum Ritual, bei dem ich die nächsten Tage dabei war und bereits die Weiterreise plante. Einmal schlief L.'s Freundin A. sogar auf dem Sofa ein zu später Stunde, woraufhin wir sie zudeckten, ihr die Brille von der Nase nahmen und uns auf leisen Sohlen aus dem Wohnzimmer schlichen, um sie nicht zu wecken.
L. und ich hatten viel Spaß zusammen in den Tagen in Northampton. Ihr guter Freund F., dessen Muttersprache Italienisch war, lud mich ein, sie zu dem Italienisch-Tutorium zu begleiten, das er für die Studenten anbot. Ich sprach zu dem Zeitpunkt kein Wort Italienisch, doch dies störte mich in dem Seminar überhaupt nicht. L. saß neben mir und berichtete in kurzen Worten, was wir in New York erlebt hatten. Als ich aus dem Seminar herausging, hatte ich zumindest gelernt, was "danke" (grazie) und "Wie geht es dir?"(Come stai?) sowie "gut" (bene) bedeuteten.Ab und zu entspannte ich mich ein wenig in dem großen Gewächshaus des Colleges, in dem sich ein Meer aus den farbenfrohesten Blumen und tropischen Pflanzen befand, anbei sogar ein Brunnen mit einem kleinen Buddha. Wenn ich tropische Luft schnuppern wollte, ging ich dorthin.

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