Tromsö ist eine Stadt, sogar die nördlichste größere Stadt in Nordnorwegen. So städtisch kam sie mir allerdings nicht vor, von Trubel und Lärm war nichts zu spüren. Der Schnee, den ich in solch einer Masse noch nie zuvor erlebt hatte, verschluckte jegliche Geräusche.
Im Dunkeln erreichten F. und ich unsere Unterkunft, die aus einer Doppelhaushälfte bestand und oben auf dem Berg lag. Sie war gemütlich, mit großen Räumen, einer Badewanne, einem Kamin für gemütliche Kaminabende ausgestattet und das größte Highlight war die große Fensterfront, durch die wir auf den gegenüberliegenden Hausberg Tromsös, den Fjellheisen, blicken konnten, in das Tal mit den Lichtern der Stadt und auf das Eismeer. Das war also der Polarkreis, in dem wir uns nun für eine Woche aufhalten würden. Anfang Januar befanden wir uns mitten in der Polarnacht, was bedeutete, dass wir die Sonne niemals ganz sahen. Zwischen 10 und 14 Uhr morgens war es noch leicht hell, wenn man es noch als hell bezeichnen kann, und ab 14 Uhr war es bereits stockduster. Da verwunderte es uns wenig, dass die Menschen hier so viel Wert auf behagliche Hausbeleuchtung und Inneneinrichtung legten.
F. und ich nutzten die Zeit der Helligkeit, um Tromsös Umgebung ein wenig zu erkunden. Mit einem einwöchigen Busticket konnten wir etwas umherfahren, stundenlang durch den Schnee an typischen norwegischen Holzhäusern vorbeispazieren, an zugefrorenen Seen und bis hin zu abgelegenen Fjorden. Jedes Mal, wenn wir das Haus verließen, statteten wir uns mit warmer Winterkleidung, Skiunterkleidung und Schneeschuhen aus. So bitterkalt erschien es uns in Tromsö angesichts der Minusgrade an der finnischen Grenze jedoch nicht, auch wenn der Schnee alles übertraf, was ich zuvor kennen gelernt hatte. Ich träumte nachts sogar von Schnee; dieser wird auch das sein, was mir in den Sinn kommt, wenn ich künftig an Tromsö denke. Ständig waren Schneepflüge im Einsatz und es schien das Normalste auf der Welt zu sein, dass die Menschen in den Straßen um unsere Unterkunft herum auf Langlauf-Skiern entlangfuhren. "Vielleicht fahren sie damit zur Arbeit", sagte ich zu F.

Per Get your Guide buchten wir eine Nordlichter-Tour, bei der wir spätabends mit einem Kleinbus aus Tromsö abgeholt wurden und bis zur finnischen Grenze fuhren. Wir waren stundenlang unterwegs, während es draußen unaufhörlich schneite, alles nur, um die grüne Dame zu sehen. Ich war ziemlich aufgeregt und bat inständig, dass sich das Nordlicht zeigen würde. Zuerst zeigte sich allerdings ein Sternenhimmel, wie es ihn nur außerhalb der Lichtverschmutzung der Stadt gibt. In Thermoanzügen und mit einem Tee im Pappbecher in der Hand blickten F. und ich sowie die restliche Truppe durch das Schneegestöber irgendwo weit draußen im Nirgendwo in den Himmel: Der Anblick raubte mir fast so sehr den Atem, wie der schneidende Wind es tat. Nordlichter konnten wir allerdings nur durch die professionelle Kamera unseres Guides sehen, fürs bloße Auge blieben sie verborgen. Immerhin konnten wir ein paar Fotos mit nachhause nehmen, auf denen wir im Schnee stehen, hinter uns der Sternenhimmel und die grünen Farben der Nordlichter. "Irgendwann kommt bestimmt noch eine Gelegenheit, richtige Nordlichter zu sehen", ermutigte mich F.

Abenteuerlich wurde auch die Walbeobachtungs-Tour, für die wir am nächsten Tag für neun Stunden auf dem Eismeer waren. Es gab viele Informationen über die Wale, darunter Orcas, Pottwale und Finnwale, die sich in den nordischen Gewässern tummeln. Während der Zeit, zu der es noch etwas hell wurde und die Schneelandschaften der Fjorde ringsum in ein bläuliches Licht getaucht waren, versuchte ich, viel Zeit draußen zu verbringen und war gespannt, wann die Wale auftauchen würden. In größerer Entfernung, rund um den Ort Skjervoy, sichteten wir an Bord tatsächlich irgendwann einen Pottwal, es war allerdings nur eine Frage von Sekunden, bis er abtauchte und seine Schwanzflosse zuletzt kerzengerade aus dem Wasser ragte. Offensichtlich suchten die Wale eher das Weite. Ich gönnte mir noch einen der Kaffees mit Hafermilch (das Schiff war scheinbar sehr vegan eingestellt) an Bord und sprach mit unserer Sitznachbarin, die auch aus Deutschland stammte, darüber, dass das Mitfahren auf einem Walbeobachtungs-Schiff quasi auch ein Beitrag zum Tierschutz ist. Walbeobachtungs-Touren werden mit der Zeit immer profitabler als Walfang-Schiffe und bewegen ein Land wie Norwegen stückweise dazu, den Walfang, der dort leider noch existiert, einzudämmen. Auch wenn F. und ich nicht so viel gesehen hatten wie erhofft, hatten wir zumindest eine gute Sache unterstützt.
Obwohl Tromsö eine Stadt ist, kam unsere Reise uns nicht wie ein Städtetrip vor. Es war nicht überlaufen durch Tourist*innen, wir waren von unserer Unterkunft aus schnell in der Natur und insgesamt kam uns das Leben hier ziemlich entschleunigt vor. Die dunkle Phase während der Polarnacht mag dazu auch noch beigetragen haben. Diese Zeit des tiefsten Winter in Nordwegen in der Stadt, die als Tor in die Arktis gilt, haben wir auf dieser Reise kennen lernen dürfen, dazu Massen an Schnee, die alle verschneiten Winter, die ich erlebt habe, übertrafen.
Auf dem Rückweg düste ich mit dem Bus nach Narvik und von dort aus mit dem Polar-Express nach Stockholm (die Strecke war zum Glück wieder befahrbar) wieder Richtung Heimat und kann dies auch als eindrucksvolles Erlebnis für sich verbuchen: Zuerst fuhr ich durch märchenhafte weiße Landschaften aus Eis und Schnee. Der Zug, den ich von Narvik aus nahm, hatte vorne Schneeschieber und war innen gemütlich warm aufgeheizt und mit riesigen Sesseln ausgestattet. Dieser Zug war wie ein Kokon, aus dem ich durch die Fensterscheibe ins Schneegestöber außen blicken konnte. Ich habe selten so gut geschlafen wie in diesem Zug.