Dienstag, 31. Dezember 2024

Weihnachtszeit in den andorranischen Pyrenäen


Nach den letzten Trips dieses Jahr in die kleinsten Staaten Europas, die in der letzten Zeit mehr und mehr meine Neugier geweckt haben, war es auch im Dezember noch nicht vorbei: Über Paris fuhren wir in den in den Pyrenäen gelegenen Staat Andorra.
 Bei den Deutschen ist Andorra ein noch vergleichsweise unbekanntes Reiseland. Unsere Unterkunft befand sich mitten in der Altstadt von der Hauptstadt Andorra La Vella. Auf der Höhe der Stadt lag kein Schnee, doch die Stadt glitzerte vor lauter Weihnachtsbeleuchtung und war mit kreativen Weihnachtsinstallationen geschmückt, sodass hier definitiv Weihnachtsstimmung aufkam. Nahe unserer Unterkunft befand sich sogar ein singender Weihnachtsbaum, aus dessen beigefügter Musikbox jeden Abend Weihnachtslieder zu hören waren.
Auch die Brücke im Zentrum, auf der in großen Buchstaben "Andorra La Vella" stand, leuchtete jeden Abend ansprechend im Dunkeln.

An einem der letzten Abende fand vor der Brücke eine Wasserlicht-Show statt, bei der das in Fontänen sprudelnde Wasser mit Musik untermalt in verschiedenen Farben angeleuchtet wurde. Viele Straßen sowie der Weihnachtsmarkt waren mit Lichterketten überdacht und die Hauptstraße war gespickt mit verschiedenen Figuren wie Micky Maus, Olaf, der Schneemann aus "Die Eiskönigin" und Pinguinen aus bunten Lichterketten. Von dem Wanderweg, dem Passeig del Sol, hatten wir daher nicht nur tagsüber einen guten Überblick über die Hauptstadt von oben, sondern auch im Dunkeln, wenn alles leuchtete.

Schnee sollten wir jedoch auch noch erleben: Mit der längsten Seilbahn Europas fuhren wir den Berg vom Ort Encamp hinauf in die Schneelandschaft der andorranischen Bergwelt. Für mich war diese Seilbahnfahrt die erste, bei der ich mit M. allein eine Gondel teilte. Auf der 25-minütigen Fahrt hatten wir genügend Zeit, das Bergpanorama in uns aufzusaugen. Mir kam der Spruch "Paradise doesn't have to be tropical" in den Sinn, demnach Paradiese nicht zwingend immer tropisch sein müssen. Das Gesicht dieser Erde hat noch einiges mehr zu bieten. Wir stapften beim Gebiet um den Gipfel durch den Schnee, während einige Skifahrer*innen in unserer Nähe herumwuselten, und ließen uns die Sonne, die auf dieser Höhe sehr hell schien, auf die Nasenspitze scheinen. Ein Stück tiefer am Berghang liefen wir wenig später über eine Hängebrücke, die jedoch nicht ganz so hoch war, und spazierten an ein paar einsamen Steinhäusern in traditioneller andorranischer Bauweise vorbei. Dadurch, dass wir Schneehosen anhatten und warm eingepackt waren, froren wir auch nicht so schnell.

Am letzten Tag vor unserer Abreise ging es nach Canillo, einem Ort, der mit typischen andorranischen Steinhäusern im Tal und malerischen Aussichten in den Bergen lockt. Die Hängebrücke, die im Vergleich zu der in Canillo wesentlich höher gespannt war und dementsprechend ein adrenalinreiches Erlebnis zu werden versprach, war wetterbedingt leider geschlossen, weshalb wir sie nur aus der Ferne anschauen konnten. Roc El Quer, einer der bekanntesten Aussichtspunkte war jedoch geöffnet. Wir wanderten die Serpentinen der Straße den Berg hinauf, passierten irgendwann die Schneegrenze und wurden mit der Aussicht auf die Berge belohnt. Von hier aus konnten wir sogar den schlangenlinienartigen Weg zurückverfolgen, den wir bis hierher zurückgelegt hatten. Auf dem Rückweg nahmen wir den wesentlich steileren Fußgänger*innen-Weg an einem Bach entlang, der dementsprechend schneller ging als die Tour bergauf.

Am Abend, als M. und ich gerade aus Canillo zurückgekehrt waren und in unserem Hostelzimmer unser Abendessen zubereiteten, hörten wir plötzlich laute Musik von der Straße her. Uns war sofort klar, dass da draußen irgendetwas los war, wussten nur nicht, was. "Sollen wir kurz rausgehen und nachschauen?", fragte ich. Gesagt, getan. Wir schlüpften in unsere Jacken und gingen die Treppe zum Hinterhof hinaus. Bei der Hauptstraße ein paar Wegbiegungen entfernt erwartete uns eine Weihnachtsparade ganz in Weiß, die mit dem großen Mammut aus Pappmaché wohl unter dem Motto Steinzeit stand. Ein paar weiß gekleidete Tänzer*innen führten ihre Choreographie zu und das Ganze wurde mit einem weißen Konfettiregen abgerundet. Atemlos kehrten wir wenig später in unsere Unterkunft zurück und ich fand, dass das für uns der genau richtige Abschied gewesen war, bevor wir Tags darauf die Heimreise antraten.

Mit dem Zug ins herbstliche Luxemburg

Mit meiner Freundin F. fuhr ich im November in den kleinen Staat Luxemburg, um dort ein verlängertes
Wochenende zu verbringen. Der kleine Staat liegt eingebettet zwischen Deutschland und Frankreich, was sich auch in der dortigen Sprache widerspiegelt. Wie wir schon auf dem Weg zu unserem Airbnb feststellen konnten, bestanden die Straßennamen aus einer Mischung aus Französisch und Deutsch. Neben Luxemburgisch, das selbst nach einem wilden Mix aus eben diesen beiden Sprachen klingt, sind Deutsch und Französisch die offiziellen Amtssprachen des Zwergstaats. Im Café wurden wir auf Deutsch angesprochen, im Supermarkt auf Französisch. Mit beiden Sprachen kamen wir hier ziemlich weit.

Die Hauptstadt Luxemburgs besteht aus einer "Unterstadt", die vorwiegend durch alte Häuser geprägt ist, sowie aus einer modernen "Oberstadt". Zu dem Zeitpunkt, an dem wir da waren, waren die Bäume in bunte Herbstfarben getaucht. Besonders schön anzusehen war dies von dem Aussichtspunkt am Panoramaaufzug, der die Oberstadt mit de Unterstadt verband. Neben dem Fahrstuhl in der Oberstadt befindet sich ein großes gläsernes Panoramafenster mit einem Glass Walk, das mir besonders gefiel und für meinen Geschmack einer der besten Orte von Luxemburg ist.

Im Zentrum konnten wir uns alte Ruinen anschauen, die uns in vergangene Zeiten zurückversetzten und zwischen dem Herbstlaub der Bäume eine märchenhafte Atmosphäre erzeugten. Im unteren Teil der Stadt konnten wir einem Fluss folgen, der Alzette, an deren Ufer eine lilafarbene, moderne Statue einer Meerjungfrau aus dem 3D-Drucker auf uns wartete: Die Melusina. Der Legende nach heiratete die Nixe Melusina den ersten Grafen von Luxemburg im Jahr 963 unter der Bedingung, dass sie jeden Samstag Zeit ungestört für sich habe. Als der Graf irgendwann vor unstillbarer Neugier sein Versprechen bricht und Melusina durchs Schlüsselloch beobachtet, wobei er ihren Fischschwanz in einem Wasserbottich entdeckt, erschrickt sie und verschwindet für immer in den Fluten der Alzette.

Am zweiten Tag unseres Luxemburg-Trips fuhren F. und ich nach La Rochelle, was übersetzt so viel  wie "Kleiner Felsen" bedeutet. Der Name wird dem Ort absolut gerecht, denn nicht nur die Burg dort thronte auf einem Felsen, sondern wir konnten einige Wanderwege finden, die an märchenhaft anmutenden Felsen vorbeiführten. In La Rochelle ging es sehr ruhig auf den Wanderwegen zu. Wir fanden einen kleinen Wasserfall am Wegesrand und konnten ein paar wunderschöne Aussichten in Richtung Burg bestaunen, für die allein sich dieser Trip schon gelohnt hatte.
Von der Luxemburger Hauptstadt kamen wir mit einer etwas längeren Busfahrt dorthin. Der Nahverkehr innerhalb Luxemburg ist übrigens komplett kostenlos, sowohl für Einheimische als auch Tourist*innen. Das habe ich zum ersten Mal in einem anderen Land kennen gelernt und finde dies sehr entspannt, da die Planung und Organisation von Fahrkarten dadurch komplett wegfällt.
Insgesamt fand ich Luxemburg als Kurztrip im Herbst super, um entspannt wandern und spazieren zu gehen, Burgen bzw. Burgruinen anzuschauen und die entspannte Atmosphäre zu genießen.

Donnerstag, 17. Oktober 2024

Posen: Die polnische Perle

Meine Freundin L. und ich entschlossen uns, den goldenen Herbstanfang auszukosten und ein verlängertes Wochenende wegzufahren, um die polnische Stadt Posen kennenzulernen. Wir fuhren mit dem Fernbus über Berlin und waren von dort aus innerhalb von zwei Stunden dort. Unser Nachbarland Polen ist von unserer Hauptstadt schnell erreichbar und doch gehört es zu den Destinationen, die ich lange nicht so auf dem Schirm hatte. Apropos Schirm: Während unseres verlängerten Wochenendes Ende September schien die Sonne bei sommerlich warmen 24 Grad und es zogen zwischendurch kein einziges Mal graue Wolken auf. Einen schicken, bunt gemusterten Regenschirm kaufte sich L. trotzdem, denn das würde sie in unserer norddeutschen Heimatstadt noch gut gebrauchen können, wie sich nach unserer Rückkehr herausstellen sollte. 

Posen erschien mir auf den ersten Blick von den Ausmaßen, unter anderem beim Busbahnhof, größer und ausladender, als ich es zuerst erwartet hatte. Die Gebäude und Bürgersteige wirkten sehr modern und gepflegt, von dreckigen Gehwegen war keine Spur. Unsere Unterkunft am Rande der Altstadt Stary Rynek war für sich schon ein Highlight unseres Posen-Trips. Abends konnten wir hier sitzen und Smoothie oder trinken, mit Blick auf die Spitze des Rathauses, während die Stadt ringsum in goldenem Licht versank. "Das müssen wir ausnutzen", befand ich, "Nun müssten wir jeden Abend hier sitzen." Das taten wir dann auch.

In der Altstadt ging es ähnlich gepflegt zu. Der Platz um das Rathaus war riesig, sodass allein hier schon vier Brunnen mit Göttern aus der griechischen Mythologie Platz fanden. Um 12 Uhr war der Platz vorm Rathaus recht voll, weil aus der Rathausuhr zwei hölzerne, weiß angestrichene Ziegenböcke aus einer Klappe herausspazierten und sich pünktlich zur vollen Stunde mit ihren Hörnern duellierten. Allgemein sind die beiden Ziegenböcke Programm in dieser Stadt: Es gibt Statuen, Streetart-Bilder an den Wänden und jede Menge Souvenirs. Leider auch zwei echte, angebundene Ziegen, die ich an einem Vormittag in der Altstadt auf dem Marktplatz ausmachen konnte, mit denen sich Tourist*innen fotografieren lassen konnten- was die Menschen dabei als Spaß empfinden, ist für die Tiere eher selten ein Spaß, wenn sie den Geräuschen und Gerüchen ringsum ausgesetzt sind.

Insgesamt konnten wir viel Zeit in der Innenstadt verbringen: Es gab kleine, süße Cafés und Straßenlokale in bunten Farben zu entdecken, mit Blumen verzierte Wände und Streetart-Bilder. Die rosa Kathedrale, in der Orgel gespielt wurde, war auch nicht weit weg. Die Gebäude waren teilweise schon sehr alt, waren in der Vergangenheit jedoch immer wieder restauriert worden, sodass sie auf mich taufrisch wirkten und die Farben ziemlich klar waren. 

Von der Innenstadt aus gelangten wir auch ziemlich einfach zur Dominsel, dem ältesten Teil Posens, der sogar Jahrhunderte zuvor den ursprünglichen Stadtkern dargestellt werden. Der Dom selbst zeichnet sich durch den Backsteinbau aus, wirkt dadurch jedoch gar nicht so alt, wie er eigentlich ist. Hinter dem Dom fanden wir die fotogene rote Brücke, die die Dominsel mit dem Viertel Sródka verband. Sródka ist ein entspanntes und zugleich hippes Viertel mit kleinen Läden und Cafés, das sich vor allem durch verschiedene Streetart-Motive und -Installationen auszeichnet. 
Abends ging es für uns in den Zitadellenpark, einem großen Park mit weitläufigen Spazierwegen, Wiesen und modernen Skulpturen sowie einer Fläche, auf der Panzer und Kanonen ausgestellt waren. Auch gegen 19 Uhr war es noch so warm, dass wir hier auf einer Parkbank picknicken konnten. 

Am zweiten Tag erkundeten wir den Maltasee, der mit einem längeren Spaziergang von 30 Minuten von Stary Rynek fußläufig erreichbar ist. Dort gibt es nicht nur einige Wassersport-Anlagen für Wasserski und Sportboote, sondern auch einen kleinen Freizeitpark mit Bobbahn und Sommerrodelbahn. Das Erlebnis ließen wir uns nicht entgehen und zogen an einem Automaten Tickets für beide Bahnen. Kurz darauf sausten wir den Berghang hinauf und rasten nach einer Kurve abwärts die Schienen entlang mit Blick auf den Maltasee. Meine Bobbahn bremste ein wenig ab, als ich auf der Strecke durch einen Tunnel voller bunt gefärbter Blätter fuhr - quasi ein herbstlicher Märchenwald- und ich hielt kurz inne, um einen Blick ringsum zu werfen. Dann kam L. um die Ecke gesaust und auch ich gab wieder Gas, sodass wir die restliche Strecke zum Ziel schlitterten. 

Wir setzten unseren Spaziergang am Maltasee fort und bogen irgendwann in den Wald ob, wo sich ein Baumwipfelpfad befindet. Dieser schien noch recht neu zu sein, da das Holzgerüst noch taufrisch und hell wirkte. Hier konnten wir ein paar hundert Meter über die Holzkonstruktion spazieren, von oben in den Wald spähen und auf einer Holzbank eine Rast einlegen. Ein wenig später vollendeten wir unsere erste Runde um den See, bei der wir noch Adrenalinjunkies, die sich von einem Kran aus im Bungee-Jumping probierten, kreischen hören konnten (Ich hatte nicht vor, das auszuprobieren, was L. sehr beruhigte), war unsere Zeit am Maltasee noch nicht zu Ende: Wir fuhren noch ein paar Stationen mit der Maltanka, einer kleinen, dampfbetriebenen Eisenbahn) durchs Unterholz. Nun war auch dieser Tag in Posen ein Erlebnis, das wir nicht missen möchten.

Sonntag, 15. September 2024

Menton: Zwischen Steinstrand, Socca-Pfannkuchen und Sonnenschein

Auf dem Rückweg von Monaco stiegen J. und ich in Menton aus. Menton liegt mit dem Zug nur fünfzehn Minuten von Monaco entfernt und doch fühlte ich mich gleich wieder wie in einer anderen Welt. Wo Monacos Gebäude blitzeblank waren und mehrstöckig in die Höhe ragten, hatte Menton kleine Nebenstraßen mit älteren Häusern, an denen die Wände charmant abgeblättert waren. Statt Luxusrestaurants waren hier Stände mit Socca, dem regionalen Streetfood aus in Öl gebackenen Kichererbsen-Pfannkuchen, für drei Euro fünfzig zu finden. Socca ist quasi die französische Entsprechung zu den italienischen Farinata, die ich in Genua kennen gelernt hatte.

J. und ich, nach dem vielen Bergauf- und Bergab-Laufen unter der monegassischen Sonne gingen direkt zum Strand, ich tauschte nach kurzem Überlegen mein elegantes Kleid gegen Bikini und wir ließen uns in klare, kühle Meerwasser der C'ote d'Azur gleiten. Die C'ote d'Azur und Ligurien zeichnen sich dadurch aus, dass sie hauptsächlich aus Steinstrand bestehen. Wenn es in der Region Sandstrand gibt, ist dieser meistens künstlich aufgeschüttet. Die Steine mögen beim Hineingehen an den Füßen piksen, haben andererseits den Vorteil, dass nach einem Bad im Meer der Sand nicht am halben Körper klebt. 

Zufälligerweise waren wir an einem Hundestrand gelandet. Ringsum konnten wir verschiedenste Hunde beobachten, die mit ihren Menschen im Wasser plantschten. Einige dösten faul in der Sonne, andere schwammen hinter ihren Menschen hinterher, teils um mit ihnen zu tollen, teils, um sie aus dem ungeheuerlichen Nass zu retten, oder jagten hinter geworfenen Frisbee-Scheiben hinterher. Allein wegen der ganzen niedlichen Hunde hatte dieser Strand sich schon gelohnt. Hier konnten wir erstmal bleiben und es auch in der Nachmittagssonne, die inzwischen ihren Höhepunkt erreicht hatte, aushalten. "Dieser Strand gehört bisher mit zu den Schönsten bisher während dieses Urlaubs", sagte J. und schloss genussvoll die Augen. Da konnte ich nur Recht geben.

Als wir uns genug entspannt hatten und die Luft auch wieder angenehmer werden zu begann, begaben wir uns auf einen Rundgang durch die Altstadt. Zitronen waren hier das Programm, weil Menton auch als Stadt der Zitronen gilt. Es wird sogar alljährlich zur Karnevalszeit ein Zitronenfest gefeiert. Es gibt jede Menge Souvenirshops, die die gelbe Frucht durch Seifen mit Zitronenduft, Tischdecken mit Zitronenmotiv und Zitronen-Magneten ehren. Die Farbe Gelb war in Menton jedoch nicht nur durch die Zitrone vertreten, sondern durch durch die Farben der altstädtischen Häuser, die in warmen Orange-, Gelb- und Grapefruit-Tönen leuchteten.  Einen Sommertag in Menton verbinde ich nun mit dem glitzernd kristallblauen Wasser der C'ote d'Azur, mit dem Grün der Berge hinter einer Altstadt aus warmen Farben, die wie in einen Vintage-Filter getunkt zu sein scheint, und südfranzösischer sorgloser Leichtigkeit, die an einen schier niemals endenden Sommertag an der Jugend erinnert. Wenn hier kein Sommerfeeling aufkommt, dann weiß ich auch nicht...

Monaco

Der Bürgersteig war wie geleckt, die Gebäude und die Straßen wie blank poliert und die Luft durch die stehende Hitze gefühlt zum Schneiden dick. Wir waren von Sanremo aus mit einem Zug zum italienischen Ort Ventimiglia gefahren, von wo aus wir in einen französischen Zug stiegen. Nach etwas mehr als einer Stunde befanden wir uns im Fürstentum Monaco. 
Der zweitkleinste Staat dieser Erde nach dem Vatikan ist vom umliegenden Frankreich unabhängig und gehört nicht zur EU (weshalb es klug ist, wie auch in der Schweiz und in anderen Zwergstaaten wie Vatikan & Co vor der Einreise das Datenroaming auszuschalten). Als EU-Staatsbürger*innen ist es trotzdem möglich, mit Personalausweis einzureisen. 

Wir spazierten vom Hafen aus, in dem sich eine Yacht neben die andere reihte, zum Stadtteil Monte Carlo, zu dem neben einem dschungelartig angelegten Park und einer ebenso tropisch begrünten Einkaufsmeile das berühmte Casino von Monaco gehört. Auf dem Platz davor tummelten sich so viele Menschen, dass sichtbar wurde, was es für einen Hotspot in Monaco darstellt. Das Foyer des Casinos konnten wir sogar betreten und von dort aus einen Blick auf die Nebenräume erhaschen, wo einige Menschen zum Blackjack-Spielen auf edlen Sesseln saßen. Genau so, als wäre die Szene einem James-Bond-Film entsprungen und so, wie ich es mir vorstellte. Als ich später M. ein Foto von dem Casino mit ein paar Ferrari davor schickte, kommentierte er: "Du stehst da etwa vor einer Million Euro". Kein Wunder, wir waren schließlich auch in Monaco, dem Staat, in dem die Reichen in Yachten und Luxus-Immobilien residierten. 

Sogar die Bahnlinie, mit der wir gekommen waren, war unter der Erde angelegt, da die Fläche des Staates dicht bebaut mit Letzteren war. 
Schließlich gilt Monaco als das Land mit den weltweit höchsten Lebenshaltungskosten. Ein Tagesausflug bot sich für mich und J. daher perfekt an: Anschauen wollten wir Monaco gern, doch zum Essen und Wohnen sagte Italien uns mehr zu.

Besonders angetan hatte es mir der Park direkt gegenüber des Casinos. Zwar war auch hier alles millimetergerecht gestutzt, doch ein wenig tropisches Flair inmitten der dichten Bauten Monacos verströmte er allemal. Zudem spendete er uns das eine oder andere schattige Plätzchen und bot uns auch den einen oder anderen schönen Blick auf das Casino. 

Montag, 9. September 2024

Sanremo


Nach einem kurzen Zwischenstopp in Mailand, den wir dazu nutzten, um Focaccia zu kaufen, und einem weiteren Zwischenstopp in Genua, wo sich die Nachmittagshitze allmählich merklich aufstaute, gelangten wir nach Sanremo. Dort waren wir am Ziel dieser Reise angelangt. Durch einen schier endlosen Tunnel ging es durch das Bahnhofsgebäude hinaus. Durch die Rolltreppen, die geradeaus verliefen, fühlte ich mich, als befänden wir uns in einer Flughafenhalle. 
Etwas erschöpft durchquerten J. und ich das Stadtzentrum von Sanremo und rollten unsere Koffer durch die Fußgängerzone in Richtung unseres Apartments. Das pulsierende Leben empfing uns direkt und wir kamen bereits am Casino und der architektonisch prachtvollen russisch-orthodoxen Kirche vorbei, ehe wir einen Fuß in die Unterkunft gesetzt hatten. 

Zuerst wunderte ich mich, dass es hier keinen ausgeprägten Busverkehr gab. Offenbar besaß die Mehrheit der Menschen hier ein eigenes Auto. Insgesamt wirkten die Menschen auf uns hier ziemlich wohlhabend. Als J. und ich auf einer Bank an der mit Palmen gesäumten Promenade unser selbst gekochtes Mittagessen, Pasta mit gebratenem Gemüse, aßen, wurden wir von einigen vorbeilaufenden Familien recht schief angeschaut. Anscheinend war das unter Urlaubenden hier nicht unbedingt üblich.

Als wir abends nach einem Strand suchten, um uns ein wenig im Sand bzw. auf Steinen zu entspannen, stellten wir fest, dass die meisten Strände zu einer Anlage gehörten und damit zu dieser späten Zeit bereits abgeschlossen waren. Das Meeresrauschen war in einiger Entfernung zu hören und wirkte sehr verlockend. Zwar gilt Sanremo als einer der schönsten Badeorte von Ligurien, ist in der Hochsaison allerdings auch ein klassischer Fall von Sonnenschirmchen-Liegen-Strand. Was Strände angeht, reizen mich die am meisten, an denen ich kilometerweit durch die Brandung und den Sand laufen kann und das Rauschen der Wellen im Ohr habe, ohne dass der Strand überfüllt und voller Lärm der Menschen ringsum ist. 
Da wir zunächst nichts anderes fanden, verbrachten J. und ich einen Vormittag an einem kostenpflichtigen Strand unweit unserer Unterkunft. 

Der Vorteil war hierbei, dass wir unsere Sachen in einen Spind schließen und somit zusammen im Wasser sein konnten. Dabei machte ich Bekanntschaft mit einem Fisch, der sich im wahrsten Sinne des Wortes an meine Fersen heftete und (ohne Scherz) daran zu knabbern begann. Erst fragte ich mich, was da kitzelte, dann schaute ich an mir herab ins klare Wasser und begann, zu lachen. "Solange es kein Petermännchen ist", sagte ich grinsend zu J., "Ich hab es offenbar mit den Fischen." Über mein Zusammentreffen mit dem giftigen Petermännchen in Gibraltar vor drei Jahren habe ich ebenfalls in einem Blogbeitrag berichtet.

J. und ich fanden während unserer Zeit in Sanremo doch noch einen Strand, der nicht überfüllt war und an dem wir erneut einen Sonnenuntergang genießen konnten. In Sanremo nutzten wir nun sogar ziemlich häufig die Gelegenheit, Sonnenuntergänge anzusehen, da wir mehr abends als tagsüber draußen waren. Tagsüber war es ziemlich heiß, sodass wir uns zwischendurch in unsere Unterkunft zurückzogen und uns mit Wassermelone erfrischten. Als wir uns einem Nachmittag in die Altstadt Sanremos wagten und viele Treppen hinauf zu einem Park stiegen, gerieten wir dabei ganz schön ins Schwitzen. Die Aussicht auf die Dächer der Stadt von oben war letztlich ein Besuch wert, doch ist bestimmt auch frühmorgens oder in der Abendstimmung wunderschön.

Jeden Abend gehörte es zu meinen Highlights, die Silhouetten der Palmen im Abendrot zu sehen. Ich liebe nämlich nicht nur Sonnenuntergänge, sondern auch Palmen. Und: Pizza Marinara liebe ich auch. J. und ich holten uns die älteste Pizza der Welt (die von Grund auf vegan ist und nicht etwa mit Meeresfrüchten, wie viele glauben) und setzten uns damit an den Strand, an dem zum Glück viel Platz war und an dem wir auch bis zum Einbruch der Dunkelheit bleiben konnten. Leider erinnerte die Pizza eher an Flammkuchen, wie wir feststellten, und entsprach nicht dem, was eine neapolitanische Pizza mit dickem Rand ausmacht. "Wie eine Frisbeescheibe", meinte J. trocken mit einer entsprechenden Handbewegung und wir lachten. Ein paar Tage später wiederholten wir den Pizzaabend. Ich fand einen Pizzaladen mit großem, iglu-förmigen Ofen und ein paar mit Pizzateig davor hantierenden Pizzaiolos- hier schienen wir richtig zu sein. Als wir diese Pizza mit Blick aufs Meer vernaschten, waren wir diesmal auch mit unserem Abendessen sehr zufrieden.

Sonntag, 8. September 2024

Comer See

Die Zugfahrt von Basel nach Como führte durch die Schweiz und gehört mit Abstand zu den schönsten Zugfahrten, die ich auf dieser Reise erleben durfte. Zwar war es voll im Zug und zwischendurch machte sich die Mittagshitze bemerkbar, die Aussicht jedoch war ein Traum: Aus dem Zugfenster konnten wir kitschig hellblaue Seen entdecken, sattgrün bewachsene Berge und hier und da zwischendurch plätschernde Wasserfälle. Italien war schön, doch auch der Schweiz wohnte ein gewisser Zauber inne.

In Como kamen wir in der schwülen Nachmittagshitze an.
Als wir im Hotel eincheckten, war ich erleichtert, dass es keine Komplikationen aufgrund der zuvor verpassten Nacht gab. Nachdem wir die erste Nacht ungeplant in Basel verbracht hatten, hatten wir nur eine Nacht in Como. Als wir das Zimmer betraten, fanden wir eine Panorama-Tapete mit dem Motiv des Comer Sees bedruckt vor, dafür kein Fenster. Insofern war ich im Nachhinein gesehen gar nicht einmal so böse darum, die eine Nacht in dem lichtdurchfluteten Hotelzimmer in Basel verbracht zu haben. Hier waren wir ohnehin nur zum Schlafen.

Nachdem wir Focaccia und Obst zur Stärkung besorgt hatten, wurde es langsam etwas kühler. Ein guter Zeitpunkt, um am Comer See entlang zu spazieren. Der Comer See selbst ist ziemlich groß, sodass ein einzelner Tag lange nicht ausreicht, um alles zu entdecken. Wir gingen von der Bahnstation Como di Lago dorthin. Dabei passierten wir einige Gassen und Marktplätze des Ortes, in denen das gastronomische Leben pulsierte. Das italienische Lebensgefühl war hier sofort wieder zu spüren, auch wenn Como als sehr touristisch empfunden werden mag. J. und ich merkten, wie wir uns beim Gehen und mit der aufkommenden Abendstimmung immer mehr entspannten.

Es gab eine Fontäne direkt am Wasser, die munter vor sich hin sprudelte. Einige Menschen standen unter dem spritzenden Wasser und hatten damit die perfekte Abkühlung. "Wollen wir?", fragte ich. Wir überlegten einen Moment, da wir nicht wussten, ob der Boden zu rutschig war, doch bei den anderen schien es auch zu funktionieren. Also traten wir in den Sprühnebel und genossen die kühlen Wassertropfen auf der Haut.

Der Sonnenuntergang verwandelte den Comer See in ein schönes Farbspiel, sodass ich mich wieder einmal fragte, warum ich so selten dazu kam, Sonnenuntergänge anzuschauen. Dabei gibt es jeden Tag einen, auch in Deutschland, und trotzdem verpasse ich die meisten davon. Mit der Dunkelheit erschienen die warmen Lichter, spiegelten sich im Wasser und es wurde Straßenmusik gespielt wie auch gestern in Basel. Das Gefühl eines lauen Sommerabends machte sich breit. "Eigentlich sollte man so etwas viel öfter machen", sagte J.. "Dorthin fahren, wo es schön ist, und die Atmosphäre genießen wie hier." Würde nicht am nächsten Morgen die Weiterfahrt nach Sanremo auf uns warten, hätten wir noch länger hier auf der Bank mit Blick auf den See sitzen können. 

Basel: Auf Umwegen in die Sonne Italiens

Meine Freundin J. und ich hatten wieder unseren gemeinsamen jährlichen Urlaub geplant. Unsere erste Idee war es, in die Schweiz zu fahren. Doch auch Italien hatte für uns in den vergangenen Jahren an Reiz gewonnen: Für mich war das Land mit der Zeit immer vertrauter geworden, nachdem mein Freund M. und ich viel dort unterwegs gewesen waren. J. war bei ihrem letzten Urlaub in Rom so begeistert von Italien gewesen und hielt es für eine gute Idee, erneut hinzufahren.

Ich erinnerte mich noch gern an Ligurien zurück, wo mein Freund M. und ich unseren ersten gemeinsamen Italien-Urlaub verbracht hatten. In Ligurien liegt auch die Stadt Sanremo, die sich nah an der französischen Grenze und an Monaco befindet. Wieder in italienisches Lebensgefühl eintauchen, ins nah gelegene Meer springen, einen Tagesausflug zur C'ote d'Azur sowie nach Monaco machen: Das klang nach einer ziemlich guten Idee. Zwar ist August in Italien die heißeste Zeit und auch die teuerste, doch J. und beschlossen, trotzdem die Gelegenheit zu nutzen, zu der wir zeitgleich frei hatten. Die Suche nach einer Unterkunft in Sanremo erwies sich als nicht so einfach, doch letztendlich fanden wir ein gepflegtes und erschwingliches Apartment nahe des Meeres und der Innenstadt von Sanremo. Dann dauert es nicht mehr lange und J. ließ sich mit mir auf das Abenteuer Bahnreise ein. 

Erste Station unserer Seite sollte der Comer See werden. Dort wollten wir zwei Nächte verbringen, bevor es nach Sanremo gehen sollte. Jedoch kam es wie so oft anders: Unser ICE blieb auf der Strecke kurz vor der Schweiz stehen und wurde nach langem Warten nicht mehr über Basel hinaus in die Schweiz gelassen. Die Schweizer Bahn lässt deutsche Züge bei Verspätungen über eine halbe Stunde nicht mehr ins Land, um zu vermeiden, dass der Zeitplan der Schweizer Züge ebenfalls durcheinander kommt. Unseren Anschluss von Zürich nach Como konnten wir damit unglücklicherweise vergessen. Von Basel aus ging es nicht mehr weiter. Am Bahnhof in Basel wartete ein freundlicher Mitarbeiter hinter dem Tresen auf uns und hörte sich unser Anliegen an. Er bot uns an, ein Hotel zwei Straßen weiter für uns auf Kosten der Deutschen Bahn zu reservieren und unser Ticket mithilfe eines Stempels zur Weiterfahrt am nächsten Tag freizugeben. Sogar Frühstück war inklusive, worüber J. sich sehr freute.

Nun waren wir also in Basel. Die Stadt an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz ist nicht gerade als schönster Ort der Schweiz bekannt, doch nun waren wir hier und konnten die Gelegenheit nutzen, uns ein wenig umzusehen. Wir checkten im Hotel ein und machten uns dann auf den Weg ins Zentrum, das fußläufig entfernt war. Basel an sich wirkte zunächst wie eine gewöhnliche Stadt, gepflegt, doch auf den ersten Blick nicht so aufregend. 
Als wir jedoch zur Brücke gelangten und beobachten konnten, wie dort hinter den Häusern am Wasser die Sonne unterging und alles in ein orangefarbenes Licht tauchte, waren wir spätestens jetzt mit dem Verlauf des Tages wieder versöhnt. Am Wasser wurde Musik gespielt und im Fluss waren schwimmende Menschen zu beobachten, die dort wohl eine Abkühlung suchten. "Dann sollte es wohl so sein, dass wir die Schweiz doch noch mitnehmen", resümierte ich. "Jetzt haben wir doch noch eine Nacht hier, bevor es nach Italien geht." 

Das Frühstück am nächsten Morgen im Frühstückssaal überraschte mich. Normalerweise sind Frühstück sowie Brunch in nicht-veganen Hotels und Restaurants für mich unattraktiv, da in den meisten Fällen außer einer Sorte Pflanzenmilch und ein bisschen Obst nicht viel an klar identifizierbaren veganen Produkten zu finden ist. Hier jedoch war alles außer die Backwaren mit Hinweisschildern markiert, ob es vegan oder vegetarisch sei. So wurde es auch für mich ein gutes Frühstück. "Das Wasser schmeckt so klar", stellte J. fest. - "Bestimmt aus den Bergen, direkt hier aus der Schweiz." Satt und zufrieden rollten wir wenig später unsere Koffer in Richtung Bahnhof.

Sonntag, 28. April 2024

Frühling in London

Nach unseren Tagen in Dublin wartete London auf uns - schließlich würden L. und ich, wie so oft schon, durch die britische Hauptstadt wieder zurück nach Deutschland gelangen. Auch die Rückreise nach London erwies sich als äußerst abenteuerlich - mit der Fähre, die nach Holyhead zurückfuhr, wo wir kürzlich schon übernachtet hatten, danach ging es mit einem
Bus durch die walisische Landschaft und das letzte Stück mit dem Zug durch London. Als ich aus dem Busfenster die walisische Landschaft mit den Stränden, pittoresken Häusern und den grünen Wiesen sah, dachte ich auch hier: Warum eigentlich nicht... Großbritanniens Natur wird ziemlich unterschätzt, denke ich. 

Doch nun wartete noch eine Nacht und ein Tag mit der vollen Ladung Weltstadt-Feeling auf uns. Als wir in London ankamen, sank ich nach einem guten Abendessen tief und sehr erschöpft von all den Eindrückender Reise in das kuschelige Bett des Airbnbs.

L. konnte sich sehr fürs British Museum begeistern, durch das wir tags darauf spazierten und ich erinnerte mich daran, dass ich bei einer meiner ersten London-Trips intensives Museumshopping betrieben hatte - es bietet sich an in dieser Stadt, in der die meisten Museen kostenlos zugänglich sind. Wie immer war an diesem Tag in London viel los, doch an diesem sonnigen, frühlingshaften Tag kam es mir so vor, als würden L. und ich erst recht viele Straßenkünstler*innen erleben und schnatternde Menschen mit Kaffee in der Hand durch die Parks und die Innenstadt ziehen sehen. Über die animierten Schmetterlinge in der Tottenham Court Road, die mittels Technik an die Wand gebeamt wurden, konnte ich mich auch sehr erfreuen, nachdem ich das online als Geheimtipp ausfindig gemacht hatte. London ist immer wieder für Überraschungen gut und ich habe gelernt, dass es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, egal, wie oft ich hier bin.

Viel Zeit des Tages verbrachten wir im Hyde Park. Die Blumen leuchteten in allen erdenklichen Farben, als wir dort picknickten und in der Sonne lagen. Eine Gruppe von Rollschuh-Kunstläufer*innen versuchte sich an Tricks auf einem geteerten Weg innerhalb des Parks. Als wir am Wasser entlangspazierten und den Park immer weiter durchliefen, bekam ich auch erst eine Ahnung davon, wie groß er eigentlich war. Als wir ihn wieder verließen und allmählich Richtung Victoria Coach Station aufbrachen, wurde es bereits dunkel. Es war Zeit, mit dem Bus wieder Richtung Heimat aufzubrechen. Eine lange Fahrt mit kurzem Zwischenstopp in Amsterdam wartete auf uns. Viel Zeit, um das Erlebte der letzten Tage Revue passieren zu lassen.

Glendalough Nationalpark

Nach dem Besuch der Cliffs of Moher beschlossen L. und ich, noch etwas mehr Natur in Irland zu erleben. Wir fanden eine gute Möglichkeit, auf eigene Faust zu dem Glendalough Nationalpark zu gelangen: Ein Bus aus der Innenstadt Dublins fuhr dorthin einathalb Stunden durch.

 Auf dem letzten Abschnitt der Fahrt umgaben uns jede Menge grüne Wiesen, Schafe mit Lämmern, und intensiv gelb blühende Gewächse. Am Horizont zeichneten sich zwischendurch schon die Berge, die Wicklow Mountains ab. Dort wollten wir hin.

Der Nationalpark besticht mit uralten Ruinen, moosbewachsenem Wald, Seen, Wasserfällen und Bächen. Am Anfang des Weges gab es eine Wiese mit einem rapunzelartigem Turm, der aus der Landschaft herausstach, Überbleibsel uralter Gemäuer und eineige blühende Gräber. L. und ich konnten allein hier schon einige Zeit verbringen, durch die Ein- und Ausgänge der Ruinen zu spazieren und uns auszumalen, was hier wohl einmal gewesen sein mochte. 

In dem Park selbst spazierten wir durch einen Wald, dem etwas Feenartiges anmutete, und konnten uns an einem Wasserfall erfreuen, der mitten im Wald einen Bergabhang hinunterfloss. Nahe des Seeufers suchten wir uns einen Picknickplatz und genossen die Ruhe, die hier herrschte. Außer ein paar Schulklassen waren nicht so viele in Glendalough an diesem Tag unterwegs. L. und ich futterten unsere Bagels und Sandwiches mit Erdnussmus, wobei wir nur das leise Geräusch von Wind und Wasser hörten. Wir stellten fest, dass nun der Moment gekommen war, dass wir abschalteten, innerlich total entspannt waren und es rundum auskosteten, hier zu sein, mitten im Glendalough Nationalpark.

Galway und die Cliffs of Moher

Die irische Natur sollten wir auf einer Get-Your-Guide-Tour noch genauer erleben. Mit einer geführten Tagestour per Bus von Dublin gelangten wir zu den Cliffs of moher. Einige Szenen wurden hier unter anderem für "Harry Potter" und "Star Wars" gedreht. Als wir frühmorgens in den Bus einstiegen, regnete es in Strömen, doch nach einigen Stunden ging die Sonne auf. "That's Ireland", erklärte unser Guide uns strahlend den rapiden Wetterwechsel. Im Bus wurden wir zudem zum Singen ermuntert. In diesem Land ist die Musik wichtiger Teil der Kultur und die Menschen, die hier leben, sind sichtlich stolz darauf.

Bei den Klippen selbst war es so sommerlich warm im Sonnenschein, dass L. und ich sogar unsere Jacken ausziehen konnten. Nachdem wir eine kleine Ausstellung nahe der Cliffs of moher besucht hatten, widmeten wir uns dem Highlight, das uns nach einem kleinen Fußweg erwartete. Die Klippen wirkten selbst unter der Sonne noch einen Hauch dramatisch und hielten das Versprechen, das Irland viel grüne Natur aufweist. Wir konnten einem Weg folgen, der die Klippe entlang führte und von dem wir den Anblick von rauer Natur und blauen Himmel für die Zeit, die uns zur Verfügung stand und leider viel zu schnell dahinschwand, genießen konnten. 

Danach hatten wir noch Gelegenheit, bei der mondähnlichen Karstlandschaft des "Burren" auszusteigen, der durch peitschendes Wasser gegen schwarzes Gestein an der Küste beeindruckte. Das war Irland, so wie ich es mir vorgestellt hatte. Bis zu 75 Prozent der irischen Pflanzenarten sollen hier wachsen.

Galway als einer der beliebtesten Städte des Landes stellte sich als noch ganz anders als Dublin heraus. Es war eine pulsierende, farbenfrohe Stadt, von der viele in meinem Bekanntenkreis daheim geschwärmt hatten. Es gab kleine Buchläden, in denen sich L. mit großer Begeisterung vertiefte, jede Menge Streetart-Motive, bunte Wimpel zwischen den Häusern, kleine, alte Kirchen mittendrin und buntes Treiben in den Gassen der Innenstadt.

L. hatte mir ein Jahr zuvor eine Karte geschenkt, auf der eine der buntesten Straßen innerhalb Galways Innenstadt abgebildet war. "Dort müssen wir hin", hatte ich zu dem Zeitpunkt lachend verkündet. Und genau das taten wir nun. Ich hatte die Karte sogar im Gepäck und nahm sie zu unserem Ausflug mit. Witzigerweise hatte die Farbe von einem der Häuser gewechselt, doch ansonsten war unverkennbar, dass der Hintergrund der Karte zu dem abgedruckten Bild passte. Wo ich mit der Karte dort stand, wurde mir erst recht klar, dass wieder ein großer Wunsch von mir in Erfüllung gegangen war.

Auf Entdeckungstour in Dublin

Von Holyhead aus brachen L. und ich mit der Fähre nach Dublin auf. Das Wetter am Hafen war angenehm sonnig und wir konnten die eigenwillige, charmante Architektur von dem kleinen walisischen Ort gut erkennen, als unsere Fähre den Hafen verließ. Die Fährüberfahrt dauerte vier Stunden und erwies sich als sehr entspannt.

In Dublin hatten wir eine zentral gelegene Unterkunft gemietet und gingen auf eine erste Runde durch die Innenstadt, nachdem wir unser Zimmer bezogen und uns im Park mit ein paar mitgebrachten Bagels gestärkt hatten. 
Wir zogen an der gehypten Temple Bar vorbei, die auch in der Dunkelheit selbst zwischen den farbenfrohen Pubs ringsum herausstach und konnten von kreativ gestalteten Wällen über die nostalgische Archtitektur der St. Stephen Mall, quasi einem Disneyland von Einkaufszentrum, bis hin zu Straßenmusiker*innen eine Menge entdecken. In Folge des St. Patrick's Days, der am Vortag stattgefunden hatte, war auch die Ha'Penny- Bridge grün angeleuchtet sowie auch die St. Stephen Mall.
Die Tage danach schlenderten wir manchmal stundenlang wie auf vielen unserer gemeinsamen Reisen durch die Stadt, picknickten in den Parks und konnten immer wieder verschiedene gotische Kirchen, Ruinen und unter anderem auch das Schloss Dublins erblicken.


In die Welt des Trinity Colleges tauchten wir tags später ein, das mitten in der Stadt liegt. Wir spazierten über den Campus (nur nicht durch das Tor in der Mitte, da dürfen nur die Absolvent*innen durch laut Brauch), durch die Museen, die über das älteste Buch Irlands, Book of Kells, aufklärten. Im Laufe unseres Rundgangs fanden wir uns in einer riesigen Bibliothek, wieder, so etwa, wie man sich die Bibliotheken in Hogwarts in Harry Potter vorstellt, reihten sich Bücher an Bücher bis zur Decke und die Büsten von Philosoph*innen (ja, auch weibliche, um die der Raum später ergänzt wurde). Was mich daran auch faszinierte, war die riesige, sich drehende künstliche Weltkugel am Ende des Saals, "Gaia". Deren Durchmesser waren sechs Meter, und innerhalb des sie umgebenden dunklen Holztons des Saals leuchtete sie regelrecht. In einem anderen Gebäude warteten noch Lightshows zum Book of Kells auf uns, die die Historie mit einem modernen Anstrich versahen.

An einem der letzten Tage nahmen wir an einer irischen Tanzshow in einem Pub teil.
Zuerst gab es ein wenig Livemusik, während die andere Gäste, die teilweise auch Junggesellen bzw. Junggesellinnen-Abschiede hier feierten, an ihrem Guiness nippten. Ich sah mich in dem Raum mit den dunklen Möbeln und der zahlreich bebilderten Wand sowie den hohen Decken um. Drei Tänzerinnen in schillernd grünen Kleidern kamen die gebohnerte Treppe hinunter und präsentierten uns traditionellen irischen Tanz, was mich an eine Mischung aus Ballett und Stepptanz erinnerte. Es sah insgesamt ziemlich elegant aus, sodass ich es fast bedauerte, als die drei unter Beifall einige Minuten wieder über die Treppe verschwanden. Ich hoffte, dass sie bald wiederkamen, um zu tanzen, und das taten sie dann auch. L. und ich bekamen die Gelegenheit, mit den anderen Teilnehmenden irischen Gruppentanz auszuprobieren, was angesichts der vielen Menschen etwas chaotisch wurde, doch für einen unglaublichen Spaß sorgte.

Donnerstag, 11. April 2024

St. Patrick's Day in London

Meine Freundin L. und ich hatten einmal schon einen St. Patrick's Day in New York miterlebt, vor fünf Jahren, als ich in die USA gereist war, um sie in ihrem Auslandssemester zu besuchen. Nun stand ein weiterer St.Patrick's Day an, den wir gemeinsam erleben wollten, und zwar in London. Kurz vorher musste ich noch einmal recherchieren, was St. Patrick's eigentlich genau bedeutet. Der heilige Patrick nämlich war ein römisch-britischer christlicher  Missionar aus dem Jahr 400, der Klöster, Schulen und Kirchen in Irland gegründet haben soll. Nach längerer Zeit Abewesenheit aus Irland, die er als Sklave und als geflüchteter auf dem europäischen Festland verbracht hatte, hatte er Träume, in denen die Stimmen der irischen Bevölkerung zur Heimkehr in sein Heimatland baten, was er daraufhin auch tat. Der St. Patrick's Day ist zwar ein irischer Feiertag, wird aber weltweit in verschiedensten Städten gefeiert am 17. März, weil das als sein Todestag gilt

L. ließ sich zusammen mit mir auf das Abenteuer ein, per Bahn und Bus mit einer Fahrt über Nacht nach London zu gelangen. Leider verpasste unser Bus die Fähre, dennoch schafften wir es rechtzeitig, zur St. Patrick's-Parade am Trafalgar Square. Es war gar nicht einmal so lange her, dass ich hier gewesen war, schließlich waren J. und ich erst im Oktober in London gewesen. Erstaunlicherweise führten mich unterschiedlichste Gelegenheiten nach London, was auch daran liegt, dass ich über Land reise. Die britische Großstadt liegt auf dem Weg nach Schottland und Irland und hat selbst auch jedes Mal wieder etwas zu bieten, egal, wie oft ich schon da gewesen bin. Nun war es der St. Patrick's Day. 

Das Wetter war frühlingshaft, viele grün verkleidete und mit Kleeblättern dekorierte Menschen tummelten sich beim Trafalgar Square. Die Parade war nicht nur grün, sondern äußerst bunt, gespickt mit verschiedensten Umzugswagen, Kostümen und Tänzen, was in all der Vielfalt zu London auch gut passt. Das Schlusslicht bildete eine als überdimensional groß kostümierter St. Patrick, der als tragende Figur natürlich nicht fehlen darf. Nach der Parade ging die Party auf dem Gelände des Trafalgar Square vor einer großen Bühne, auf der irische Musik gespielt und gesungen wurde, weiter. Der Konsum von Guiness in großen Gläsern stieg dabei rasant an, während wir die Stimmung unter Londons Sonnenschein an diesem Tag aufsogen. Für L. und mich gab es im Anschluss stattdessen einen grüne Smoothie in einem meiner Lieblingsläden in Covent Garden.

Sonntag, 7. April 2024

Tromsö: Das Tor zur Arktis

Tromsö ist eine Stadt, sogar die nördlichste größere Stadt in Nordnorwegen. So städtisch kam sie mir allerdings nicht vor, von Trubel und Lärm war nichts zu spüren. Der Schnee, den ich in solch einer Masse noch nie zuvor erlebt hatte, verschluckte jegliche Geräusche.

Im Dunkeln erreichten F. und ich unsere Unterkunft, die aus einer Doppelhaushälfte bestand und oben auf dem Berg lag. Sie war gemütlich, mit großen Räumen, einer Badewanne, einem Kamin für gemütliche Kaminabende ausgestattet und das größte Highlight war die große Fensterfront, durch die wir auf den gegenüberliegenden Hausberg Tromsös, den Fjellheisen, blicken konnten, in das Tal mit den Lichtern der Stadt und auf das Eismeer. Das war also der Polarkreis, in dem wir uns nun für eine Woche aufhalten würden. Anfang Januar befanden wir uns mitten in der Polarnacht, was bedeutete, dass wir die Sonne niemals ganz sahen. Zwischen 10 und 14 Uhr morgens war es noch leicht hell, wenn man es noch als hell bezeichnen kann, und ab 14 Uhr war es bereits stockduster. Da verwunderte es uns wenig, dass die Menschen hier so viel Wert auf behagliche Hausbeleuchtung und Inneneinrichtung legten. 

F. und ich nutzten die Zeit der Helligkeit, um Tromsös Umgebung ein wenig zu erkunden. Mit einem einwöchigen Busticket konnten wir etwas umherfahren, stundenlang durch den Schnee an typischen norwegischen Holzhäusern vorbeispazieren, an zugefrorenen Seen und bis hin zu abgelegenen Fjorden. Jedes Mal, wenn wir das Haus verließen, statteten wir uns mit warmer Winterkleidung, Skiunterkleidung und Schneeschuhen aus. So bitterkalt erschien es uns in Tromsö angesichts der Minusgrade an der finnischen Grenze jedoch nicht, auch wenn der Schnee alles übertraf, was ich zuvor kennen gelernt hatte. Ich träumte nachts sogar von Schnee; dieser wird auch das sein, was mir in den Sinn kommt, wenn ich künftig an Tromsö denke. Ständig waren Schneepflüge im Einsatz und es schien das Normalste auf der Welt zu sein, dass die Menschen in den Straßen um unsere Unterkunft herum auf Langlauf-Skiern entlangfuhren. "Vielleicht fahren sie damit zur Arbeit", sagte ich zu F.

Per Get your Guide buchten wir eine Nordlichter-Tour, bei der wir spätabends mit einem Kleinbus aus Tromsö abgeholt wurden und bis zur finnischen Grenze fuhren. Wir waren stundenlang unterwegs, während es draußen unaufhörlich schneite, alles nur, um die grüne Dame zu sehen. Ich war ziemlich aufgeregt und bat inständig, dass sich das Nordlicht zeigen würde. Zuerst zeigte sich allerdings ein Sternenhimmel, wie es ihn nur außerhalb der Lichtverschmutzung der Stadt gibt. In Thermoanzügen und mit einem Tee im Pappbecher in der Hand blickten F. und ich sowie die restliche Truppe durch das Schneegestöber irgendwo weit draußen im Nirgendwo in den Himmel: Der Anblick raubte mir fast so sehr den Atem, wie der schneidende Wind es tat. Nordlichter konnten wir allerdings nur durch die professionelle Kamera unseres Guides sehen, fürs bloße Auge blieben sie verborgen. Immerhin konnten wir ein paar Fotos mit nachhause nehmen, auf denen wir im Schnee stehen, hinter uns der Sternenhimmel und die grünen Farben der Nordlichter. "Irgendwann kommt bestimmt noch eine Gelegenheit, richtige Nordlichter zu sehen", ermutigte mich F.

Abenteuerlich wurde auch die Walbeobachtungs-Tour, für die wir am nächsten Tag für neun Stunden auf dem Eismeer waren. Es gab viele Informationen über die Wale, darunter Orcas, Pottwale und Finnwale, die sich in den nordischen Gewässern tummeln. Während der Zeit, zu der es noch etwas hell wurde und die Schneelandschaften der Fjorde ringsum in ein bläuliches Licht getaucht waren, versuchte ich, viel Zeit draußen zu verbringen und war gespannt, wann die Wale auftauchen würden. In größerer Entfernung, rund um den Ort Skjervoy, sichteten wir an Bord tatsächlich irgendwann einen Pottwal, es war allerdings nur eine Frage von Sekunden, bis er abtauchte und seine Schwanzflosse zuletzt kerzengerade aus dem Wasser ragte. Offensichtlich suchten die Wale eher das Weite. Ich gönnte mir noch einen der Kaffees mit Hafermilch (das Schiff war scheinbar sehr vegan eingestellt) an Bord und sprach mit unserer Sitznachbarin, die auch aus Deutschland stammte, darüber, dass das Mitfahren auf einem Walbeobachtungs-Schiff quasi auch ein Beitrag zum Tierschutz ist. Walbeobachtungs-Touren werden mit der Zeit immer profitabler als Walfang-Schiffe und bewegen ein Land wie Norwegen stückweise dazu, den Walfang, der dort leider noch existiert, einzudämmen. Auch wenn F. und ich nicht so viel gesehen hatten wie erhofft, hatten wir zumindest eine gute Sache unterstützt.

Obwohl Tromsö eine Stadt ist, kam unsere Reise uns nicht wie ein Städtetrip vor. Es war nicht überlaufen durch Tourist*innen, wir waren von unserer Unterkunft aus schnell in der Natur und insgesamt kam uns das Leben hier ziemlich entschleunigt vor. Die dunkle Phase während der Polarnacht mag dazu auch noch beigetragen haben. Diese Zeit des tiefsten Winter in Nordwegen in der Stadt, die als Tor in die Arktis gilt, haben wir auf dieser Reise kennen lernen dürfen, dazu Massen an Schnee, die alle verschneiten Winter, die ich erlebt habe, übertrafen.

Auf dem Rückweg düste ich mit dem Bus nach Narvik und von dort aus mit dem Polar-Express nach Stockholm (die Strecke war zum Glück wieder befahrbar) wieder Richtung Heimat und kann dies auch als eindrucksvolles Erlebnis für sich verbuchen: Zuerst fuhr ich durch märchenhafte weiße Landschaften aus Eis und Schnee. Der Zug, den ich von Narvik aus nahm, hatte vorne Schneeschieber und war innen gemütlich warm aufgeheizt und mit riesigen Sesseln ausgestattet. Dieser Zug war wie ein Kokon, aus dem ich durch die Fensterscheibe ins Schneegestöber außen blicken konnte. Ich habe selten so gut geschlafen wie in diesem Zug.

Montag, 1. April 2024

Oslo: Unverhoffter Zwischenstopp in der norwegischen Hauptstadt

In Oslo waren wir nur kurz und hatten den Zug spontan nur deshalb dahin gebucht, um von dort aus nach Tromsö zu fliegen. Das Zentrum von Oslo macht einen recht modernen, gar futuristischen Eindruck auf mich, sobald wir den Bahnhof verließen und in Richtung Unterkunft stiefelten. Zwischen gläsernen Bauten zogen wir über die gefrorenen Straßen unsere Rollkoffer hinter uns her - es war nur allzu leicht, auf dem glatten Untergrund auszurutschen, deshalb bewegten wir uns Schritt für Schritt, fast wie Pinguine, durch die Straßen. So kalt, wie es laut Wetterbericht ein paar Tage auch hier gewesen sein sollte, um die minus dreißig Grad, war es inzwischen auch nicht mehr.

Die Zeit reichte , um uns am nächsten Morgen ein wenig auf dem Gelände des Opernhaus in Oslo umzusehen. Was uns am meisten beeindruckte, war der Sonnenaufgang hinter dem Opernhaus. F. war den vorherigen Sommer schon dort gewesen, wobei sie auch ihre Liebe zu Norwegen im Allgemeinen entdeckt hatte, und freute sich nun, das Ganze noch einmal im Winter bei Schnee zu erleben. Nun sah das Ganze aus wie eine futuristische Eisscholle. 

Wir spazierten noch ein wenig am Hafen und in der Umgebung herum, sahen ein paar Passagieren dabei zu, wie sie Möwen und Enten fütterten, danach wärmten wir uns wieder ein wenig in unserem Hotelzimmer aus. 
Ich war dankbar dafür, einen Eindruck von der norwegischen Hauptstadt bekommen und dabei direkt ihr Wahrzeichen kennen gelernt zu haben. Auf die Magie der Natur, die Nordnorwegen nachgesagt wurde, war ich nun erst recht gespannt.

Stockholm

Nach unserem Chaos mit dem ausgefallenen Zug versuchten wir dennoch, unsere Zeit in Stockholm etwas zu nutzen. 
Von Norddeutschland waren wir über Kopenhagen mit dem Zug zu unserer ersten Etappe Stockholm gelangt. Das Wetter war kalt, jedoch längst nicht so kalt, wie ich es erwartet hätte. Ich begann schon hier, mich zu fragen, ob mir Nordnorwegen noch wesentlich kälter vorkommen würde.
Während es dunkel wurde, fuhren wir durch schneebedeckte Wohnsiedlungen, die in ihrer heimeligen Beleuchtung und in ihren üppigen Lichterketten hervorstachen. Diese war jedoch immer stilvoll und elegant, niemals kitschig. Je mehr unser Zug nach Norden fuhr, desto mehr Schnee konnten wir aus dem Zugfenster sehen. Schweden offenbarte sich uns als einziges, verträumtes Wintermärchen.

Während vereinzelte Schneeflocken vom Himmel fielen, spazierten wir durch Gamla Stan, was im Schwedischen nichts anderes als "Altstadt" bedeutet. Das Viertel besteht aus Häusern in warmen Farben wie Orange, Ocker und Rot sowie gepflasterten Straßen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Auch das Stockholmer Schloss befindet sich hier.

Ein großes Highlight, wenn nicht eines der Highlights der schwedischen Hauptstadt, waren die Bahnstationen, die als längste Art Gallery Europas gelten. Die kreativ und farbenfrohen Bahnhöfe sind wirklich eine Augenweide. F. und ich kauften uns nur deshalb ein Bahnticket für umgerechnet etwa vier Euro pro Person, um zu einigen bunten Bahnhöfen zu fahren. Die Bahnen, mit denen wir fuhren, wirkten fast nebensächlich zu dem, was sich bot, wenn wir ausstiegen. Die Bahnhöfe waren riesig und entführten uns quasi in eine andere Welt aus Regenbögen, bunten Farben und extravaganten Details.

Auf der Rückreise von Tromsö nach Deutschland verbrachte ich einen weiteren Tag in der schwedischen Hauptstadt. Hierbei war es ein merkwürdiges Gefühl, das erste Mal nach einer Woche die Sonne wieder richtig zu sehen - ich stellte mich mit meinem gekauften Mittagessen in das Licht der Wintersonne und sog ihre Strahlen bewusst ein. Nach dem Erleben der Dunkelheit der Polarnacht wusste ich sie erst recht zu schätzen.

Auf Umwegen in die Arktis


Meistens kommt alles anders, als man denkt. So erging es mir auf meiner Reise mit F., als wir einen Tag, nachdem wir ins Jahr 2024 gestartet waren, zu unserer Reise nach Nordnorwegen aufbrachen. Es sollte eine Nachtzugreise werden. Dachten wir. Doch es kam anders. 
Ich habe es schon oft erlebt, dass auf Reisen nicht immer alles glatt geht, zum Beispiel, dass sich Unterkünfte ganz anders darstellen, als sie auf den Fotos aussahen, dass die Bahn streikt oder sich die Eigentümer einer Unterkunft erst zwei Minuten vorm Check-In melden. Manchen Stolperstein konnte ich erleben, wenn ich reiste, und ich lernte nirgendwo mehr, meine Komfortzone zu verlassen und flexibel zu reagieren. Immer wieder konnte ich feststellen, dass all die Erlebnisse auf Reisen, die mir den Atem raubten, wie die grünen Berglandschaften der Schweiz oder die Wasserfälle in Bosnien, und mir ein Lächeln auf die Lippen zauberten, mich all die vorangegangenen Strapazen vergessen ließen. 

Was auf dieser Reise passieren sollte, damit hätten F. und ich jedoch nie gerechnet: Die Temperaturen an der schwedisch-norwegischen Grenze waren während unserer Reisetage so kalt, mit knackigen minus vierzig Grad (ich wiederhole: minus vierzig Grad!), dass weder Busse, Bahnen oder Autos nach Tromsö fuhren. Auch wenn der Norden Europas auf tiefe Temperaturen eingestellt war, toppte dies noch einmal alles. Unser Nachtzug fiel aus, wie uns einen Tag vorher, als wir im Zug nach Stockholm saßen, mitgeteilt wurde. Wir fielen aus allen Wolken und versuchten, uns am Bahnhof in Stockholm durch die schwedische Bahn Hilfe zu holen: Wir sollten das online regeln und uns die Bahntickets zurückerstatten lassen, hieß es dort. Was ich bei der Gelegenheit lernte: Skandinavien ist noch weiter in der Digitalisierung vorangeschritten als es in Deutschland und Südeuropa der Fall ist.
Nach langen Überlegungen, Diskussionen und einigen Tränen nahm ich mit F. einen Zug nach Oslo und stieg nach einer weiteren Übernachtung in Oslo letztlich ins Flugzeug, um nach Tromsö zu kommen: Meinen Vorsatz, innerhalb Europas nicht mehr zu fliegen, den ich seit fünf Jahren konsequent verfolgt hatte, warf ich zum ersten Mal über den Haufen: Andernfalls wäre die Reise, die zudem auch nicht gerade billig war, völlig geplatzt. 
Es fühlte sich merkwürdig an, nach all den Jahren wieder zu fliegen: Das erste Mal war ich mit meinem Prinzip, der Umwelt zuliebe nicht mehr zu fliegen, in ein absolutes Dilemma geraten: Vor allem betraf die Situation nicht nur mich, sondern auch meine Freundin und Mitreisende F..
Lange Rede, kurzer Sinn: Trotz allem schafften wir es letzten Endes, in Tromsö zu landen und erlebten das erste Mal in unserem Leben die Polarnacht. Das Abenteuer Arktis, das wir lange ersehnt hatten, konnte nun beginnen.