Eine musizierende Gruppe Jugendlicher zog durch die Straßen, die Stimmung in den Straßen war ausgelassen und steckte mich an. In Sidi Bou Said konnte ich das Bunte und Schöne, das ich mir von diesem Ort erhofft hatte, überall entdecken: In meiner Halskette aus Narzissenblüten, die M. für mich von einem Straßenhändler kaufte, die auffällig bunten, oben abgerundeten Türen an jedem Haus und die Aussicht über die flachen, weißen Dächer aufs Meer. Ich war glücklich, an diesem Tag hier zu sein.
Abends gab es, zurück in unserer Unterkunft in der Medina von Tunis, Teigfladen mit Harissa und einem ähnlich scharfem Salat namens Mechouia aus dem Glas. Während unserer Zeit in Tunis wurden Harissa und Mechouia schnell zu einem unserer Hauptnahrungsmittel, weshalb der Geschmack mich künftig immer an dieses Land erinnern wird. Die Medina, die die Altstadt und zugleich das labyrinthartige Zentrum Tunis' ist, ist mir gleichzeitig in Verbindung mit den den lauten Märkten und dem wuseligen Treiben in den engen Gassen in Erinnerung geblieben. Meine Sinne waren geschärfter denn je, wenn wir durch Tunis liefen. Zwischendurch konnten M. und ich den Ruf des Muezzin aus dem Minarett der Moschee hören. Wenn wir den Innenhof unserer Unterkunft durchquerten und die zahlreichen Stufen des Hauses erklommen, gelangten wir auf die Dachterrasse. Von dort aus konnten wir über die weißen Dächer der Medina hinüber zu dem aufragenden Minarett, dem Turm der Moschee, blicken. Besonders bei einsetzender Dämmerung bot dies ein beeindruckendes Bild.Sonntag, 28. Mai 2023
Sidi Bou Said
Mit der Fähre nach Tunesien
Es ist lange her, dass ich für viele Stunden am Stück auf einem Schiff war. Bei der zehnstündigen Fährenfahrt von Palermo nach Tunesiens Hauptstadt Tunis, die ziemlich ruhig und ohne viel Geschaukel verlief gewann ich eine Erkenntnis: Seegang, auch wenn er nur leicht ist, vertrage ich nicht ganz so gut. Dass die Passagiere an Bord das Schild, das auf das Rauchverbot an Bord hinwies, geflissentlich ignorierten und sich in dem geschlossenen Raum an Bord eine Zigarette nach der anderen anzündeten, machte es nicht besser.
Mit an unserem Tisch saß ein tunesisch-stämmiger Passagier, der Brot in eine Dose mit Chilipaste dippte und uns etwas davon anbieten wollte. Wir lehnten dankend ab, doch die Dose mit der Chilipaste ließ er trotzdem stehen, als er den Tisch verließ. "Das ist Harissa", stellte ich bei genauerem Hinsehen fest, denn über die in Tunesien überaus beliebte, scharfe Paste hatte ich schon einiges gelesen. Noch wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, dass ich die Harissa-Pasta die nächsten Tage sehr oft konsumieren würde.
M. spazierte während der Fahrt immer mal wieder aufs Deck hinaus, um frische Luft zu schnappen. Nachdem er kurz vor unserer Ankunft in Tunis aus der Dunkelheit draußen wieder hineinkam, verkündete er mir: "Ich kann die Lichter von Tunis sehen." Ich sah auf die Uhr: Dafür, dass ich die Überfahrt als nicht die Angenehmste empfunden hatte, waren zehn Stunden doch ziemlich schnell vergangen. Nur noch wenige Stunden und ein neues Lebensjahr brach für mich an. Mir kam in den Sinn, dass ich witzigerweise nun kurz vor dem Anbruch meines 27. Geburtstages auf das siebenundzwanzigste Land in diesem Leben meinen Fuß setzen würde. Mein Herz schlug bei diesem Gedanken vor Aufregung schneller.
Beim Auschecken am Fähranleger in Tunis musste ich feststellen, dass die Einheimischen bei der Passkontrolle nicht sehr beeindruckt wirkten, als ich mich in ein paar Floskeln auf Hocharabisch versuchte. Auf mein "As-salam-u-alaykum" und "Skukran" ("Danke") wurde zumindest nicht reagiert oder wir wurden auf Englisch oder Französisch angesprochen. Also versuchten wir es künftig auch mit diesen beiden Sprachen, soweit es möglich war. Sobald wir das Gebäude beim Fähranleger verlassen hatten, traten uns einige Taxifahrer in den Weg und wollten uns überzeugen, sich mit ihrem Taxi zu unserer Unterkunft bringen zu lassen.
Da wir noch Bargeld mit meiner Kreditkarte abheben mussten und es schon spät war - die Aus- und Einführung von Tunesischen Dinar aus uns ins Land ist nämlich nicht möglich- wurde ich angesichts der aufdringlichen Taxifahrer und einiger anderer Einheimischer, die uns als Fremde in diesem Land erkannt hatten, zunehmend nervös. M. tat sein Bestes, mich zu beruhigen. Den Zug, den wir zuerst geplant hatten, zu unserer Unterkunft in der Medina von Tunis zu nehmen, war nicht aufzufinden, doch nach einigem Suchen fanden wir einen Geldautomaten, bei dem ich Tunesische Dinar abheben konnten. Mit einem Taxifahrer handelten wir einen Tarif aus, für den er uns zu unserer Unterkunft bringen sollte. In der Medina angekommen, zwängte er sich mit seinem Auto durch die schmalen Gassen und fragte sich das letzte Stück zu unserer Unterkunft durch.Palermo, die Perle Siziliens
Wir hatten ein Apartment im Zentrum gemietet, das wir von einem Innenhof erreichten. Von dort spazierten wir eine Wendeltreppe hinauf und hatten einen Raum mit Bett, Esstisch sowie Stühlen und einer Kochnische nebst einem Badezimmer. Dass der Vermieter unserer Unterkunft sich wie auch schon in Catania erst relativ kurz vor unserer Ankunft dazu zurückmeldete, wie die Schlüsselübergabe laufen sollte, wunderte mich inzwischen schon fast nicht mehr. "Das ist bestimmt die sizilianische Entspanntheit", vermutete M. und auch ich glaubte inzwischen, dass es damit zusammenhängen könnte.
Das Wetter in Palermo war zwischendurch noch klarer und sonniger als die Tage zuvor in Catania, sodass wir weit von der Strandpromenade aufs Meer blicken konnten. Genauso konnten wir immer wieder, wenn wir in der Stadt unterwegs waren, die grünen Berge am Horizont erblicken. Erst einige Tage später zogen Gewitter auf.
Grün war Palermo selbst auch und zwar wesentlich mehr, als ich es zuerst vermutet hatte. Kleine Parks mit interessanten Pflanzen, zum Beispiel uralt anmutenden Bäumen mit lianen-ähnlichen Gewächsen, bildeten in der Stadt kleine Oasen. Mein Lieblingspark in Palermo wurde der Palmenpark in der Nähe des Quattro Canti, bei dem wir zwischendurch auf Parkbänken zwischen allerhand Palmen entspannen konnten. Im regem Treiben der Hauptstraße fanden wir wieder Arancini, diesmal nicht in der spitzen Variante, sondern in Kugelform. Zu M.'s Freude gab es auch Granita, eine typisch sizilianische, an Sorbet erinnernde Süßspeise, das wir schon in Ligurien gekostet hatten. In der Nähe des Teatros in der Innenstadt gab es eine nostalgische Kaffeebar, ähnlich wie in Rom, wo ich am Tresen den besten Latte di Soia - so hieß der Latte Macchiato mit Sojamilch dort- auf dieser Reise schlürfen konnte, während M. seinen Espresso trank. Wir waren uns absolut einig, seit wir hier waren, dass Palermo eine wirklich lebenswerte Stadt in Italien war und unsere Erwartungen stark übertroffen hatte.
Palermo war unser letzter Ort, bevor es mit der Fähre vom Hafen der Stadt nach Tunesien gehen sollte. Ich konnte es kaum fassen, dass wir inzwischen schon einen ganzen Monat unterwegs waren, und merkte genau wie M., dass es gut tat, in dieser schönen Stadt alles etwas langsamer anzugehen als die Wochen zuvor. Manche der Tage war es regnerisch, sodass wir die Zeit damit verbrachten, entspannt in unserer Unterkunft zu kochen, zwischendurch die Füße hochzulegen oder im Café um die Ecke Smoothies trinken zu gehen. An mehreren Abenden nutzte ich die Gelegenheit, in der örtlichen Zirkusschule Luftartistik-Stunden zu nehmen, genau wie bei uns zuhause in Deutschland.Die Tage in Palermo flogen nur so dahin, die Aufregung auf den nächsten Abschnitt unserer Reise stieg, und eines Morgens war es dann soweit: Zu Sonnenaufgang brachen wir zum Hafen auf, um mit der Fähre nach Tunesien aufzubrechen.
Samstag, 27. Mai 2023
Am Fuß des qualmenden Ätna in Catania
Frühmorgens kehrten wir von Malta mit einer Fähre zurück nach Pozallo, die mit ihren bequemen Sesseln wieder nach meinem Geschmack war. In Pozallo angekommen hatten wir Glück, dass wir spontan für kleines Geld einen Reisebus zum Flughafen von Catania erwischten, nachdem sich herausstellte, dass im Fährenticket doch kein Zug nach Catania vom Fähranleger inkludiert war. Vom Flughafen in Catania brachte uns ein Zug der Trenitalia ziemlich schnell ins Zentrum. Das Erste, was wir dort probierten, waren Arancini in genau dieser eben erwähnten, spitzen Vulkanform.
Catania erwies sich während unserer Tage dort als trubelige, dreckige Stadt mit süditalienischem Flair. Es gab an vielen Ecken neben den Marktständen mit Lebensmitteln Stände, an denen frisch gepresster Saft verkauft wurde. Ab und zu hielten dort auch Vespafahrer*innen an, um sich einen Saft zu kaufen und dann wieder davonzubrausen.
Gleich am nächsten Tag gingen wir zusammen mit dem Geologen Mc. und einer Gruppe weiterer Vulkan-Interessierter auf eine geführte Tour abseits der Touri-Massen den Ätna hinauf. Auf diesen Tag freuten wir uns nach dem Ausflug auf den Vesuv schon lange. Bevor wir aufgebrochen waren, hatte ich noch nie einen aktiven Vulkan gesehen und nun war dies schon der dritte, in dessen Nähe wir uns aufhielten, selbst wenn wir Stromboli nur von Weitem hatten erkennen können. Der Guide sei genau genommen nicht er selbst, erklärte uns Mc. dabei, sondern seine kleine, weiße Hündin Gea. Bei der Autofahrt, durch die uns Mc. sowie ein kanadisches Ehepaar ein Stück den Vulkan hinaufbrachte, schlossen Gea und M. auf dem Vordersitz sehr schnell Freundschaft. Sie saß abwechselnd auf Mc.'s und seinem Schoß und freute sich genauso sehr wie wir auf die Tour. Bei einer kurzen Pause gönnten wir Reisenden uns einen Espresso und ließen uns dann weiter die freigeschaufelten Straßen zwischen den Schneemassen auf den Ätna fahren.Karneval, Kultur und Klippen auf Malta
M. und ich konnten bei unserer Ankunft feststellen, dass wir vom italienischen Winter offenbar im maltesischen Frühling gelandet waren. Beim Verlassen der Fähre zog ich ziemlich bald meine Winterjacke aus. Das Klima war hier anders. So wie vieles in Malta direkt anders wirkte.
Das Ausgefallene, das Malta meinem Eindruck nach an sich hatte, war auch bei dem Gastgeber unser Unterkunft, A., gegeben. In unserem Zimmer wurden M. und ich zu unserem Erstaunen mit einem riesigen Essenskorb begrüßt. Doch nicht nur das: Am nächsten Morgen kam A. persönlich vorbei, um uns ausgiebig über die Aktivitäten auf Malta zu informieren, wobei er seine eigene, nahezu leidenschaftliche Begeisterung für die Insel, die er sein Zuhause nannte, nur schwer verbergen konnte.
Während unserer Woche auf Malta erkundeten wir den Zwergstaat mit dem Bus, nachdem wir für etwa 21 Euro ein Ticket kauften, das für sieben Tage gültig war. Das Busfahren war an sich schon recht abenteuerlich, da wir rasch lernten, dass der Bus keine Leute mehr einsteigen ließ, sobald er nur ansatzweise voll war. Das führte dazu, dass wir meistens an der ersten Station in Valletta einstiegen, um auf jeden Fall einen Platz zu bekommen. Mit dem Bus gelangten wir zu dem Örtchen Marsaxlokk mit knallbunten kleinen Booten. Der Hafen und der Markt waren dort jedoch nicht das, was uns am meisten dort reizte, sondern die tiefblauen Lagunen, die eine kurze Wanderung von Marsaxlokk entfernt waren. Dort fanden wir darüber hinaus wunderschöne Felsformationen, Salzpfannen und St.Peter's Pool, ein Wasserloch in den Felsen mit Verbindung zum Meer. Noch mehr Salzpfannen und Stein-Landschaften, so wie ich sie mir auf dem Mond vorstelle, konnten wir bei einem Tagesausflug auf die Nachbarinsel Gozo entdecken, die auch zu Malta gehört und ein Wanderparadies darstellt.Die Dingli Cliffs mit weitem Blick über das Wasser wussten uns nicht zu überzeugen, wie ich zuerst gedacht hatte. Dort gab es zudem einen Stand direkt neben der Klippe, der Kaktusfeigensaft verkaufte. M. kaufte uns eine kleine Flasche des Getränks und mochte es im Gegensatz zu mir, doch ich freute mich, es einmal probiert zu haben. Die Kaktusfeigen als ganze Früchte, die ich letzten Sommer in Genua gern gegessen hatte, sagten mir mehr zu (bis ich irgendwann pieksige Hände von den Stacheln hatte, doch das ist eine andere Geschichte). Typisch für Malta sind zudem Kinnie's, ein Getränk, das einer zuckerhaltigen Brause ähnelt, und Cisk, maltesisches Bier. Beides ist auch nicht mein Fall, doch Bierliebhaber*innen sowie Cola-Fans könnte es gefallen. Ansonsten ist die maltesische Küche ziemlich international, was mich bei den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen auch nicht verwunderte. Etwas gewöhnungsbedürftig und in kleinen Portionen dennoch lecker schmeckte mir das maltesische Brot, als ich es das erste Mal probierte, mit einer würzig-süßlichen Note.
Schon am ersten Abend konnten wir die Eröffnungsparade des maltesischen Karnevals in Valetta miterleben. Wir hatten unseren Aufenthalt in Malta zeitlich so gelegt, dass wir das Event hier miterleben konnten. Diesen Abend und auch die darauffolgenden Tage bekamen wir auf diesem einiges zu sehen: Die Kostüme der Parade schienen in meinen Augen schon ein Kunstwerk für sich zu sein und mit offenbar viel Fantasie erarbeitet. Es gab Piraten mit einem auf dem Rücken befestigten Steuerrad, Seepferdchen mit überdimensionalen Reifröcken und Sambatänzerinnen in knalligen Kostümen, alle mit nicht weniger ausschweifenden Hüten plus Dekoration auf den Köpfen. Die Umzugswagen standen dem in ihren Anfertigungen aus Pappmaché, die in der Dunkelheit leuchteten, Konfetti durch die schmalen Gassen bliesen und sich an den Stellen, an denen die Gassen mal nicht ganz so eng waren, ausfahren und bewegen ließen, in nichts nach. Die Parade-Tänzer*innen liefen während der Parade, die jeden Tag gut ein paar Stunden dauerte, bis sie sich durch die Straßen gezwängt hatte, keinesfalls geordnet, sondern waren ziemlich entspannt, manchmal auch mit einem Drink in der Hand, unterwegs. Das hatte zur Folge, dass M. und ich an der Parade wirklich nah dran sein und vollends in die Stimmung eintauchen konnten. Solch einen ausgelassenen und knallbunten Karneval habe ich bis dato noch nicht erlebt.Freitag, 26. Mai 2023
Über die Straße von Messina nach Pozallo
Mittwoch, 24. Mai 2023
Tropea: Zwischen roten Zwiebeln und zauberhaften Sonnenuntergängen
Nach Neapel ging es mit der Trenitalia nach einem kurzen Umstieg weiter an den Küstenort Tropea. Dort hatten wir direkt neben dem Strand einen Bungalow auf einem Campingplatz gemietet. Vor unserem Bungalow pickten einige Hühner herum und schlichen Katzen umher. Sobald wir uns auf dem Gelände bewegten, schielten sie neugierig zu uns hinüber.
Procida: Die bunteste Insel im Golf von Neapel
Neapel: Im siebten Pizza-Himmel
Es war M.'s Traum, seit ich ihn kenne, nach Neapel zu reisen, und schon lange in unserem Kopf, ihn zu erfüllen. Als wir am Bahnhof Roma Termini in den Trenitalia-Zug nach Neapel stiegen, war es für mich zudem das erste Mal, über Rom hinaus tiefer in den Süden Italiens zu gelangen.
Süditalien entpuppte sich für mich auf dieser Reise als weitaus ursprünglicher als die meisten Regionen Norditaliens, mit Wäscheleinen in den engen Gassen, Obst- und Gemüseständen auf der Straßen und abgeblätterten Gebäuden, die für das Auge für uns Reisende gerade in ihrer Perfektionslosigkeit schön wirken. Genau so lässt sich Neapel beschreiben: Als heilloses Verkehrsdurcheinander, in dem wie durch ein Wunder doch alles seinen Platz findet, als Stadt mit dreckigem, glatt geschliffenem Kopfsteinpflaster und als der Ort, in dem eine Pizza zwei Euro fünfzig kostet und gleichzeitig besser schmeckt als woanders auf dieser Welt.
Neapel ist nämlich der Ort, an dem die weltweit beliebte Pizza entstanden ist, und demzufolge sind hier auch die ursprünglichen Sorten, Pizza Marinara und Pizza Margherita, zu finden. Die Pizza Marinara, die hier nur nach dem Traditionsrezept gebacken werden darf, ist ohne Käse und nur mit roter Tomatensoße versehen, dementsprechend also vegan. M. und ich kosteten uns die Tage in Neapel durch die verschiedenen Pizzabäckereien der Gasse "Via Tribunali", die auch als "Pizza Alley" bekannt ist. Hier fanden wir Pizza fritta (frittierte Pizza), Pizza portofoglio (zusammengeklappte Pizza) und Pizza Marinara auf die Hand. Bei der bekannten Pizzeria "Da Michéle" mussten wir Nummern ziehen, um einen Platz zu bekommen. Als wir am Tisch saßen und uns die riesigen und zugleich hauchdünnen Pizzen Marinara serviert wurden, stellten wir fest, dass wir den Stammplatz des legendären Fußballers Maradona erwischt hatten. Nicht nur, dass wir uns in dem Laden befanden, in dem die bekannte Szene mit Julia Roberts in dem Film "Eat.Pray.Love." gedreht wurde, wir hatten auch noch den Platz der Fußballlegende, für die M. sich sehr begeistern konnte (wie das restliche Neapel offenbar auch) erwischt. Maradona wird, wie auf dem nach ihn benannten Maradona-Platz ersichtlich wird, so gefeiert wie die Mutter Jesu, Maria, wovon Marienbilder und -statuen in jeder noch so kleinen Gasse zeugen.
Die erste Zeit musste ich mich an die sehr eigene Atmosphäre der Stadt gewöhnen, an das Gehupe von allen Seiten, an die Abgase und den Dreck, an die Beanspruchung aller Sinne in dieser Stadt. "Es ist, als seien wir in einer anderen Welt", brachte es M. schon am ersten Abend unserer Ankunft auf den Punkt, als wir die Straßen den Berg zu unserer Ferienwohnung stapften, zwischen düsenden Vespas und kleinen, wendigen Autos. Diese lag in einem Viertel Neapels, in dem offenbar die Einheimischen lebten sowie jede Menge Straßenkatzen. Am ersten Tag erkundeten wir auf einer geführten Tour die Unterwelt Neapels und zwängten uns durch schmale Gänge. Menschen mit Platzangst würde ich dies nicht im empfehlen, für Geschichtsliebhaber*innen ist dies bestimmt genau das Richtige. Mehr ist mir jedoch die Oberwelt Neapels in Erinnerung geblieben, mit den Gerüchen und Geräuschen und dem Vesuv in der Ferne, der sich von einigen Aussichtspunkten bestaunen ließ.
Einen aktiven Vulkan wollte ich auch schon immer einmal gesehen haben. Deshalb fuhren wir an einem Tag vom Bahnhof Napoli Garibaldi nach Ercolano und ließen uns von dort aus mit dem Bus den schneebedeckten Vesuv ein Stück hinauftransportieren. Zu Fuß ging es dann ganz nah an den Kraterrand, von dem uns nur ein hölzernes Geländer trennte. Darüber hinweg konnten wir tief in den Krater hineinblicken und sehen, wie der Dampf aus dem Vulkangeröll aufstieg. Laut den Umstehenden schien er an diesem Tag sogar mehr zu dampfen als sonst, zu unserer Freude. Genau dies war auch der Vulkan, der damals Pompeji unter sich begraben hatte, was meine Freundinnen zu der Frage veranlasste, ob unser Spaziergang am Krater nicht gefährlich sei. Doch da konnte ich sie beruhigen: Da Neapel als Millionenstadt am Fuß des Vesuvs existiert, wird der Vulkan rund um die Uhr bewacht, für den Fall, dass er die Regungen eines Ausbruchs zeigt.Nach dem Vesuv-Erlebnis, dem Kosten von Streetfood und der weiteren Entdeckung der Stadt konnte ich noch mehr Sympathie für Neapel in seinem authentischen, quirligem Erscheinungsbild sowie den herzlichen, lauten Menschen empfinden als zuvor. Als M. und ich den Hügel von der Unterkunft am letzten Morgen wieder zum Bahnhof gingen, war mein Herz randvoll. Randvoll mit den Eindrücken der letzten Tage und randvoll mit Dankbarkeit, dass wir das endlich erleben konnten, worauf wir schon so lange hingefiebert hatten.
Auf den Spuren der Antike in Rom
Die Spuren der Antike ziehen sich durch das gesamte Zentrum der Stadt. Wenn wir ein Stück um die Ecke bogen oder die Straße weiterliefen, stießen wir direkt auf die nächste Sehenswürdigkeit wie die sogenannte "Schreibmaschine", ein stufenartiges Gebäude als Denkmal für den 1.Weltkrieg, oder die nächste Ausgrabungsstätte neben der Straße. Das erklärt auch, weshalb der Tag, an dem wir während der Reise am meisten liefen, in Rom war. Wie erschöpft unsere Füße waren, merkten wir erst nach der Rückkehr ins Hotel, da wir unterwegs so sehr mit Erleben und dem Verarbeiten von Eindrücken beschäftigt waren.
Da war der Torre di Argentina, den wir entdeckten, einer Ausgrabungsstätte des Ortes, an dem Julius Cäsar gestorben war, und die nun zu einer Auffangstation für Straßenkatzen umfunktioniert wurde. Das Gelände konnte von den Straßen ringsum überblickt werden, war jedoch für Passant*innen nicht zugänglich, da es den Katzen als Refugium vorbehalten war. M. und ich konnten beobachten, wie einige Katzen auf zerbrochenen Säulen ihre Pfoten putzen, auf den Überresten des antikes Gebäudes herumstromerten oder zwischendurch das Gelände verließen, um am Straßenrand herumzulaufen. An der Seite gab es einen Innenbereich, den wir auch betreten konnten und wo die Katzen versorgt und gefüttert wurden. Ich empfand es als sehr schöne Idee, dass die Ausgrabungsstätte nun genutzt wird, um zu helfen.Was ich für mich außerdem neu entdecken konnte, waren die uralten Caffébars, wie zum Beispiel Eustacchio, das älteste Café Roms, in dem wir für kleines Geld einen überaus leckeren Espresso mit einer guten Portion Schaum auf dem Kaffee erhielten. In Italien ist es üblich und auch die weitaus preiswertere Variante, den Kaffee am Tresen im Stehen und nicht am Tisch (wo noch zusätzliches Servizio als Gebühren fürs Tischgedeck anfallen), zu schlürfen. Zwar liebe ich Kaffee mit Hafermilch noch mehr als rein schwarzen Kaffee, doch die italienischen Espressi habe ich inzwischen genauso lieben gelernt wie M..
An einem Morgen kamen wir früh bei frischer Temperatur beim Trevi-Brunnen vorbei und holten uns einen Espresso für M. und einen Latte di Soia (Kaffee mit Sojamilch) für mich, um in einem der urigen Kaffeeläden gut gelaunt in den Tag zu starten. An dem Trevi-Brunnen konnten wir bereits eine Schar von Influencer*innen finden, die sich vor dem fotogenen Hintergrund in Pose warfen. Wie vieles andere in Rom, meinem Ermessen nach, war auch er riesig, und stellte die Welt des Meeresgottes Neptun dar. Nicht ganz so spannend fanden wir die spanische Treppe, die wir fast zuerst gar nicht als solche erkannt hatten, und die von Designer-Läden umgeben ist. Als charmanter empfand ich die Straßen, durch die die Vespas an uns vorbeisausten, und die Plätze wie den Piazza Navona, an dem bis abends quirliges Treiben herrschte.
Sogar Papageien begegneten wir mitten in Rom, so wie wir in bereits vielen Städten, auch deutschen wie Heidelberg, welche gesichtet hatten. Ihr Krächzen und ihre grüne Gefiederfarbe sind unverkennbar und zaubern mir bei jeder Begegnung ein Lächeln aufs Gesicht. Wahre Stars in Rom waren allerdings die Möwen, die sich extra für uns auf der Ponte di Umberto mit dem Vatikan im Hintergrund bei Sonnenuntergang in Pose warfen. Sie hatten kaum Scheu und stolzierten auf dem Geländer herum, als wären sie Möwen-Models. Ich vermute, dass sie den großen Andrang auf der Ponte die Umberto gewohnt waren.Als wir den Petersplatz vor dem Petersdom einige Stunden zuvor betreten hatten, befanden wir uns dabei zudem kurzzeitig in einem anderen Land, auch wenn das völlig abgedroschen klingt. Der Vatikan gilt als kleinster Staat der Welt.
Neben dem Kaffee gefiel uns das Essen in Rom auch sehr gut, wobei mir die römische Pizza, die sich stückweise vom Blech in Pizzabäckereien kaufen lässt und viele Varianten ohne Käse bietet, in sehr guter Erinnerung geblieben ist. Eines meiner Highlights ist die römische Kartoffelpizza- Pizza mit Kartoffelscheiben oben drauf. M. erfüllte sich auch den Wunsch, einmal in Italien im Restaurant ein veganes, original italienisches Mehrgänge-Menü auszuprobieren. Die Supermärkte, die wir in Rom fanden, waren meistens eher klein, doch wir wurden immer fündig und konnten uns nicht über zu wenig vegane Auswahl beschweren. In dieser Stadt lohnt es sich zudem, sich nach Streetfood wie römischer Pizza umzusehen.
Karneval in Venedig
Lange schon war es mein Traum, den Karneval in Venedig mitzuerleben. Zusammen mit meiner Freundin S. war ich über drei Jahre zuvor schon hier gewesen und hatte mich in die Stadt mit der unverwechselbaren Architektur und den Kanälen, die zum Verweilen und Verlaufen einladen, verliebt. Nun war ich neugierig, ob ich die Magie des Winters in Verbindung mit den barocken Kostümen und Masken in der kleinen Stadt entdecken würde.
M. und ich kamen in einem kleinen, einfachen Hotel unter, das vor allem dadurch punktete, dass es ein Fenster zum Canale Grande besaß. Der Kaffee, der zum Frühstück angeboten wurde, war nicht der Beste, doch es störte mich überhaupt nicht, weil ich unglaublich begeistert davon war, zum Kanal hinausblicken zu können und zu sehen, wie die rosafarbenen Laternen die Wintersonne reflektierten. In den Gassen waren schon Anzeichen des Karnevals und des bevorstehenden Wasserfestes mit zwei Paraden am Wochenende zu erkennen, in Form des Konfettis am Boden und dem Verkauf an venezianischen Masken (Mit Coronamasken war es inzwischen ganz vorbei), der im Vergleich zu meinem letzten Besuch mit S. weitaus größere Ausmaße angenommen hatte. An diesem Wochenende sollte der venezianische Karneval offiziell eingeläutet werden. Auf der Rialto-Brücke waren einige Menschen in barocken Kostümen unterwegs und manche Menschen hatten sich auch schon ein wenig verkleidet, darunter auch viele Kinder.
M. und ich sahen uns ein wenig die Stadt, wobei ich ihm die Ecken zeigte, die mir das letzte Mal in Venedig besonders gut gefallen hatten. Für zwei Euro nutzten wir die Traghetto-Gondelfähre, um über den Canale Grande überzusetzen, was ich auch diesmal wieder als kleines Erlebnis empfand. Wir spazierten über den Markus-Platz, stiegen auf das Dach des Einkaufszentrums an der Rialto-Brücke, von wo aus wir die Aussicht auf die Stadt erleben konnten und verweilten in kleinen, romantischen Gassen. Auch nach Burano fuhren wir hinüber, die Insel mit den bunten Häusern in der Lagune von Venedig. Zwar war der Himmel natürlich nicht so blau wie im Spätsommer- was ich zu dem Zeitpunkt wunderschön gefunden hatte, doch die bunte Farbe der Häuser kam dafür trotzdem noch zur Geltung. M. war fühlte sich auf der kunterbunten Insel zumindest genauso wohl wie ich.Vegan gekennzeichnete Speisen und Getränke konnten wir auch einige in Venedig entdecken, sogar ein vergleichsweise traditionelles italienisches Restaurant mit rein veganem Essen. An einem Kanal nahe der Innenstadt fanden wir auch einen Laden, der süße und herzhafte Waffeln in einer veganen Variante anbot, und M. kaufte sich unterwegs ein kohleschwarzes Cornetto (ähnlich dem deutschen oder französischen Croissant)- umgehauen hat mich das Essen allerdings nicht. Meinem Empfinden nach kann Venedig in puncto Essen nicht mit den anderen Regionen in Italien, in denen das Essen noch ursprünglicher und preiswerter ist, mithalten. Dafür hat die kleine Lagunenstadt, die permanent unzählige Tourist*innen anzieht, viel anderes Schönes zu bieten.
Am Abend der Parade verließ ich die Unterkunft an M.'s Seite mit Maske und meinem langen Abendkleid, das zuhause schon lange im Schrank darauf gewartet hatte, zum Karneval in Venedig angezogen werden. Das war nämlich mein Plan, seit ich es vor eineinhalb Jahren auf einer Kleidertauschparty abgestaubt hatte, und die Maske hatte ich als Andenken gekauft, als ich mit S. in Venedig gewesen war. Am Kanal standen in der Dunkelheit unzählige Menschen und die italienische Polizia tat ihr Bestes, die Massen an Menschen von den Brücken herunter zu scheuchen, was nur mäßig gelang. Nach einiger Zeit glitt ein Karnevalsschiff durch den Kanal mit Trommler*innen an Bord und tanzenden Menschen sowie Feuerartist*innen. Es wirkte unglaublich beeindruckend, doch zu der Verwirrung der anwesenden Menschen blieb es bei diesem einen Schiff auf dieser Parade. M. und ich eilten zu Fuß durch das abendliche Venedig, um die Parade bzw. das eine Schiff bei der Mündung in die offene Lagune wieder abzufangen. Dort konnten wir von der Brücke aus das Schiff erneut erspähen zwischen jede Menge bunt maskierter Menschen. Im Nachhinein kann ich darüber schmunzeln, wie ich in meinem bodenlangen Kleid Hand in Hand mit M. neben anderen verkleideten Menschen durch die spärlich beleuchteten Gassen rannte, um noch etwas von der Parade mitzubekommen.
Als richtige Parade entpuppte sich die Wasserparade am nächsten Vormittag bei Tageslicht, bei der eher knallbunt gemixt als ausschließlich barock vom Stil her zuging. Verschiedenste Boote zogen durch den Canale Grande, darunter waren auch Disneyfiguren und zum Beispiel Super-Mario neben barock gekleideten Personen mit weißen Lockenperücken auf dem Kopf zu erspähen. Auch hier bahnten M. und ich uns den Weg durch die Menschenmenge zur Rialto-Brücke, um die Parade mitzuverfolgen. Nun war ich zufrieden und hatte mehr noch als den Abend zuvor den Eindruck, den Karneval in Venedig miterlebt zu haben. Einige Stunden später fuhr unser Zug ein Stück übers Wasser aus der Stadt hinaus und beim Greifen nach der Wasserflasche in meiner Handtasche konnte ich meine Karnevalsmaske ertasten. Nach der Rückkehr von der Reise würde ich sie wieder an ihren Platz legen, mit der Erinnerung daran, dass sie nun wirklich zum Einsatz gekommen war.






























