Mittwoch, 24. Mai 2023

Neapel: Im siebten Pizza-Himmel

Es heißt, wer das erste Mal nach Neapel kommt, weint zweimal: Einmal beim Ankommen, weil die Stadt in ihrem Trubel überwältigend und überfordernd wirken kann, und das zweite Mal, weil die Stadt es dann doch geschafft hat, das Herz der Besucher*innen zu erobern. Und ich kann im Nachhinein sagen, dass die Aussage durchaus auf mich zutrifft, auch wenn ich nicht geweint habe. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich wirklich für Neapel erwärmen konnte.

Es war M.'s Traum, seit ich ihn kenne, nach Neapel zu reisen, und schon lange in unserem Kopf, ihn zu erfüllen. Als wir am Bahnhof Roma Termini in den Trenitalia-Zug nach Neapel stiegen, war es für mich zudem das erste Mal, über Rom hinaus tiefer in den Süden Italiens zu gelangen.

Süditalien entpuppte sich für mich auf dieser Reise als weitaus ursprünglicher als die meisten Regionen Norditaliens, mit Wäscheleinen in den engen Gassen, Obst- und Gemüseständen auf der Straßen und abgeblätterten Gebäuden, die für das Auge für uns Reisende gerade in ihrer Perfektionslosigkeit schön wirken. Genau so lässt sich Neapel beschreiben: Als heilloses Verkehrsdurcheinander, in dem wie durch ein Wunder doch alles seinen Platz findet, als Stadt mit dreckigem, glatt geschliffenem Kopfsteinpflaster und als der Ort, in dem eine Pizza zwei Euro fünfzig kostet und gleichzeitig besser schmeckt als woanders auf dieser Welt. 

Neapel ist nämlich der Ort, an dem die weltweit beliebte Pizza entstanden ist, und demzufolge sind hier auch die ursprünglichen Sorten, Pizza Marinara und Pizza Margherita, zu finden. Die Pizza Marinara, die hier nur nach dem Traditionsrezept gebacken werden darf, ist ohne Käse und nur mit roter Tomatensoße versehen, dementsprechend also vegan. M. und ich kosteten uns die Tage in Neapel durch die verschiedenen Pizzabäckereien der Gasse "Via Tribunali", die auch als "Pizza Alley" bekannt ist. Hier fanden wir Pizza fritta (frittierte Pizza), Pizza portofoglio (zusammengeklappte Pizza) und Pizza Marinara auf die Hand.

 Bei der bekannten Pizzeria "Da Michéle" mussten wir Nummern ziehen, um einen Platz zu bekommen. Als wir am Tisch saßen und uns die riesigen und zugleich hauchdünnen Pizzen Marinara serviert wurden, stellten wir fest, dass wir den Stammplatz des legendären Fußballers Maradona erwischt hatten. Nicht nur, dass wir uns in dem Laden befanden, in dem die bekannte Szene mit Julia Roberts in dem Film "Eat.Pray.Love." gedreht wurde, wir hatten auch noch den Platz der Fußballlegende, für die M. sich sehr begeistern konnte (wie das restliche Neapel offenbar auch) erwischt. Maradona wird, wie auf dem nach ihn benannten Maradona-Platz ersichtlich wird, so gefeiert wie die Mutter Jesu, Maria, wovon Marienbilder und -statuen in jeder noch so kleinen Gasse zeugen. 

Die erste Zeit musste ich mich an die sehr eigene Atmosphäre der Stadt gewöhnen, an das Gehupe von allen Seiten, an die Abgase und den Dreck, an die Beanspruchung aller Sinne in dieser Stadt. "Es ist, als seien wir in einer anderen Welt", brachte es M. schon am ersten Abend unserer Ankunft auf den Punkt, als wir die Straßen den Berg zu unserer Ferienwohnung stapften, zwischen düsenden Vespas und kleinen, wendigen Autos. Diese lag in einem Viertel Neapels, in dem offenbar die Einheimischen lebten sowie jede Menge Straßenkatzen. Am ersten Tag erkundeten wir auf einer geführten Tour die Unterwelt Neapels und zwängten uns durch schmale Gänge. Menschen mit Platzangst würde ich dies nicht im empfehlen, für Geschichtsliebhaber*innen ist dies bestimmt genau das Richtige. Mehr ist mir jedoch die Oberwelt Neapels in Erinnerung geblieben, mit den Gerüchen und Geräuschen und dem Vesuv in der Ferne, der sich von einigen Aussichtspunkten bestaunen ließ.

Einen aktiven Vulkan wollte ich auch schon immer einmal gesehen haben. Deshalb fuhren wir an einem Tag vom Bahnhof Napoli Garibaldi nach Ercolano und ließen uns von dort aus mit dem Bus den schneebedeckten Vesuv ein Stück hinauftransportieren. Zu Fuß ging es dann ganz nah an den Kraterrand, von dem uns nur ein hölzernes Geländer trennte. Darüber hinweg konnten wir tief in den Krater hineinblicken und sehen, wie der Dampf aus dem Vulkangeröll aufstieg. Laut den Umstehenden schien er an diesem Tag sogar mehr zu dampfen als sonst, zu unserer Freude. Genau dies war auch der Vulkan, der damals Pompeji unter sich begraben hatte, was meine Freundinnen zu der Frage veranlasste, ob unser Spaziergang am Krater nicht gefährlich sei. Doch da konnte ich sie beruhigen: Da Neapel als Millionenstadt am Fuß des Vesuvs existiert, wird der Vulkan rund um die Uhr bewacht, für den Fall, dass er die Regungen eines Ausbruchs zeigt. 

Nach dem Vesuv-Erlebnis, dem Kosten von Streetfood und der weiteren Entdeckung der Stadt konnte ich noch mehr Sympathie für Neapel in seinem authentischen, quirligem Erscheinungsbild sowie den herzlichen, lauten Menschen empfinden als zuvor. Als M. und ich den Hügel von der Unterkunft am letzten Morgen wieder zum Bahnhof gingen, war mein Herz randvoll. Randvoll mit den Eindrücken der letzten Tage und randvoll mit Dankbarkeit, dass wir das endlich erleben konnten, worauf wir schon so lange hingefiebert hatten.

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