Samstag, 10. März 2018

Die Schule

An der Schule in Bechem hatten wir einen Tag die Gelegenheit, dem Schulalltag beizuwohnen.
Es gab unterschiedliche Klassen in den betonierten Räumen, die mit Holzbänken ausgestattet waren. Rot-weiß karierte Schuluniformen, für die Mädchen Kleider und die Jungs Hemd und Hose, gehörten hier mit dazu, wie auf dem Foto zu sehen. Eins habe ich selbst gesehen an diesem Tag: Die Schule dort ist kaum mit einer Schule zu vergleichen, wo ich hingegangen bin. Das Niveau ist ein ganz anderes, sodass H., A. und ich als Erziehungswissenschafts-Studentinnen manchmal ein wenig die Qualität des Schulunterrichts anzweifelten. An der Tafel stand das Verb "to go", in allen Zeitformen konjugiert, das die Kinder laut mitsprechen sollten. Es war für uns jedoch offensichtlich, dass sie es auswendig gelernt hatten, statt tatsächlich das Wort zu lesen und zu erkennen.

Sehr störte uns der Umgang mit den Schülern. H. hatte uns schon erzählt, dass Kinder hier mit dem Stock geschlagen werden, sei es wegen Nichtigkeiten. Zum Beispiel, wenn sie ohne Socken (die sich die Eltern evtl. nicht leisten können) oder mit dreckigen Fingernägeln in der Schule auftauchten. "Da können die Kinder doch nichts für", sagte ich kopfschüttelnd. H. erzählte sogar, dass die Eltern diesen Umgang mit ihren Kindern befürworteten, weil sie wünschten, dass ihnen Disziplin beigebracht werde.
In einer Klasse, vor deren Fenster (Glasscheiben gibt es übrigens nicht) wir Mädels standen, konnte H. nicht zusehen, wie eines der kleinen Kinder von seiner Lehrerin behandelt wurde. Empört ging sie in die Klasse und sagte der Lehrerin, sie solle aufhören, die Kinder zu schlagen. Während N. und ich das weinende Mädchen auf den Arm nahmen, nahm H. der Lehrerin den Stock aus der Hand und brach ihn entzwei. Die Lehrerin konnte ihre Reaktion überhaupt nicht verstehen, wie auch, es ist schließlich normal hier, Kinder zu schlagen. Es folgte eine ausführliche Diskussion zwischen H. und der Lehrerin darüber, wie man Kinder anständig behandelt. "Wir alle", H. deutete auf uns: "Wurden in unserer Kindheit in Deutschland nie so behandelt und haben uns gut entwickelt." Die Lehrerin gab zurück, das sei hier Ghana, nicht Deutschland. Doch nachdem H. weiterhin auf sie einredete, gab sie sich geschlagen und versprach, damit auzuhören. Das ist schonmal ein Anfang und wir hofften, sie würde sich möglichst lange daran halten.

Beim Abendessen erzählte H. uns, eine Kommilitonin an unserer Uni hätte einmal gesagt, das sei deren Kultur und deshalb solle man sich als Außenstehende aus einem fremden Land nicht einmischen. Doch wenn man nur zusieht, statt einzugreifen, wenn man es selbst als Ungerechtigkeit empfindet, kann sich dann die Welt jemals ändern? Wahrscheinlich ändert sich die Welt auch nicht direkt deshalb, weil H. mit der Lehrerin eine lange Diskussion geführt hat, aber es ist immerhin ein minimaler Anfang.

Manche mögen es kritisch finden, sich mit den Lehrern so anzulegen, doch ich denke, darüber kann man streiten. Wir sind alle in unserem moralischen Empfinden geprägt durch unsere Kultur, weshalb man unser Handeln nicht simpel in "Richtig" und "Falsch" einteilen kann. Wenn ich das Handeln der Lehrerin als falsch empfinde, liegt das an meiner Sicht der Dinge, die ihr vielleicht nie in den Sinn gekommen wäre. Daher denke ich, es macht auf jeden Fall Sinn, sie darauf aufmerksam zu machen, wenn man ihr Handeln nicht vertretbar findet.
Wo wären wir schließlich in Deutschland heutzutage, wenn Menschen nicht irgendwann angefangen hätten, in der Erziehung oder sonstwo, etwas anders zu machen?

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