Montag, 28. November 2022

Mit Bus und Bahn zurück nach Deutschland


An dem Morgen unseres letzten Tages verabschiedeten J. und ich uns an einer Bushaltestelle nahe des zentralen Platz von Lissabon. Sie nahm den Bus zum Flughafen und ich stiefelte mit meinem Koffer zur Bahn, die mich zum Flixbus bei der Busstation bringen sollte. Es warteten wieder 600 Kilometer Weg auf mich. 
Nur war ich nicht mehr ganz so aufgeregt wie auf dem Hinweg, da ich die Strecke schon einmal kurz zuvor gemeistert hatte. Der Unterschied zum letzten Mal war nur der, dass ich diesmal nicht in einer Stadt auf dem Weg übernachten würde. Diesmal würde ich komplett nach Norddeutschland durchfahren. Mit dem Flixbus sauste ich durch Andalusien, wo es noch hochsommerlich heiß war, nach Madrid. In Madrid deckte ich mich in einem Supermarkt mit Essen ein und setzte mich mit meinem Gepäck in einen Park, wo ich mir die Sonne auf die Nase scheinen ließ. 

Im Supermarkt streifte ich zuerst durch die Obstabteilung und war schockiert darüber, wie sehr das Essen in Plastik eingepackt war: Selbst geschälte (!) Bananen und Orangen lagen in einer zusätzlich in Plastikfolie eingeschweißten Plastikschale.
Da fragte ich mich, warum den Früchten nicht einfach ihre natürliche "Verpackung", ihre Schale, gelassen wird anstatt sie durch umweltschädliches Plastik zu ersetzen. Nach meiner Pause im Park, bei der ich etwas futterte, stieg ich in den Bus nach Paris, in dem ich die Nacht durchfuhr. In meine Jacke gekuschelt döste ich ein wenig ein, während draußen der Regen zu prasseln begann. In Paris war es im Vergleich zum portugiesischen und spanischen Süden extrem ungemütlich. Es wurde wieder Zeit, mir meine Jacke anzuziehen. Über Brüssel ging es dann wieder zurück nach Deutschland und ich freute mich riesig darauf, M. wiederzusehen.

Im Nachhinein konnte ich feststellen: Per Bus und Bahn nach Lissabon war ein Erlebnis, das ein bisschen Planung und Organisation erfordert hatte, doch es lohnte sich. Die Rückreise hatte mir zudem die Gelegenheit gegeben, die Eindrücke der Reise zu sammeln und Revue passieren zu lassen. 

Azulejos und Streetart

In Lissabon prallt moderne Streetart mit traditioneller Kachel-Architektur zusammen - und es harmoniert besser, als man vielleicht zuerst denken würde. In vielen Souvenirshops werden Magnete mit der typischen Fliesenbemalung, angeboten. 
Die Fliesen, die "Azulejos", prägen das Stadtbild und machen es absolut einzigartig. Sie sind an den Häusern, an den Bahnstationen sowie an Straßenwällen zu finden. Besonders im Bairro Alto, einem Viertel Lissabons, in dem es besonders viele mit Azulejos verzierte Hausfassaden gibt. Das Wort "Azulejo" kommt vom arabischen Wort "al zuléija", zu übersetzen mit "poliertes Steinchen". 
Inspiriert wurden die Bilder und Inhalte auf den Azulejos von portugiesischen Seefahrern, weshalb oft maritime Symbole wie Fische oder Wellen darauf abgebildet sind.

Mir gefiel das kreative Flair der Stadt, das dadurch entstanden ist, und zugleich konnte ich mich für manche Streetart-Motive begeistern, die zwischendurch aufblitzen. Als J. und ich über den Hügel von Alfama spazierten, wobei wir an drei oder vier Miradouros (von denen ich auch schon berichtet habe) vorbeikamen, entdeckten wir auf der anderen Seite hinter Alfama einige Straßen, an deren Häuserfassaden überdimensional große Streetart-Motive entstanden waren. 
Besonders gefiel uns das Bild eines Raben, der einen Pastel del Nata - was auch sonst- in seinen Flügeln hielt.
Insgesamt empfand ich es schon als kleines Erlebnis, mich einfach durch Lissabon treiben zu lassen und die kreativen Ecken zu entdecken.

Vegan in Lissabon: Pastel del Nata & Co

"In Lissabon gibt es über 40 vegane Restaurants", schrieb mir M. per Whatsapp und ich konnte mir das angesichts der vielen veganen Produkte, über die J. und ich in der portugiesischen Hauptstadt gestolpert waren, durchaus gut vorstellen. In der Gastronomie war das vegane Essen und Trinken fast immer gekennzeichnet. Es gab selten ein Café, das keine Pflanzenmilch anbot.

Da unsere Unterkünfte über Kochmöglichkeiten verfügten, kauften wir den Urlaub über im Supermarkt ein und konnten uns an der üppigen Auswahl an veganen Produkten erfreuen. Es gab eine große Auswahl an verschiedenen Pflanzendrinks. Darunter schätzten wir besonders eine Sojamilch mit Kakao, einen "Schokodrink", den wir unser öfter besorgten. Die Tiefkühlabteilungen waren auch mit vielen veganen Gemüsepfannen zum Aufkochen und pflanzlichen Alternativen versehen.

Mitten im Zentrum hatten wir vegane Pastel del Nata in einem Laden, der ausschließlich diese herstellte, gekostet. Ich bin kein Fan von süßen Sachen (außer Obst, das geht für mich immer), doch einmal Pastel del Nata essen war quasi Pflichtprogramm in Lissabon. In dem kleinen Laden konnten wir über den Tresen schauen und uns mit kleinen Kuchentellern, auf die unsere Pastel del Nata getan wurde, an einen Tisch vor der kleinen Pastelaria setzen. "Na, was sagst du?", wollte J. wissen und machte ein Foto von den Gebäckteilen auf unserem Tisch: Einer der Pastel del Nata sah durch seine Bräunung aus, als würde er mich wie ein Smiley lächeln. Als ich hineinbiss, hatte ich einen süßlich-klebrigen Geschmack auf der Zunge; es erinnerte mich an eine Mischung aus Pudding und Marzipan. "Sehr süß", erwiderte ich, "Man kann es mal probieren, doch ich finde es schon sehr süß." Für viele Schleckermäulchen und Naschkatzen sind die Pastel del Nata jedoch genau das Richtige, würde ich vermuten. Außerhalb von dem Laden, in dem J. und ich welche kauften, gibt es noch viele weitere, die das Traditionsgebäck vegan anbieten. Und überhaupt kann die portugiesische Hauptstadt mit viel veganer Vielfalt punkten.

Samstag, 26. November 2022

Torre de Belém

An einem der Tage fuhren J. und ich zu einem Strand ein Stück aus Lissabon heraus. Auf dem Rückweg wollten wir uns den Torre de Belém anschauen. Die kleine Festung mit den reichlich verzierten Zinnen diente seit dem 16. Jahrhundert dazu, die Mündung des Flusses zu beschützen. Auf Fotos sah der Turm ziemlich spannend aus, doch wir versprachen uns zunächst nicht so viel davon. Umso beeindruckter waren wir, als wir davorstanden und sich der Himmel zum Sonnenuntergang im Wasser rosa-orange färbte. "Das ist wirklich ein Highlight", sagte J. und ich schoss währenddessen ein Foto nach dem anderen: Der Torre war aber auch wirklich fotogen.

Anschließend spazierten J. und ich noch ein wenig durch Belém und wollten allmählich zurück zu unserer Unterkunft in Alfama. Nicht nur J.'s Handyakku war leer, sondern auch mein Smartphone war durch die Navigation mit Google Maps sehr strapaziert worden. Es ging kurzerhand aus. Doch wir wussten, wo wir waren und konnten an einer Bushaltestelle nachsehen, welchen Bus wir zurück zu unserer Unterkunft nehmen konnten. Bis der Bus kam, hatten wir allerdings noch über 15 Minuten Zeit, weshalb ich ein wenig über den Bürgersteig trödelte und die Karte des Falafel-Imbisses gegenüber der Busstation inspizierte.

 Auf den ersten Blick konnte ich erkennen, dass Vieles vegan gekennzeichnet war: Pita-Brote mit verschiedenen Füllungen wie Tofu, Falafel sowie Sandwiches und diverse Snacks, für deren Füllungen es pflanzliche Varianten gab. "Was hältst du davon, wir holen uns hier etwas zu essen statt dass wir im Airbnb essen?", schlug ich J, vor und sie war einverstanden. Die Bestellung ging ziemlich schnell, sodass wir genügend Zeit hatten, am Straßenrand bei der Bushaltestelle in der angenehm milden Abendluft zu sitzen zu essen. Unsere Pitabrote schmeckten köstlich. "Ich mag so was auch viel lieber, als in ein schickes, teures Restaurant zu gehen", stellte ich wieder einmal fest, "Ich mag das einfache Essen."

Wie wir uns in Alfama verliefen

Gleich am ersten Tag, als wir durch Lissabon spazierten, hatte mich das Viertel Alfama in seinen Bann gezogen. Wenn ich im Nachhinein an Alfama denke, denke ich an weiße, eng beieinander stehende, verschachtelte Häuser, schiefe Treppen und Blumenkübel vor den Hauseingängen. Für die letzten Tage unseres Trips verließen wir unser Apartment - mit einem lachenden und einem weinenden Auge, weil wir uns dort die Tage sehr wohlgefühlt hatten- und zogen in ein kleines Airbnb mitten in Alfama. 
Wenn wir aus dem Fenster sahen, konnten wir den Miradouro de Santa Luzia weit oben erkennen. Das Airbnb war sehr klein, mit Kochnische und Kühlschrank, und schien mit seinen leicht schiefen Treppen und quietschenden Türen sehr alt zu sein. Wie uns ein Zettel auf dem Esstisch verriet, war das Gebäude schon uralt- das machte es wiederum noch interessanter. 
Einen Nachmittag übersetzten wir uns in das winzig kleine Wohnzimmer, - insofern es sich der kleine Raum mit dem Sofa, einem Kühlschrank und einer Kommode sowie zwei Fensterfronten an den Außenseiten überhaupt als Wohnzimmer bezeichnen lässt -tranken Kaffee mit Schoko-Sojamilch und konnten den leichten Regenschauer hinter der Glasscheibe beobachten, der sich zum ersten Mal während unserer Reise ereignete. 

Manchmal gefallen mir gerade auch die Momente, in denen ich bei einem Kaffee an einem charmanten Platz sitze und die Umgebung auf mich wirken lasse. Es gefiel mir, hier in der Unterkunft fernab der Straßen und inmitten Fußgänger*innengassen zu sein.
J. und ich nahmen uns die Tage, die wir dort wohnten, Zeit dafür, die Treppen hinauf und hinabzulaufen und uns überraschen zu lassen, was an der nächsten Ecke auf uns wartete. Manchmal waren es ein paar Blumensträucher, die sich vor dem weißen Stein in die Höhe rankten, oder ein neuer Aussichtspunkt. 

Die meisten Miradouros scheint es in Alfama zu geben. Wenn wir vom Miradouro de Santa Luzia die gepflasterte Straße weiter hinaufliefen, gelangten wir zum Miradouro das Portas do Sol, der eine noch weitläufigere Aussicht auf die Dächer Alfamas und den dazwischen emporragenden Palmen bietet sowie auf das Meer. Für mich war dies einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt. 
Den letzten Abend unserer Reise liefen J. und ich die Treppenstufen von unserer Unterkunft zu den beiden Miradouros hinauf, um den Blick noch einmal bei Sonnenuntergang zu erleben. Das Bild, wie der Himmel sich hinter den orangefarbenen Dachschindeln rosa färbt und die Kulisse noch malerischer aussehen lässt, werde ich so schnell nicht vergessen.

Während unserer Spaziergänge konnten wir noch weitere Aussichtspunkte und kleine Parks zum Verweilen ausfindig machen, darunter den Miradouro de Graca, eine weit oben gelegene Terrasse mit Aussicht. Eingebettet waren sie zwischen kleinen Läden mit bunten Sachen und kleinen Cafés, vor denen man bei einem Getränk sitzen konnte. Zwischendurch konnten wir immer mal wieder einen Blick auf die gelbe Tram erhaschen, wenn wir die Fußgänger*innen-Pfade verließen und auf die Gassen gelangten, die auch von Autos befahren waren.

An dem Abend, als wir im Dunkeln und mit leeren Handyakkus zu unserer Unterkunft zurückkehrten, nach einem aufregenden Tag beim Torre de Belém und am Strand, liefen wir fast Gefahr, uns in den verwinkelten Gassen im warmen, dunkelgelben Licht der Straßenlaternen zu verlaufen. Zugegeben, es gibt schlechtere Orte als Alfama, um sich zu verlaufen. 
Nachdem wir zwischen vielen Straßenrestaurants, vor denen Menschen speisten, durchgelaufen waren und Teil des bunten Treibens geworden waren, erkannten wir den Platz mit dem Straßenbrunnen und der kleinen weißen Kirche, an dem unsere Unterkunft grenzte: Wir waren wieder zurück.

Donnerstag, 24. November 2022

Surfen im Atlantik

Was ich schon immer einmal vorhatte, in Portugal zu tun, und was sich in dem Land mit den schwungvollen Atlantikwellen sehr lohnen sollte, war das Surfen. Ich bin noch nicht sehr oft surfen gewesen in meinem Leben, doch die paar Mal, die ich es ausprobiert hatte, hatten zutiefst Begeisterung bei mir hinterlassen. Das letzte Mal war es vor einigen Jahren während meiner Ghanareise gewesen, wo ich an den goldenen Stränden Busuas aufs Surfbrett gestiegen war. Nun warten die portugiesischen Wellen auf mich. Auch J. war zu meiner großen Freude bereit, das Surf-Erlebnis zu wagen. Also buchten wir einen Kurs über Get Your Guide und fuhren mit einer Kleingruppe im Auto unseres Surflehrers F. über die rote Brücke von Lissabon ins gegenüberliegende Costa Caparica. Costa Caparica ist eine Halbinsel, die gegenüber von Lissabon liegt und einen beliebter Surfspot darstellt. F. plauderte wie ein Wasserfall, fragte uns, was wir bisher während unserer Reise erlebt hatten und gab uns gleich ein paar Tipps mit auf dem Weg. 

Vor Ort erwartete uns ein ellenlanger, weißer Sandstrand. J., die Strände über alles liebt, war ganz außer sich vor Begeisterung: "Guck mal, wie schön das hier ist!". Jede*r Teilnehmende des Surfkurs erhielt einen Neoprenanzug, in den wir hineinschlüpften, und ein Board. Da wir noch Anfänger*innen waren, waren unsere Boarde ziemlich groß. F. schickte uns zuerst in die Wellen, damit wir uns ein wenig an das Wasser an unserem Körper gewöhnen konnten, und dann gab es eine Trockenübung an Land. Unsere Boarde lagen im Sand, wir bäuchlings darauf. Wir ruderten mit den Armen, stützten uns dann mit den Armen am Board ab und zogen unseren Oberkörper nach oben, um dann in die stehende Position zu springen. "One, two, three", rief F. immer wieder und wiederholte das Ganze mit uns. "Wie beim Militär", lachten J. und ich nachher. 

Schließlich klemmten wir unsere Surfbretter unter unsere Arme und sprangen in die Wellen. Wieder und wieder paddelten wir von einem Stück weiter hinten im Wasser auf unserem Surfboard Richtung Ufer und versuchten, aufzustehen, sobald die Welle uns erfasste. Jedes Mal, wenn es mir gelang, aufzustehen, wenn auch etwas wacklig, und mit der schäumenden Gischt Richtung Strand zu sausen, überkam mich ein Flow-Gefühl. In dem Moment vergaß ich, wie anstrengend es war, was wir hier taten. F. winkte uns zwischenzeitlich immer wieder in seine Richtung, da die Strömung dafür sorgte, dass wir abtrieben.

Am Abend waren wir uns einig, dass das Surfen unsere Kräfte sehr gefordert hatte und wir danach ziemlich ausgepowert waren, doch unheimlich viel Spaß gebracht hatte. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Gelegenheit, wieder aufs Surfbrett zu steigen.

Sintra

Als ganz anders, als J. und ich es erwartet hatten, stellte sich Sintra heraus. Auf Reisen sind viele Dinge Überraschung: Ich habe viele Blogs mit Tipps zu dem Ort gelesen, Fotos angeschaut, doch erst wenn ich dort bin, kann ich mir ein wirkliches Bild davon machen. Zudem erlebt jede*r Reisende*r den gleichen Ort ein wenig anders. Das macht das Reisen auch gerade spannend.
Die Anlage um den Pena-Palast mit einem großen Park nicht weit von Lissabon sollte sich als Tourist*innen-Magnet herausstellen. Von einem Bahnhof im Zentrum Lissabons fuhren J. und ich, die zur Feier des Tages schöne Kleider angezogen hatten, mit einem Zug etwa eine Dreiviertelstunde nach Sintra. Der Bahnhof war ziemlich voll, da die Tickets in die Umgebung der Stadt sehr beliebt zu sein schienen, und ich sah uns schon stundenlang darauf warten, dranzukommen. Dafür ging es dann jedoch ziemlich schnell. 

In Sintra spazierten wir erst durch das Zentrum, in dem jede Menge Zeichnungen vom bunten Pena Palast, den wir besuchen wollten, verkauft wurden. Die Preise waren wir noch einmal deutlich höher als in Lissabon selbst, konnten wir feststellen- auch beim Essen, wie es bei weltweit gehypten Orten öfters der Fall ist. Ich war schon voller Vorfreude darauf, den Palast in seinen kräftigen Farben zu erkunden.

 In einem Park, in dem wir exotische Pflanzen vorfanden und einen Bereich, in denen Kaninchen herumhoppelten und Hühner frei herumliefen, aßen wir unser Mittagessen: Wraps mit Guacamole, Tomaten und Karottensalat. Das war während der Tage hier eines unser liebsten Unterwegs-Essen geworden. Stück für Stück spazierten wir dann die Straße zum Pena-Palast hinauf und konnten das gelbe Gebäude hinter so mancher Wegbiegung aus der Entfernung erspähen. Tourist*innen-Busse sowie Fahrrad-Rikschas sausten an uns vorbei und ich hatte den Eindruck, dass so manche der Insass*innen uns belächelten, weil wir den gesamten Weg zu Fuß liefen. Ein Stück liefen wir auch durch den Wald, was mir ganz gut gefiel. Dichtes Grün und knorrige Baumwurzeln umgaben uns auf der Strecke durch den Wald, dazu ein hell scheinende Sonne.

Nachdem wir den hügeligen Weg erklommen hatten und viele weitere Autos an uns vorbeigedüst waren, erreichten wir den Park um den Pena-Palast. Der Ticketautomat am Eingang des Parks bot uns ein Ticket an, mit dem Eintritt in den Park sowie auf die Terrassen des Pena-Palastes erhielten. Da wir an das Innere des Palast nicht so interessiert waren wie an dem, was außen zu sehen war, entschieden wir uns dafür. Leider hatten wir nicht damit gerechnet, dass der Palast nicht nur von innen voll war, sondern sich die Schlange an Besucher*innen auch rund um den Palast herumschlängelte. Es würde Stunden dauern, bevor wir auch nur einen Fuß auf die Terrassen setzen würden. Und inmitten der Menschenmassen, die J. und ich schon vom Fuß des Palasts sehen konnten, zu stehen, erschien uns zudem wenig attraktiv. Ich hatte den Verdacht, dass der Palast vor lauter Menschen kaum zu sehen sein würde. 

Etwas enttäuscht traten J. und ich den Rückweg an, doch es dauerte nicht lange, dass wir über unseren Ausflug lachen konnten. Ich habe beim Reisen immer wieder festgestellt, dass wir an einen bestimmten Ort bestimmte Erwartungen mitbringen. Diese können in manchen Fällen nicht erfüllt werden und in anderen Fällen wiederum übertroffen werden. In anderen Situationen wurde ich wiederum positiv überrascht von einem Ort oder einem Erlebnis, von dem ich mir vorher nicht viel versprochen hatte. Auch das ist ein Teil des Reisens: Neugierig und offen zu sein für die Dinge, die wir noch nicht kennen, und herausfinden, was uns bei ihnen erwartet.
Sintra hat zudem außerhalb des Pena-Palasts viele schöne Ecken, die wir nur zum Teil gesehen haben, von den Parks her und der farbenfrohen Architektur des Zentrums, den kurvigen Gassen - wer sich daran sehr erfreuen kann, wird hier fündig werden.

Auf der anderen Seite des Tejo

 Abends fuhren wir mit einem Boot, das zum Nahverkehr Lissabons gehört, über den Tejo. Während der Fahrt konnten wir die riesige steinerne Jesus-Statuen erkennen, die mit ausgebreiteten Armen auf der anderen Seite auf einem Felsen thronte. Auf der anderen Seite fanden wir etwas vor, das uns an eine Downtown erinnerte, mit abgeblätterten Schildern von Imbissen und Häusern, die aussahen, wie ein nicht mehr ganz taufrischer Abklatsch von Lissabons bunter Innenstadt. Wir beschlossen, uns hier nicht weiter aufzuhalten, sondern lieber am Ufer des Flusses entlang zu spazieren. Auf dem Weg kamen wir an einigen maroden Gebäuden daran, die mich an einen Lost Place erinnerten. Mit der Zeit wurde der Weg immer schöner und lockte mit einigen Cafés am Wasser. 

An einem winzigen Stück Strand, falls sich dieser überhaupt als Strand betiteln lässt, lag etwas Großes Glibberiges im Sand, bei dem ich genauer hinsehen musste, um es zu erkennen. "Das sind ja monströse Quallen", stellte ich fest. Möglicherweise handelte es sich bei den riesigen Tieren sogar um Feuerquallen. Zum Glück hatten wir an diesem  Abend nicht vor, hier zu baden.

Einen Fahrstuhl gab es auch auf dieser Seite des Wassers, den J. und ich zusammen mit anderen Passant*innen hinauffuhren. Im Gegensatz zu dem Fahrstuhl, der zur Jesusstatue führt, war dieser kostenfrei. Von der Plattform aus hatten wir einen sehr weiten Blick über den Tejo und konnten tief hinabschauen. Es war sehr windig hier oben. Allmählich sank die Sonne immer tiefer. Uns wurde bewusst, dass wir an diesem einen Tag eine Menge erlebt hatten.

"Da hinten scheint eine Grünfläche zu sein", sagte ich, wieder unten angekommen, "Vielleicht können wir uns da einmal hinsetzen." Gesagt, getan. Wir setzten uns auf einen grünen Hügel am Ufer des Tejo, zu unserer Linken konnten wir die rote Brücke ausmachen und hinter uns hatte sich ein Sänger mit einem Standmikrofon platziert, sodass wir seiner Musik lauschen konnten. Wir waren absolut zufrieden, hier zu sein, und beschlossen, erstmal nicht so schnell aufzustehen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so sehr lohnt, auf die andere Seite zu fahren", sagte J.. Das fand ich auch.

Zu Fuß durch Lissabon


Mit meinem Backpacker-Rucksack auf dem Rücken stand ich vor der Unterkunft mitten in Lissabon und sog die milde spätsommerliche Luft ein. Meine Jacke hatte ich seit dem Zwischenstopp in Paris nicht mehr anziehen müssen, da sich das Klima während meiner Reise stark verändert hatte. J., die den Schlüssel für unser Apartment abgeholt hatte, kam mir mit einem breiten Lächeln entgegen. In unserem Apartment stärkten wir uns erstmal mit einer Schüssel Couscous und luden unsere Sachen ab, während es draußen allmählich dämmerte. 

Wir hatten erst lange nach einer preiswerten Unterkunft suchen müssen und hatten nun jedoch Glück gehabt: Unser Apartment verfügte über ein Wohnzimmer mit Esstisch, ein Badezimmer, eine Küche und ein separates Schlafzimmer. Zudem war es gut an die Innenstadt Lissabons angebunden und kostete pro Nacht keine hundert Euro für uns beide zusammen. Wenig später spazierten wir noch ein wenig durch die Umgebung, in der sich die Menschen inzwischen in zahlreichen Cafés und Bars an der Straße tummelten.

Die Innenstadt erkundeten wir dann tags darauf. Wir hatten uns ein Metroticket gekauft, das sich aufladen lässt. Eine Fahrt mit beliebigem Umsteigen kostet 1,50 Euro. Nahe des nostalgischen Fahrstuhls Santa Justa stiegen wir aus und liefen durch die mit zahlreichen Kacheln, "Azulejos", verzierten Gassen zum Wasser hinunter. In der Ferne konnten wir die rote Brücke sehen, die über den Tejo führt. An der Uferpromenade gab es mehrere Liegestühle, auf denen wir uns mit einem Getränk in der Hand niederließen. Wir waren definitiv wieder im Sommer angekommen, obwohl es bereits fast Oktober war.

Nachdem wir uns einige Zeit die Sonne aufs Gesicht hatten scheinen lassen, spazierten wir weiter durch die hügeligen Straßen Lissabons. Wir spazierten durch eine pinke Straße, die unter einer kleinen Straßenbrücke durchführte, und mit bunten Regenschirmen überdacht war: Quietschbunt war hier das Motto. Bei unserem Rundgang begegnete uns auch die bekannte gelbe Straßenbahn, die immer wieder hinter irgendwelchen Kurven auftaucht und sich durch die schmalen Gassen zwängt. In der Innenstadt reihen sich Cafés und Pastel-del-Nata-Läden aneinander. Ich konnte einen rein veganen Laden mit Pastel del Nata ausfindig machen, vor dem J. und ich draußen sitzen und das traditionelle Gebäck kosten konnten. 

Ziemlich schnell gelangten wir zu Fuß auch in das ursprüngliche, charmante Viertel Alfama, in dem sich eine Burg, das "Castello" befand, und jede Menge Aussichtspunkte, sogenannte Miradouros, zu finden waren. Es sind nicht einfach nur Aussichtspunkte, sondern Plätze, deren Architektur sich durch durch viel Liebe zum Detail auszeichnet und an denen viele Menschen zusammenkommen - natürlich auch zahlreiche Tourist*innen.

Der Miradouro Santa Luzia mit den weißblauen Kacheln und den hellen Säulen gefiel mir sofort. J. und ich konnten über die Dächer von Alfama bis hin zum Meer  blicken und die gespielte Lifemusik sorgte für gute Stimmung. Dass es sehr voll war, hielt uns nicht davon ab, die Atmosphäre vor Ort zu genießen.

Mittwoch, 2. November 2022

Lissabon ruft

"Hey, ich habe im September eine Woche frei. Hast du Lust, in der Zeit mit mir einen Mädelstrip nach Lissabon zu machen?", ploppte auf meinem Smartphone eine Nachricht auf, die von meiner Freundin J. stammte, "Wir können ein Airbnb mieten und dort gemeinsam kochen." Ich war mit J. in den vergangenen Jahren viel auf Reisen gewesen, doch inzwischen lag unsere letzte gemeinsame Reise schon einige Jahre zurück. Schon da hatten wir die Idee im Kopf gehabt, nach Lissabon zu fahren, doch dazu war es nicht gekommen. Genauso wenig, wie es dazu gekommen war, dass M. und ich im Sommer 2021 während unseres Interrailtrips nach Portugal durchkamen. Lissabon hatte aufgrund steigender Corona-Infektionszahlen die Stadt dicht gemacht.

Ich sagte J. zu und hoffte innerlich, dass diesmal unserem Trip nichts in die Quere kommen würde. Ich suchte in den kommenden Tagen nach einer guten Verbindung durch Busse und Bahnen, was sich als wesentlich komplizierter herausstellte als all meine Reisen zuvor, bei denen ich nicht mehr geflogen war. Ich würde komplett durch Frankreich und Spanien durchreisen, um es bis an die portugiesische Atlantikküste zu reisen. "Das ist schon verrückt", hörte ich aus meinem Umfeld einige Stimmen sagen, als ich erzählte, innerhalb kurzer Zeit nach Portugal zu reisen, ohne das Flugzeug zu nehmen. Doch genau das war die Challenge, die ich mir selbst gestellt hatte: An die Sehnsuchtsorte zu reisen, ohne der Umwelt dabei zu sehr zu schaden, und das Abenteuer zu wagen, das zwischen ICE, TGV und Fernbussen auf mich wartete.

Auch J. überlegte zuerst, mit mir zusammen durch Bus und Bahn anzureisen, entschied sich jedoch dagegen, weil sie weniger Tage zur Verfügung hatte als ich. Also vereinbarten wir, uns vor unserer Unterkunft in Lissabon zu treffen. Für mich startete damit eine meiner aufregendsten Bus- und Bahnreisen durch Europa. Rund sechstausend Kilometer Strecke warteten auf mich, dazu eine Übernachtung in Madrid auf der Hinreise.

Ich hatte mich für das Langsam-Reisen in den letzten Jahren immer mehr begeistern können. Es gefiel mir, ein Gefühl dafür zu bekommen, durch welche Orte ich mich auf dem Weg zum Ziel bewegte, wie sich das Klima Stück für Stück veränderte, und wie sich die Orte auf der Landkarte in meinem Kopf so zusammenfügten, dass es Sinn ergab. Zudem empfand ich es als entspannend, in aller Seelenruhe ein Buch zu lesen und immer wieder aus dem Fenster zu schauen, wo die nächste Landschaft oder Stadt vorbeizog. Auf der Strecke durch Andalusien konnte ich vom Zugfenster einen rosa Flamingo in einem flachen Gewässer erspähen, was mich sehr begeisterte. Als der Bus nach meiner langen Anreise mit mehreren Umstiegen die Brücke über den Tejo überquerte, hüpfte mein Herz vor Aufregung und Freude. Ich hatte es geschafft.

Montag, 31. Oktober 2022

Zurück aus Ligurien

Bevor ich nach Ligurien gefahren war, hätte ich nicht erwartet, wie bunt diese Region Norditaliens ist und das auch außerhalb der weltweit sehr bekannten Cinque Terre. Für kleines Geld konnten wir mit der Regionalbahn die ligurische Küste entlangfahren. Dabei war es beinahe egal, an welcher Station wir ausstiegen- jeder der Orte war auf einzigartige Art und Weise sehenswert, mit pittoresken Häuschen, mit verschachtelten Gassen und mit Stränden. Genua selbst war als Ort zum Wohnen gut geeignet, weil die italienische Stadt mit einem schönen Stadtbild, einigen Erlebnissen, gutem Essen und guter Anbindung an die Orte ringsum punkten kann.
 
M. und ich waren über eine Woche dort und hatten den Eindruck, die Möglichkeiten, aktiv zu sein in Stadt und Natur, seien nicht so schnell ausgeschöpft. Wir erleben beide gern sehr viel und schätzen die Abwechslung, was uns diese Reise absolut bieten konnte. M. und ich waren wandern, schwimmen, mit dem Boot unterwegs und konnten viele Sonnenaufgänge oder -untergänge miterleben. Dolce Vita als Motto Italiens verstehe ich dabei nicht nur kulinarisch, sondern allgemein als Lebensgefühl. Ganz besonders in Camogli durften M. und ich dies erleben. Im Zug zurück nach Deutschland wussten wir beide, dass es nicht die letzte Reise sein würde, die wir beide zusammen nach Italien unternehmen würden. Ein wenig von dem Lebensgefühl konnten wir in Form von Lebensmitteln mitnehmen - und natürlich in jede Menge Erinnerungen.


Dolce Vita vegana

Die italienische Küche ist weltweit bekannt und hat im alltäglichen Leben oder vielmehr den alltäglichen Mahlzeiten der europäischen Länder Einzug gehalten. Dies ist allein schon an der Beliebtheit von Pizza und Spaghetti mit Tomatensoße bei Groß und Klein erkennbar. Im Gegensatz zu den deutschen Umsetzungen italienischen Essens ist die italienische Küche viel hochwertiger und minimalistischer an Zutaten - und sogar vom Original her oftmals vegan. Milch im Pizzateig und Ei in Nudeln? Fehlanzeige! In Italien ist die vegane Vielfalt größer, als viele zuerst denken würden. M. und ich gönnten uns in einem Restaurant eine Pizza Marinara, eine neapolitanische Pizza mit dickem Rand und dünnem Boden, die traditionell mit Tomatensoße und Basilikum ohne Käse gebacken wird. Eine ganze Pizza Marinara ist in Italien meistens günstig zu haben, in Ligurien lag der Preis zwischen vier und sechs Euro. Der Geschmack übersteigt den von Fertigpizza zudem noch einmal deutlich. 
Essen, das für Norditalien typisch ist, fanden wir in Form von -natürlich- Focaccia und von Farinata. Farinata besteht aus in Olivenöl gebackenem Teig aus Kichererbsenmehl mit Salz und Wasser. Das Essen hat seinen Ursprung in Genua. Was erst nicht sehr spektakulär klingt und für mich von der Optik auch nicht direkt spektakulär aussah, schmeckt absolut köstlich. M. ließ sich von dieser Entdeckung inspirieren und backte die Farinata nach, nachdem er sich bei unserer Rückkehr einen Pizzaofen anschaffte. Für unterwegs besorgten wir uns ab und zu Piadina, die auch im Supermarkt leicht zu finden sind: Dünnes, italienisches Fladenbrot mit Olivenöl im Teig, das zusammengeklappt und mit Essen gefüllt werden kann. Früher galt es als "Cibi de Strada", also Straßenessen oder Arme-Leute-Essen. Doch wenn ich eines auf meinen Reisen gelernt habe, ist es, dass das Straßenessen gerade am besten schmeckt.    
Nahe des Stadtzentrums von Genua befindet sich der Mercato Orientale, den M. und ich bei unserer Streifzüge durch Genua natürlich nicht außer Acht ließen. In dieser Markthalle befinden sich unterschiedlichste Marktstände mit Lebensmitteln- darunter auch Vieles, das das Herz von vegan lebenden Menschen begehrt: Aromatische Tomaten aus der Region, Knoblauch und Chilischoten in großen Reben zusammengefasst und verschiedenes Gebäck, dessen Namen ich mir nicht bis Deutschland merken konnte. Gebäck gibt es auch zum Frühstück in Italien in Form eines Cornetto, das uns auch häufiger begegnete, wenn wir uns morgen Espressi im Café oder in der Bäckerei bestellten, zum Beispiel an unserem Morgen in Camogli. Cornetti sind mit oder ohne Füllung, "Crema pasticcera" zu finden. Das italienische Essen wusste M. und mich während unserer Reise in jedem Fall sehr zu begeistern und ein wenig davon konnten wir, nach dem Besuch des Feinkostladens in Camogli, auch zu uns nachhause mitnehmen.  




Unterwegs in Genua

M. und ich waren während unserer Zeit in Genua viel an der ligurischen Küste unterwegs, um zu wandern und malerische Orte zu erkunden. 
Abends saßen wir oft auf dem kleinen Balkon unseres Hotelzimmers und aßen Kaktusfeigen, die M. bei einem Marktstand neben dem Bahnhof entdeckt hatte. Wir hatten beide noch nie Kaktusfeigen gegessen. Ich aß sie seitdem während der Reise fast jeden Tag, da ich den süßlich-saftigen Geschmack schnell lieben lernte. 
Das änderte sich jedoch, als ich in Bogliasco völlig unbefangen eine Kaktusfrucht von einem Kaktus am Wegesrand pflückte und erst später bemerkte, dass die kleinen pieksigen Stacheln sich nicht so leicht aus meiner Haut entfernen ließen. 
Mein Fazit: Kaktusfrüchte unbedingt probieren, doch lieber vom Markt, weil die Stacheln da größtenteils entfernt wurden, und beim Schälen aufpassen.

Doch an manchen Tagen nutzten wir die Gelegenheit, nicht nur abends in Genua selbst Zeit zu verbringen. Besonders das Centro Storico mit den engen Gassen zwischen Porto Antico und dem Piazza de Ferrari hatte es uns seit dem ersten Abend besonders angetan, weshalb wir immer wieder von der bekannten Fußgängerzone Via Garribaldi durchspazierten, nicht selten mit Focaccia in der Hand. Die Via Garribaldi wurde 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. 
In den engen Gassen fielen uns zudem auch zwischendurch winzig kleine Streetart-Motive ins Auge, kleine, doch ausdrucksstarke Botschaften inmitten der antiken Gebäude zu verschiedenen politischen Themen. Besonders abends mitzubekommen, wie es dämmerte und wie die Stadt in einem apricotfarbenen Abendrot versank, war immer wieder schön. Sowohl von unserem Balkon aus als auch im Centro Storico, wo nach und nach all die Restaurant und Bars öffneten und ein heimeliges Licht nach dem anderen in den immer dunkler werdenden Gassen anging.

Wir gelangten zu einem Park mitten in Genua, in dem ein künstlicher, doch sehr schöner Wasserfall lockte. Der Park Villetta di Negro lag zudem nicht weit von unserer Unterkunft, sodass wir ihn fußläufig erreichten. Hinter dem Wasserfall befand sich eine Art Pavillon, durch den wir hindurchlaufen konnten und somit die innere Seite des Wasserfalls näher in Augenschein nehmen konnten. 
Das Erlebnis ist vielleicht nicht vergleichbar mit einem rauschenden Wasserfall mitten in der Natur, doch ihn einmal gesehen zu haben, war mich auf jeden Fall ein kleines Highlight in der Stadt. 
In dem Park konnten wir ein wenig den Hügel hinauf laufen, von wo aus wir ringsum eine Aussicht auf Genua hatten.

 

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Baden in Bogliasco

Von Bocadasse aus spazierten M. und ich zu einer Bahnstation, von der aus uns die Bahn innerhalb weniger Minuten nach Bogliasco brachte. Wie auch Camogli gehört Bogliasco zum Küstenstreifen des Golfo Paradiso. Der Name wird diesem übrigens gerecht, wie ich finde, denn die ligurische Küste ist wahrhaftig paradiesisch. 

In Bogliasco gibt es eine antike Römerbrücke, die zwischen den bunten Häusern hervorragt, wie sich schon beim Durchqueren mit dem Zug gut erkennen lässt. Zudem gibt es weitere Brücken nahe des Strandes, wovon wir eine überquerten.

Nahe am Wasser entdeckten M. und ich beim Blick von der Straße aus einen "Lost Place", eine abgeblätterte Fassade mit Dachterrasse, die einmal einen Gastronomiebetrieb oder etwas Ähnliches gewesen war. Hierbei konnten M. und ich spekulieren, was sich dort einmal abgespielt haben mochte. 

Auf dem Weg stießen wir auf einen Obsthändler, dem wir zwei pralle, verhältnismäßig große Nektarinen abkauften. Diese stammten direkt von vor Ort und waren somit unter der italienischen Sonne gereift. Beim Essen kam ich zu dem Schluss: Es war die beste Nektarine, die ich je in meinem ganzen Leben gegessen habe. M. war da ähnlicher Ansicht. Leider war der Obstverkäufer weg, als wir einige Zeit später beschlossen, zu seinem Stand zurückzukehren. 

Der Strand und die kleinen Einbuchtungen in den Felsen eignen sich in Bogliasco gut zum Baden, sodass M. und ich an diesem Nachmittag ins Meer sprangen. Auch hier war wieder Steinstrand und das Wasser hatte eine angenehme Temperatur. Es war hier auch niemand in Reichweite, der so etwas wie "Medusa! Medusa", schrie, was "Qualle" bedeutet, wie meine Freundin L. mir nach ihrem letzten Italienurlaub erklärt hatte. Daher hatte ich diesmal auch keine Bedenken, dass sich in unmittelbarer Nähe Feuerquallen tummeln könnten.

Durch das warme Wetter waren M. und ich nach dem Schwimmen im Nu wieder trocken. Ein leichter Sommerregen rieselte auf uns hinab. Es war das erste Mal, dass es während unserer Woche in Ligurien regnete. Dieser dauerte auch nicht sehr lange an. Als wir mit dem Zug in Genua wieder ankamen, hatte es schon längst aufgehört.

Bocadasse im Sonnenaufgang

Wie bestimmt aus zahlreichen meiner Blogbeiträge hervorgegangen ist, liebe ich Sonnenuntergänge und -aufgänge. Dies bewog mich und M., wie so oft an einem der Morgende noch im Dunkeln aufzustehen und von unserem Hotel aus zum Stadtteil Bocadasse in Genua zu laufen. Das ehemalige Fischerdorf zeichnet sich wie viele Orte an der ligurischen Küste durch bunte Häuser aus und ist dennoch wieder anders als das, was M. und ich zuvor in der Umgebung gesehen hatten.

Von der Seite, auf der die Abtei San Giuliaono steht, konnten wir auf das Dorf mit seinem Kieselstrand blicken. Als die Sonne dahinter aufging, war es ganz still in Bocadasse und kaum Menschen waren unterwegs. Ich kann nun nachvollziehen, warum es heißt, hier sei die Zeit stehen geblieben, vor allem, nachdem wir zu so früher Stunde hier angekommen waren. In den kleinen Gassen zwischen den Häusern waren Kakteen angepflanzt und Steintreppen mit Liebe zum Detail errichtet.

Danach war es an der Zeit für einen Espresso. Ich hatte unser Espresso-Ritual inzwischen sehr lieben gelernt. In Bocadasse selbst hatten die Bäckereien und Cafés noch nicht geöffnet, sodass M. und ich wieder ein wenig in Richtung Stadt gingen. Zufällig stießen wir auf eine kleine Bäckerei, die auch vegane Cornetti, Blätterteighörnchen nach ligurischer Art mit Pistaziencreme, im Angebot hatte. Auch hier hätten wir zuerst beim äußeren Betrachten des Ladens nicht damit gerechnet, dass hier etwas Veganes zu finden sei außer unseren Espressi. In Ligurien hatten wir damit bisher immer ziemliches Glück gehabt. 


Dienstag, 25. Oktober 2022

Portofino

Von der Bucht in San Fruttuoso stiegen M. und ich in ein Boot nach Portofino. Den Ort, der von zahlreichen Reisenden angepriesen wird, wollte ich unbedingt kennen lernen. Die kleine italienische Gemeinde, in der reiche Urlauber*innen ihre Yachten stehen haben (M. und ich stellten Überlegungen an, was diese kosten mochten), zeichnet sich durch knallgelbe Villen inmitten der grünen Natur am Berghang aus. Das Wasser davor ist so klar, dass sich hier selbst im Hafen die Fische gut beobachten lassen. 

Als M. und ich im Hafen saßen, tunkte ich meine nackten Füße in das Wasser und sah verschiedenen Fischen dabei zu, wie sie in meiner Nähe umherschwammen. Die Natur, in die Portofino eingebettet ist, kann sich wirklich sehen lassen und auch der Blick, den ich bei der Einfahrt in den Hafen hatte, bot keine schlechte Aussicht.

Mit der Atmosphäre in der belebten Innenstadt Portofinos wurden wir jedoch nicht so ganz warm während unseres Aufenthalts. Die Einkaufsstraße Via Roma war von luxuriösen Läden wie Gucci, Prada etc. und hochpreisiger Luxusgastronomie geprägt. Dies konnte M. und mich, die das einfache, italienische Essen schätzen und keine Markenkleidung kaufen, daher nicht reizen. Allein die Flasche Wasser, die M. kaufte, kostete hier gefühlt ein kleines Vermögen. Nachdem wir an diesem Tag wieder viele Eindrücke gesammelt hatten, entschieden wir uns gegen Abend, die nächste Fähre zurück nach Rapallo zu nehmen und nach Genua zurückzukehren.

Wanderung nach San Fruttuoso

Nach dem Morgen in Camogli ging es für mich und M. wieder in die Berge. Es gibt eine Wanderstrecke zwischen Camogli und dem Kloster in der Bucht von San Fruttuoso, die wir uns vorgenommen hatten. San Fruttuoso ist lediglich per Wanderung oder Schiff erreichbar, Straßen führen nicht dorthin.
Der morgendliche Espresso im Magen gab M. und mir die Energie für den Aufstieg, der über mehrere Treppen und an einzelnen, abgelegenen Grundstücken vorbeiführte. Auf diesen Grundstücken könnten wir einiges an Gewächsen wie Kiwibäume und Auberginenpflanzen entdecken. M. stellte fest, dass es das erste Mal war, dass er einen leibhaftigen Kiwibaum sah. 

Mit der Zeit wurde der Weg immer steiniger und einsamer, auch die Hinweisschilder, die darauf hindeuteten, dass der kommende Weg herausfordernd werden könnte, nahmen zu. Was genau für eine Herausforderung vor uns lag, ahnten wir noch nicht. Es ging abwechselnd durch Wälder und dann wieder außen am Berg entlang, von wo aus wir in der Tiefe das türkisfarbene Wasser der ligurischen Küste glitzern sehen konnten. Da der Weg, der uns nach San Fruttuoso führen sollte, schwer erkennbar war, hielten wir uns an die roten Pfeile, die auf Steine und Bäume gemalt waren. Manchmal passierten wir Wegabschnitte, an denen wir uns an Eisenketten festhielten, um über die steilen Felsen zu gelangen. Für mich war es mit meiner Handtasche über die Schulter teilweise herausfordernd, doch Stück für Stück gelangten wir über den Berg. 

Der weitere Weg, der den Berghang hinunterging, war von Gestrüpp gesäumt, sodass wir uns an einigen Stellen ducken mussten. "Ich sehe den nächsten roten Pfeil nicht", stellte ich nach einiger Zeit des Laufens oder eher Kletterns fest. "Dann lass uns sehen, ob wir ihn finden", sagte M. "Oder wir müssen umkehren." Zunächst hoffte ich, nicht umkehren zu müssen, und schaute beim Weitergehen links und rechts, ob irgendwann doch noch eine Wegmarkierung auftauchte. Doch es kam keine, stattdessen sah ich ringsum nur Gestrüpp. Die Sonne brannte währenddessen vom Himmel und unser Wasservorrat ging stetig zur Neige, ebenso wie meine Energie und gute Laune. Der Weg sah noch lange nicht aus wie ein Weg. Zum Glück war M. noch motivierter als ich und schlug vor, umzukehren. Somit kraxelten wir den Berg wieder hoch und gelangten zurück zu der letzten Eisenkette, an der wir uns ein Stück den Abhang entlang gehangelt hatten. Wir waren nun schon einige Stunden unterwegs und San Fruttuoso hinter dem nächsten Berg laut unserer Einschätzung. 

Wir hatten Glück, dass auf dem weiteren Weg einige Plätze mit wunderschönen Aussichten auf uns warteten, eingebettet zwischen Bergen und Meer. Weit in der Ferne schaukelten bilderbuchhaft einige Boote in der Bucht, die von hier oben winzig erschienen.
Auf dem weiteren Weg war es M., der erschöpft war und unter der Mittagssonne litt, auch wenn wir einige kurze Pausen im Schatten der Bäume einlegten und Focaccia knabberten. Zugleich war meine Laune wieder besser, nachdem wir uns wieder auf dem richtigen Weg befanden, und damit auch meine Energie wieder hergestellt. Der Weg führte rauf und runter über Stock und Stein; sportlich gefordert waren wir damit für heute definitiv. Wir beschlossen, unsere Pausen nicht zu lang zu machen und unsere momentane Energie eher dafür zu nutzen, den restlichen Weg nach San Fruttuoso zu bewältigen. Dort, so war der Plan, würden wir erst einmal entspannen. Ein Wanderer und eine Wanderin kamen uns aus der entgegengesetzten Richtung entgegen. Sie lächelten uns gut gelaunt an und teilten uns mit, dass es ab nun nur noch bergab ginge, um in die Bucht von San Fruttuoso zu gelangen. Wir bedankten uns und zogen weiter. "Die Armen", sagte M., "Ob sie sich darüber im Klaren sind, was für eine Herausforderung nun vor ihnen liegt?". Wir wussten es nicht.

Mittags erreichten wir San Fruttuoso und gönnten uns erst einmal kalte Getränke, die es dort in einem Café zu kaufen gab. Für mich gab es in dem Moment nichts Besseres als eiskaltes, frisches Wasser, wie so oft nach einer langen Wanderung. Kurz danach suchten wir uns einen Platz auf einen der Felsen neben dem Strand. Die Strände in der Bucht zogen ziemlich viele Badegäste an, die es sich hier bequem gemacht hatten, sodass ich es vorzog, mich auf einem der Felsen auszubreiten. M. genoss eine Abkühlung in dem klaren Wasser und ich überlegte, es ihm gleichzutun, als er erfrischt wieder aus dem Wasser stieg. San Fruttuoso ist dafür bekannt, dass auf dem Meeresboden eine riesige Jesusstatue als Andenken an einen verunglückten Taucher steht, die ihre Hände zur Wasseroberfläche erhoben hat. Für Taucher*innen ist diese ein Highlight in dieser Bucht und auch beim Schnorcheln und Schwimmen an der Wasseroberfläche soll es möglich sein, sie zu erkennen. Für manche erscheint der Gedanke an die Statue unter Wasser etwas unheimlich, ich fand es faszinierend. Vielleicht würde ich beim Schwimmen in dem klaren Wasser einen Blick darauf erhaschen?
Als jedoch am Strand ein Aufschrei einer Frau ertönte, die sich im Wasser an einer Feuerqualle verletzt hatte, verwarf ich diesen Gedanken sofort wieder. 
Lieber genoss ich noch ein wenig den Blick auf die malerische Bucht. 

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Camogli

Insgesamt konnten M. und ich von Genua die Küste Liguriens Stück für Stück entdecken. Ein malerischer Ort reihte sich an der Küste an den anderen. Einen Ort gibt es allerdings, der uns beide besonders im Gedächtnis und auch im Herzen geblieben ist: Das verträumte Küstenstädtchen Camogli.

Allein der Bahnhof, auf dessen Bahnsteigen Palmen gepflanzt waren, war der Schönste, den ich je gesehen habe. Er war gepflegt, ruhig und bereits von hier aus war das Meer an der Seite zu erahnen. Mit Eiskaffee und einem Fruchtsaft in der Hand spazierten wir die Promenade in Richtung Hafen hinunter. Das Panorama mit der gelben, etwas verwitterten Burg am Meer war allein schon romantisch. Ein paar Leute waren unterwegs, doch es war nicht voll, sondern es herrschte eine entspannte Atmosphäre.

In dem Hafen, der von hellgelben Häusern umrahmt war begegnete uns ein Reiher, der auf einem der Boote thronte. Er posierte wie ein Model in der Sonne und sich dabei von vorbeilaufenden Passant*innen wie uns nicht stören ließ. Zum Model wurde er dann tatsächlich, als ich kurzerhand ein Foto nach dem anderen von ihm aufnahm. M. sprach genau das aus, was ich auch über Camogli dachte: Der kleine, charmante Ort war einfach zum Verlieben. Wir hatten das Gefühl, dass wir stundenlang am Hafen verweilen könnten und den Reiher beobachten konnten, der nun seine weiten Flügel ausbreitete und dabei ein majestätisches Bild abgab.

Bei unserer weiteren Tour von Camogli kletterten wir auf den Felsen hinter der Burg herum und streiften durch die Gassen, in denen die Wäsche zwischen den Hauswänden hoch über uns aufgehangen war und die Treppenstufen zu den Hauseingängen grün bepflanzt waren. 
Irgendwo dazwischen gab es diesen kleinen Feinkostladen, in dem M. einkaufte. Er wollte Italien nach dieser Reise nicht verlassen, ohne ein paar Delikatessen mitgenommen zu haben und wurde nun fündig. Als er sich in dem Laden umschaute, einige Gewürze und regionale Pasta in der Hand hatte, kam die Verkäuferin zu uns, um uns zu beraten.
"Siamo vegani", erklärte ich ihr daraufhin, um sie darauf hinzuweisen, dass M. und ich beide vegan leben. Sie überlegte kurz, dann strahlte sie und zauberte aus dem Regal neben uns einen veganen Pesto hervor. Der wanderte auch direkt zu den Lebensmitteln, die M. kaufen wollte. "Bring mich hier bloß weg", sagte er zu mir, als er seinen Einkauf begutachtete, "Sonst kaufe ich noch den ganzen Laden leer!". "Wenn, dann hast du hier die Gelegenheit", erwiderte ich und ging mit ihm zum Kassentisch, "Nun bist du aber wirklich gut ausgestattet."

Am nächsten Morgen fuhren wir in aller Frühe wieder nach Camogli. Wir hatten ohnehin vor, von hier aus durch den Nationalpark am Meer zum Kloster in der Bucht von San Fruttuoso zu wandern. Davor nutzten wir die Gelegenheit, in Camogli in aller Frühe den Strand entlangzulaufen und draußen einen Espresso zu trinken. M. fand sogar in dem kleinen Barista-Laden, den wir spontan aufgesucht hatten, ein veganes Cornetto. Wir waren beide erstaunt, wie viel dies kleine Städtchen an veganen Optionen aufwies, ohne dass wir gezielt danach gesucht hätten. Es war der perfekte Start in den Tag, an den ich immer wieder gern zurückdenke und M. genauso.

Es gibt Orte, die dich auf merkwürdige Art berühren, obwohl du davor überhaupt nicht damit gerechnet hast, und mit denen du fortan ein Lebensgefühl verbindest, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Jemand anders mag das wiederum ganz anders erleben, das ist individuell verschieden, doch für dich ist dieser eine Ort mit deinen Erinnerungen und Emotionen verknüpft. Einer dieser Orte ist für mich und M. Camogli.

Dienstag, 18. Oktober 2022

Weiter durch den Nationalpark der Cinque Terre


Weiter ging es dann nach Corniglia. Ein Highlight erwartete uns jedoch auf dem Weg dorthin: Als das dritte Dorf der Cinque Terre bereits zu sehen waren, kamen wir an einem kleinen Laden vorbei, der Säfte und Smoothies verkaufte. M. holte sich eine "Granita", eine sorbetartige sizilianische Süßspeise, und ich einen frisch gepressten Orangensaft. Damit setzten wir uns einige Treppenstufen weiter oben auf eine Terrasse mit Ausblick auf das Meer und den Berg, auf dem sich Corniglia befand. M. und ich waren uns einig, dass die besten Momente auf Reisen spontan passieren und dass es oft die kleinen Dinge zwischendurch sind, die sie ausmachen.

In den bunten, verwinkelten Gassen von Corniglia bekamen wir allmählich wieder Durst nach der schweißtreibenden Wanderung und auch etwas Hunger. So beschlossen wir, in einem der Hinterhöfe zu pausieren und bestellten einen eisgekühlten Fruchtsmoothie. Ich entdeckte zudem einen veganen Burger auf der Karte, den sich M. bestellte. Als ihm ein schmaler Teller mit ein paar Rucola- und Salatblättchen sowie einem veganen Burger-Pattie, jedoch ohne Brötchen oder anderen Beilagen, serviert wurde, konnte ich es kaum fassen. "Das ist doch kein Burger!", sagte ich kopfschüttelnd. Das Essen in Cinque Terre konnte uns zwar nicht überzeugen, die Natur und die charmanten Dörfer schon.

Wir wanderten als Nächstes durch die Berge nach Manarola, wo wir am Nachmittag eintrudelten. Das kleine Dorf erschien uns am trubeligsten von allen, was jedoch auch der Uhrzeit geschuldet sein könnte. Unzählige schnatternde Menschen mit Sonnenhüten auf dem Kopf wie ich liefen die Straße zwischen den Cafés entlang, badeten an den Felsen der Bucht und orderten kühle Drinks. Wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten und beobachteten des Treiben. Nun wurde uns erst recht bewusst, wie erschöpft wir waren. So entschieden wir, dass wir für das Stück zu dem letzten Dorf, Riomaggiore, in den Zug stiegen.

Riomaggiore sticht besonders durch den Hafen , an dem sich die Häuser in kräftigen warmen Farben nebeneinander auftürmen. Es gab eine verhältnismäßig große Hauptstraße im Vergleich zu den anderen Dörfern, in der M. und ich uns ein paar Snacks besorgen konnten. Auch die weniger belebten Seitenstraßen, in denen uns schmale Pfade zwischen den verwitterten Häusern auf- und abwärts führten, waren für uns interessant.

Abends fuhren wir die Strecke von Riomaggiore nach Monterosso durch und hatten noch etwas Zeit, bevor wir in den Zug zurück nach Genua umstiegen. Ich freute mich nun auf nichts mehr als auf ein Bad im Meer am Strand von Monterosso. Zu meinem Erstaunen war der Strand immer noch nicht - oder inzwischen nicht mehr- überfüllt, sondern angenehm ruhig. M. setzte sich in den Sand und ich sprang ins Wasser. Nach der vielen körperlichen Anstrengung und nach all den Eindrücken der letzten Stunden empfand ich das Schwimmen im angenehm kühlen Wasser als sehr wohltuend. Meine Kopfschmerzen waren inzwischen vergessen. Außerdem fand ich den Steinstrand wunderschön - tatsächlich mag ich Steinstrände manchmal sogar lieber als Sandstrände- mit den Bergen und der Dorfkulisse Monterossos sowie den Felsen im Wasser. Ja, Cinque Terre, du bist wirklich wunderschön, so wie viele es sagen... 

In den malerischen Bergdörfern der Cinque Terre

Wer unsere Reisen genauer verfolgt, wird mitbekommen, dass M. und ich an Tagen, wo längere Wege gewandert werden, möglichst früh aufstehen. Zum Einen haben wir dadurch insgesamt mehr vom Tag, an dem wir viel sehen möchten, und zum Anderen sind wir dann vor der drückenden Mittagshitze unterwegs. So kam es, dass wir an einem Morgen noch im Dunkeln aus unserem Hotel aufbrachen, um beim nahegelegenen Fernbahnhof nach Cinque Terre zu fahren. Das Praktische an dem Bahnhof in Genua war es, dass wir für kleines Geld (ca. drei Euro für eine halbe Stunde Fahrt in einen Nachbarort) die Orte entlang der ligurischen Küste besuchen konnten. 

Die Cinque Terre gilt als einer schönsten Orte Italiens und besticht durch fünf bunte Bergdörfer, die in den Felsen ans Wasser gebaut sind. Unser Fernzug hielt im ersten Dorf Monterosso. Dort kauften wir eine Karte, in der die Wanderung der Nationalparks der Cinque Terre sowohl beliebig viele Bahnfahrten durch die fünf Dörfer mit inbegriffen waren. 

M. und ich hatten uns entschieden, den Hinweg zu wandern. Schilder wiesen uns daraufhin, dass die Wanderung nur für körperlich fitte Menschen geeignet sei und das Tragen von Flipflops währenddessen unter Strafe stehe. Zwar hatten wir keine professionellen Wanderschuhe dabei, jedoch festes Schuhwerk. Der Wanderweg klang herausfordernd und wir nahmen die Herausforderung an. Zuvor verweilten wir jedoch noch einen Moment in Monterosso. Monterosso hat einen wunderschönen Strand mit Felsen, die aus dem Wasser ragen. Da wir bei Sonnenaufgang dort ankamen, ging ich mit M. an den noch einsamen Strand. In ein paar Stunden, so vermutete ich es, würde er von vielen Leuten belagert sein. 

Von Monterosso aus wanderten wir durch die Berge nach Vernazza. Wir durchquerten Weinanbauflächen, Olivenhaine und Wälder. Zwischendurch blitzte immer mal wieder das Meer weit unten hervor. Es gab sogar auf einem einsamen Weg einen Straßenmusiker, der zu spielen anfing, als wir in Sichtweite waren. 
Nach einer intensiven Wanderung, bei der ich noch ein wenig Kopfschmerzen nach der gestrigen Delfintour unter der Sonne spürte und mich jedoch die Natur ringsum davon ablenkte, kamen die bunten Häuser von Vernazza in Sichtweite. Vernazza ist mir und M. als eines der schönsten Bergdörfer der Cinque Terre in Erinnerung geblieben. Auf dem Wanderweg dorthin fanden wir einen Aussichtspunkt, von dem wir auf die Bucht von Vernazza hinabblicken konnte. Hier nutzte ich die Gelegenheit und schoss unzählige Fotos von den pittoresken Häuschen, eingebettet zwischen Berg und Wasser.  
Vor Ort stärkten wir uns mit etwas Obst, das wir in einem kleinen Obst- und Gemüseladen in den Gassen kauften- die Pfirsiche aus Ligurien sind einfach unbeschreiblich süß und saftig- und liefen den Steg zu dem kleinen Hafen der Bucht lang. Einige Menschen tummelten sich hier bereits, um zu baden, oder saßen einfach in der Sonne. 

Delfine vor Genua

Worauf ich mich am Anfang der Zeit in Genua besonders freute, war die geplante Delfintour, die vom Hafen aus in Genua startete. Da ich es auf keinen Fall verpassen wollte, eine gute Sicht aufs Wasser zu haben, wenn das Boot sich nah bei den Delfinen befand, setzten M. und ich aufs Außendeck statt ins Innere des Schiffs. Schattenplätze gab es nicht, demnach würden wir die nächsten Stunde unter der hell scheinenden Sonne verbringen. Meinen Sonnenhut hatte ich zuhause gelassen, da ich Sorge hatte, bei der windigen Fahrt würde er über Bord geweht werden. Somit cremte ich mich dick ein, als das Boot den Hafen von Genua langsam verließ. 

Auf dem offenen Meer bekamen wir eine Meeresschildkröte zu Gesicht, die ihren Kopf aus dem Wasser reckte. Sie war ziemlich groß für eine Schildkröte wurde auf etwa achtzig Jahre geschätzt. Damit war das Reptil, das unser Schiff aus dunklen Knopfaugen beäugte, fast dreimal so alt wie ich und hatte den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Was für ein verrückter Gedanke. Ich stellte mir vor, dass die Meeresschildkröte schon vor Jahrzehnten auf Boote mit Tourist*innen getroffen war, die ihre Retro-Kameras gezückt hatten, während heute alle ihre Smartphones zückten. Sie musste viel erlebt haben in ihren achtzig Jahren, die Meeresschildkröte. 

Danach verging Stunde und Stunde, bei der M. und ich nur auf die tiefblaue Wasserfläche neben uns blickten und sich allmählich Kopfschmerzen bei mir bemerkbar machten. Auch M. bekam die Hitze allmählich zu spüren, weshalb wir ihm aus dem Inneren des Schiffes eine eiskalte Cola besorgten. Die Delfine waren noch nicht in Sicht, dabei waren wir bereits über vier Stunden auf dem Meer unterwegs. Als auch nach fünf Stunden noch keine gesichtet worden waren und die Delfintour sich von der Dauer allmählich dem Ende zuneigte, kroch etwas Enttäuschung in mir hoch. "Das ist die Natur", sagte M. und da konnte ich ihm nur Recht geben: "Da lässt sich nichts erzwingen. Die Delfine kommen nur, wenn sie es wollen." Und sie kamen tatsächlich. Helle Aufregung machte sich an Bord breit, als eine Delfinschule, eine Gruppe aus Delfinen, neben dem Boot her aus dem Wasser sprang. Die Delfine waren immer für den Bruchteil eine Sekunde zu sehen, wie sie aus dem Wasser sprangen, tauchten dann wieder in die Wellen und sprangen erneut über die glitzernde Wasseroberfläche. M. und ich sowie all die anderen Fahrgäste waren ganz begeistert, sie dabei zu beobachten.

Doch seinen Höhepunkt erreichte das ganze noch ein wenig später, als das Tourboot schon allmählich den Rückweg zum Hafen antrat: Vor dem Schiffbug erschienen plötzlich noch einmal mehrere Delfine. Sie sprangen gleichzeitig aus dem Wasser und schienen offensichtlich großen Spaß an dem zu haben, was sie taten. Sie wirkten unglaublich verspielt. Ein Delfin sauste knapp unter der Wasseroberfläche am Boot entlang, was von uns Fahrgästen über die Reling hinweg mit großer Faszination registriert wurde. Das Warten hatte sich letztendlich doch gelohnt. Erschöpft erreichten M. und ich am frühen Abend den Hafen von Genua. Die Sonne hatte uns zu schaffen gemacht, was sich in den folgenden Stunden noch bemerkbar machen sollte. Doch ich war glücklich, den Delfinen begegnen zu dürfen. Für mich und M. stand als Nächstes eine Pizza Marinara zur Stärkung auf dem Programm.

Es gibt keine Garantie, wann und wo genau wir ihnen begegnen, doch sie dann in ihrem natürlichen Lebensraum erleben zu können, (mehr oder weniger) stille*r Beobachter*in des Geschehens zu sein, ist eine bereichernde Erfahrung. Wenn wir die Wildtiere auf diese Art und Weise beobachten, respektieren wir sie im Gegensatz dazu, wenn wir sie in Delfinarien besuchen. Dort werden sie in viel zu kleinen Becken, die den Meeressäugern verglichen mit der Weite des Ozeans keinen Bewegungsspielraum bieten, gehalten und daran gehindert, ihre natürlichen Bedürfnisse auszuleben. Da mag es nicht verwundern, dass Delfine infolgedessen in Gefangenschaft nicht sehr alt werden. Doch wer Delfine gern aus der Nähe erleben möchte- und zwar, wie sie durchs Wasser pflügen und springen- hat dank Bootsausflügen wie dieser die Möglichkeit dazu. Ich würde jederzeit wieder einen Delfinausflug planen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe



Ankunft in Ligurien: Die Gassen von Genua

Nachdem ich mit meinem Rollkoffer und meinem Sonnenhut, den mir M. letztes Jahr in Sevilla geschenkt hatte, ausgerüstet aus dem sonnigen Verona zurück ins ebenso sonnige Deutschland zurückkehrte, sollte es nur vier Tage dauern, bis M. und ich unsere gemeinsame Italienreise nach Ligurien antraten. Am späten Sonntagabend stiegen wir in den Zug und fuhren die Nacht durch, sodass wir im Laufe des nächsten Tages in Genua ankamen. 

In Genua wartete warmes Wetter auf uns, als wir vom Bahnhof unsere Rollkoffer hinter uns her in Richtung Hotel zogen. 
Das Hotel gefiel uns nicht nur wegen der zentralen Lage, sondern weil es einen winzigen Balkon besaß, auf dem wir sitzen und über die Dächer der etwas hügeligen Stadt blicken konnten. Das nutzten wir die nächsten Tage auch aus.

Bei unserer ersten Erkundungstour streiften wir durch die schmalen Gassen der Innenstadt. Dabei kamen wir am Piazza de Ferrari mit einem prunkvollen Brunnen und dem Palazzo Ducale vorbei und am Kolumbushaus mit den weißen Säulen sowie an viel lebhafter italienischer Gastronomie. Versteckt inmitten der eng gebauten Häusern fanden wir auch den kleinen Piazza San Matteo mit gleich zwei Kirchen und einem Kloster, die sich durch ihre schwarzweiße Farbe auszeichneten. Ich konnte in einem Supermarkt dazwischen wieder das Focaccia entdecken, das ich auch schon in Verona gegessen hatte. M. und ich nahmen beide jeweils eins mit. 

Als wir die engen Gassen verließen, lag der Porto Antico, der alte Hafenabschnitt Genuas vor uns, in dem viele Menschen unterwegs waren. Hier lockte nicht nur der Hafen selbst, sondern auch zahlreiche Cafés, Restaurants und Museen. Hunderte von Booten und Yachten lagen hier vor der Kulisse mit den hellgelben und terracottafarbenen Häusern Genuas. Palmen waren vor dem Porto Antico in einer Reihe gepflanzt und mit Sitzbänken ringsum versehen. Ein antikes Piratenschiff, das eigens für einen Film gebaut worden war, gab es hier ebenfalls aus der Nähe zu sehen. Der Hafen entpuppte sich als einer der Hotspots in Genua, während sich in den Gassen der Altstadt auch viel los war, sich die Menschen jedoch dort noch mehr verteilten.