Montag, 31. Oktober 2022

Zurück aus Ligurien

Bevor ich nach Ligurien gefahren war, hätte ich nicht erwartet, wie bunt diese Region Norditaliens ist und das auch außerhalb der weltweit sehr bekannten Cinque Terre. Für kleines Geld konnten wir mit der Regionalbahn die ligurische Küste entlangfahren. Dabei war es beinahe egal, an welcher Station wir ausstiegen- jeder der Orte war auf einzigartige Art und Weise sehenswert, mit pittoresken Häuschen, mit verschachtelten Gassen und mit Stränden. Genua selbst war als Ort zum Wohnen gut geeignet, weil die italienische Stadt mit einem schönen Stadtbild, einigen Erlebnissen, gutem Essen und guter Anbindung an die Orte ringsum punkten kann.
 
M. und ich waren über eine Woche dort und hatten den Eindruck, die Möglichkeiten, aktiv zu sein in Stadt und Natur, seien nicht so schnell ausgeschöpft. Wir erleben beide gern sehr viel und schätzen die Abwechslung, was uns diese Reise absolut bieten konnte. M. und ich waren wandern, schwimmen, mit dem Boot unterwegs und konnten viele Sonnenaufgänge oder -untergänge miterleben. Dolce Vita als Motto Italiens verstehe ich dabei nicht nur kulinarisch, sondern allgemein als Lebensgefühl. Ganz besonders in Camogli durften M. und ich dies erleben. Im Zug zurück nach Deutschland wussten wir beide, dass es nicht die letzte Reise sein würde, die wir beide zusammen nach Italien unternehmen würden. Ein wenig von dem Lebensgefühl konnten wir in Form von Lebensmitteln mitnehmen - und natürlich in jede Menge Erinnerungen.


Dolce Vita vegana

Die italienische Küche ist weltweit bekannt und hat im alltäglichen Leben oder vielmehr den alltäglichen Mahlzeiten der europäischen Länder Einzug gehalten. Dies ist allein schon an der Beliebtheit von Pizza und Spaghetti mit Tomatensoße bei Groß und Klein erkennbar. Im Gegensatz zu den deutschen Umsetzungen italienischen Essens ist die italienische Küche viel hochwertiger und minimalistischer an Zutaten - und sogar vom Original her oftmals vegan. Milch im Pizzateig und Ei in Nudeln? Fehlanzeige! In Italien ist die vegane Vielfalt größer, als viele zuerst denken würden. M. und ich gönnten uns in einem Restaurant eine Pizza Marinara, eine neapolitanische Pizza mit dickem Rand und dünnem Boden, die traditionell mit Tomatensoße und Basilikum ohne Käse gebacken wird. Eine ganze Pizza Marinara ist in Italien meistens günstig zu haben, in Ligurien lag der Preis zwischen vier und sechs Euro. Der Geschmack übersteigt den von Fertigpizza zudem noch einmal deutlich. 
Essen, das für Norditalien typisch ist, fanden wir in Form von -natürlich- Focaccia und von Farinata. Farinata besteht aus in Olivenöl gebackenem Teig aus Kichererbsenmehl mit Salz und Wasser. Das Essen hat seinen Ursprung in Genua. Was erst nicht sehr spektakulär klingt und für mich von der Optik auch nicht direkt spektakulär aussah, schmeckt absolut köstlich. M. ließ sich von dieser Entdeckung inspirieren und backte die Farinata nach, nachdem er sich bei unserer Rückkehr einen Pizzaofen anschaffte. Für unterwegs besorgten wir uns ab und zu Piadina, die auch im Supermarkt leicht zu finden sind: Dünnes, italienisches Fladenbrot mit Olivenöl im Teig, das zusammengeklappt und mit Essen gefüllt werden kann. Früher galt es als "Cibi de Strada", also Straßenessen oder Arme-Leute-Essen. Doch wenn ich eines auf meinen Reisen gelernt habe, ist es, dass das Straßenessen gerade am besten schmeckt.    
Nahe des Stadtzentrums von Genua befindet sich der Mercato Orientale, den M. und ich bei unserer Streifzüge durch Genua natürlich nicht außer Acht ließen. In dieser Markthalle befinden sich unterschiedlichste Marktstände mit Lebensmitteln- darunter auch Vieles, das das Herz von vegan lebenden Menschen begehrt: Aromatische Tomaten aus der Region, Knoblauch und Chilischoten in großen Reben zusammengefasst und verschiedenes Gebäck, dessen Namen ich mir nicht bis Deutschland merken konnte. Gebäck gibt es auch zum Frühstück in Italien in Form eines Cornetto, das uns auch häufiger begegnete, wenn wir uns morgen Espressi im Café oder in der Bäckerei bestellten, zum Beispiel an unserem Morgen in Camogli. Cornetti sind mit oder ohne Füllung, "Crema pasticcera" zu finden. Das italienische Essen wusste M. und mich während unserer Reise in jedem Fall sehr zu begeistern und ein wenig davon konnten wir, nach dem Besuch des Feinkostladens in Camogli, auch zu uns nachhause mitnehmen.  




Unterwegs in Genua

M. und ich waren während unserer Zeit in Genua viel an der ligurischen Küste unterwegs, um zu wandern und malerische Orte zu erkunden. 
Abends saßen wir oft auf dem kleinen Balkon unseres Hotelzimmers und aßen Kaktusfeigen, die M. bei einem Marktstand neben dem Bahnhof entdeckt hatte. Wir hatten beide noch nie Kaktusfeigen gegessen. Ich aß sie seitdem während der Reise fast jeden Tag, da ich den süßlich-saftigen Geschmack schnell lieben lernte. 
Das änderte sich jedoch, als ich in Bogliasco völlig unbefangen eine Kaktusfrucht von einem Kaktus am Wegesrand pflückte und erst später bemerkte, dass die kleinen pieksigen Stacheln sich nicht so leicht aus meiner Haut entfernen ließen. 
Mein Fazit: Kaktusfrüchte unbedingt probieren, doch lieber vom Markt, weil die Stacheln da größtenteils entfernt wurden, und beim Schälen aufpassen.

Doch an manchen Tagen nutzten wir die Gelegenheit, nicht nur abends in Genua selbst Zeit zu verbringen. Besonders das Centro Storico mit den engen Gassen zwischen Porto Antico und dem Piazza de Ferrari hatte es uns seit dem ersten Abend besonders angetan, weshalb wir immer wieder von der bekannten Fußgängerzone Via Garribaldi durchspazierten, nicht selten mit Focaccia in der Hand. Die Via Garribaldi wurde 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. 
In den engen Gassen fielen uns zudem auch zwischendurch winzig kleine Streetart-Motive ins Auge, kleine, doch ausdrucksstarke Botschaften inmitten der antiken Gebäude zu verschiedenen politischen Themen. Besonders abends mitzubekommen, wie es dämmerte und wie die Stadt in einem apricotfarbenen Abendrot versank, war immer wieder schön. Sowohl von unserem Balkon aus als auch im Centro Storico, wo nach und nach all die Restaurant und Bars öffneten und ein heimeliges Licht nach dem anderen in den immer dunkler werdenden Gassen anging.

Wir gelangten zu einem Park mitten in Genua, in dem ein künstlicher, doch sehr schöner Wasserfall lockte. Der Park Villetta di Negro lag zudem nicht weit von unserer Unterkunft, sodass wir ihn fußläufig erreichten. Hinter dem Wasserfall befand sich eine Art Pavillon, durch den wir hindurchlaufen konnten und somit die innere Seite des Wasserfalls näher in Augenschein nehmen konnten. 
Das Erlebnis ist vielleicht nicht vergleichbar mit einem rauschenden Wasserfall mitten in der Natur, doch ihn einmal gesehen zu haben, war mich auf jeden Fall ein kleines Highlight in der Stadt. 
In dem Park konnten wir ein wenig den Hügel hinauf laufen, von wo aus wir ringsum eine Aussicht auf Genua hatten.

 

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Baden in Bogliasco

Von Bocadasse aus spazierten M. und ich zu einer Bahnstation, von der aus uns die Bahn innerhalb weniger Minuten nach Bogliasco brachte. Wie auch Camogli gehört Bogliasco zum Küstenstreifen des Golfo Paradiso. Der Name wird diesem übrigens gerecht, wie ich finde, denn die ligurische Küste ist wahrhaftig paradiesisch. 

In Bogliasco gibt es eine antike Römerbrücke, die zwischen den bunten Häusern hervorragt, wie sich schon beim Durchqueren mit dem Zug gut erkennen lässt. Zudem gibt es weitere Brücken nahe des Strandes, wovon wir eine überquerten.

Nahe am Wasser entdeckten M. und ich beim Blick von der Straße aus einen "Lost Place", eine abgeblätterte Fassade mit Dachterrasse, die einmal einen Gastronomiebetrieb oder etwas Ähnliches gewesen war. Hierbei konnten M. und ich spekulieren, was sich dort einmal abgespielt haben mochte. 

Auf dem Weg stießen wir auf einen Obsthändler, dem wir zwei pralle, verhältnismäßig große Nektarinen abkauften. Diese stammten direkt von vor Ort und waren somit unter der italienischen Sonne gereift. Beim Essen kam ich zu dem Schluss: Es war die beste Nektarine, die ich je in meinem ganzen Leben gegessen habe. M. war da ähnlicher Ansicht. Leider war der Obstverkäufer weg, als wir einige Zeit später beschlossen, zu seinem Stand zurückzukehren. 

Der Strand und die kleinen Einbuchtungen in den Felsen eignen sich in Bogliasco gut zum Baden, sodass M. und ich an diesem Nachmittag ins Meer sprangen. Auch hier war wieder Steinstrand und das Wasser hatte eine angenehme Temperatur. Es war hier auch niemand in Reichweite, der so etwas wie "Medusa! Medusa", schrie, was "Qualle" bedeutet, wie meine Freundin L. mir nach ihrem letzten Italienurlaub erklärt hatte. Daher hatte ich diesmal auch keine Bedenken, dass sich in unmittelbarer Nähe Feuerquallen tummeln könnten.

Durch das warme Wetter waren M. und ich nach dem Schwimmen im Nu wieder trocken. Ein leichter Sommerregen rieselte auf uns hinab. Es war das erste Mal, dass es während unserer Woche in Ligurien regnete. Dieser dauerte auch nicht sehr lange an. Als wir mit dem Zug in Genua wieder ankamen, hatte es schon längst aufgehört.

Bocadasse im Sonnenaufgang

Wie bestimmt aus zahlreichen meiner Blogbeiträge hervorgegangen ist, liebe ich Sonnenuntergänge und -aufgänge. Dies bewog mich und M., wie so oft an einem der Morgende noch im Dunkeln aufzustehen und von unserem Hotel aus zum Stadtteil Bocadasse in Genua zu laufen. Das ehemalige Fischerdorf zeichnet sich wie viele Orte an der ligurischen Küste durch bunte Häuser aus und ist dennoch wieder anders als das, was M. und ich zuvor in der Umgebung gesehen hatten.

Von der Seite, auf der die Abtei San Giuliaono steht, konnten wir auf das Dorf mit seinem Kieselstrand blicken. Als die Sonne dahinter aufging, war es ganz still in Bocadasse und kaum Menschen waren unterwegs. Ich kann nun nachvollziehen, warum es heißt, hier sei die Zeit stehen geblieben, vor allem, nachdem wir zu so früher Stunde hier angekommen waren. In den kleinen Gassen zwischen den Häusern waren Kakteen angepflanzt und Steintreppen mit Liebe zum Detail errichtet.

Danach war es an der Zeit für einen Espresso. Ich hatte unser Espresso-Ritual inzwischen sehr lieben gelernt. In Bocadasse selbst hatten die Bäckereien und Cafés noch nicht geöffnet, sodass M. und ich wieder ein wenig in Richtung Stadt gingen. Zufällig stießen wir auf eine kleine Bäckerei, die auch vegane Cornetti, Blätterteighörnchen nach ligurischer Art mit Pistaziencreme, im Angebot hatte. Auch hier hätten wir zuerst beim äußeren Betrachten des Ladens nicht damit gerechnet, dass hier etwas Veganes zu finden sei außer unseren Espressi. In Ligurien hatten wir damit bisher immer ziemliches Glück gehabt. 


Dienstag, 25. Oktober 2022

Portofino

Von der Bucht in San Fruttuoso stiegen M. und ich in ein Boot nach Portofino. Den Ort, der von zahlreichen Reisenden angepriesen wird, wollte ich unbedingt kennen lernen. Die kleine italienische Gemeinde, in der reiche Urlauber*innen ihre Yachten stehen haben (M. und ich stellten Überlegungen an, was diese kosten mochten), zeichnet sich durch knallgelbe Villen inmitten der grünen Natur am Berghang aus. Das Wasser davor ist so klar, dass sich hier selbst im Hafen die Fische gut beobachten lassen. 

Als M. und ich im Hafen saßen, tunkte ich meine nackten Füße in das Wasser und sah verschiedenen Fischen dabei zu, wie sie in meiner Nähe umherschwammen. Die Natur, in die Portofino eingebettet ist, kann sich wirklich sehen lassen und auch der Blick, den ich bei der Einfahrt in den Hafen hatte, bot keine schlechte Aussicht.

Mit der Atmosphäre in der belebten Innenstadt Portofinos wurden wir jedoch nicht so ganz warm während unseres Aufenthalts. Die Einkaufsstraße Via Roma war von luxuriösen Läden wie Gucci, Prada etc. und hochpreisiger Luxusgastronomie geprägt. Dies konnte M. und mich, die das einfache, italienische Essen schätzen und keine Markenkleidung kaufen, daher nicht reizen. Allein die Flasche Wasser, die M. kaufte, kostete hier gefühlt ein kleines Vermögen. Nachdem wir an diesem Tag wieder viele Eindrücke gesammelt hatten, entschieden wir uns gegen Abend, die nächste Fähre zurück nach Rapallo zu nehmen und nach Genua zurückzukehren.

Wanderung nach San Fruttuoso

Nach dem Morgen in Camogli ging es für mich und M. wieder in die Berge. Es gibt eine Wanderstrecke zwischen Camogli und dem Kloster in der Bucht von San Fruttuoso, die wir uns vorgenommen hatten. San Fruttuoso ist lediglich per Wanderung oder Schiff erreichbar, Straßen führen nicht dorthin.
Der morgendliche Espresso im Magen gab M. und mir die Energie für den Aufstieg, der über mehrere Treppen und an einzelnen, abgelegenen Grundstücken vorbeiführte. Auf diesen Grundstücken könnten wir einiges an Gewächsen wie Kiwibäume und Auberginenpflanzen entdecken. M. stellte fest, dass es das erste Mal war, dass er einen leibhaftigen Kiwibaum sah. 

Mit der Zeit wurde der Weg immer steiniger und einsamer, auch die Hinweisschilder, die darauf hindeuteten, dass der kommende Weg herausfordernd werden könnte, nahmen zu. Was genau für eine Herausforderung vor uns lag, ahnten wir noch nicht. Es ging abwechselnd durch Wälder und dann wieder außen am Berg entlang, von wo aus wir in der Tiefe das türkisfarbene Wasser der ligurischen Küste glitzern sehen konnten. Da der Weg, der uns nach San Fruttuoso führen sollte, schwer erkennbar war, hielten wir uns an die roten Pfeile, die auf Steine und Bäume gemalt waren. Manchmal passierten wir Wegabschnitte, an denen wir uns an Eisenketten festhielten, um über die steilen Felsen zu gelangen. Für mich war es mit meiner Handtasche über die Schulter teilweise herausfordernd, doch Stück für Stück gelangten wir über den Berg. 

Der weitere Weg, der den Berghang hinunterging, war von Gestrüpp gesäumt, sodass wir uns an einigen Stellen ducken mussten. "Ich sehe den nächsten roten Pfeil nicht", stellte ich nach einiger Zeit des Laufens oder eher Kletterns fest. "Dann lass uns sehen, ob wir ihn finden", sagte M. "Oder wir müssen umkehren." Zunächst hoffte ich, nicht umkehren zu müssen, und schaute beim Weitergehen links und rechts, ob irgendwann doch noch eine Wegmarkierung auftauchte. Doch es kam keine, stattdessen sah ich ringsum nur Gestrüpp. Die Sonne brannte währenddessen vom Himmel und unser Wasservorrat ging stetig zur Neige, ebenso wie meine Energie und gute Laune. Der Weg sah noch lange nicht aus wie ein Weg. Zum Glück war M. noch motivierter als ich und schlug vor, umzukehren. Somit kraxelten wir den Berg wieder hoch und gelangten zurück zu der letzten Eisenkette, an der wir uns ein Stück den Abhang entlang gehangelt hatten. Wir waren nun schon einige Stunden unterwegs und San Fruttuoso hinter dem nächsten Berg laut unserer Einschätzung. 

Wir hatten Glück, dass auf dem weiteren Weg einige Plätze mit wunderschönen Aussichten auf uns warteten, eingebettet zwischen Bergen und Meer. Weit in der Ferne schaukelten bilderbuchhaft einige Boote in der Bucht, die von hier oben winzig erschienen.
Auf dem weiteren Weg war es M., der erschöpft war und unter der Mittagssonne litt, auch wenn wir einige kurze Pausen im Schatten der Bäume einlegten und Focaccia knabberten. Zugleich war meine Laune wieder besser, nachdem wir uns wieder auf dem richtigen Weg befanden, und damit auch meine Energie wieder hergestellt. Der Weg führte rauf und runter über Stock und Stein; sportlich gefordert waren wir damit für heute definitiv. Wir beschlossen, unsere Pausen nicht zu lang zu machen und unsere momentane Energie eher dafür zu nutzen, den restlichen Weg nach San Fruttuoso zu bewältigen. Dort, so war der Plan, würden wir erst einmal entspannen. Ein Wanderer und eine Wanderin kamen uns aus der entgegengesetzten Richtung entgegen. Sie lächelten uns gut gelaunt an und teilten uns mit, dass es ab nun nur noch bergab ginge, um in die Bucht von San Fruttuoso zu gelangen. Wir bedankten uns und zogen weiter. "Die Armen", sagte M., "Ob sie sich darüber im Klaren sind, was für eine Herausforderung nun vor ihnen liegt?". Wir wussten es nicht.

Mittags erreichten wir San Fruttuoso und gönnten uns erst einmal kalte Getränke, die es dort in einem Café zu kaufen gab. Für mich gab es in dem Moment nichts Besseres als eiskaltes, frisches Wasser, wie so oft nach einer langen Wanderung. Kurz danach suchten wir uns einen Platz auf einen der Felsen neben dem Strand. Die Strände in der Bucht zogen ziemlich viele Badegäste an, die es sich hier bequem gemacht hatten, sodass ich es vorzog, mich auf einem der Felsen auszubreiten. M. genoss eine Abkühlung in dem klaren Wasser und ich überlegte, es ihm gleichzutun, als er erfrischt wieder aus dem Wasser stieg. San Fruttuoso ist dafür bekannt, dass auf dem Meeresboden eine riesige Jesusstatue als Andenken an einen verunglückten Taucher steht, die ihre Hände zur Wasseroberfläche erhoben hat. Für Taucher*innen ist diese ein Highlight in dieser Bucht und auch beim Schnorcheln und Schwimmen an der Wasseroberfläche soll es möglich sein, sie zu erkennen. Für manche erscheint der Gedanke an die Statue unter Wasser etwas unheimlich, ich fand es faszinierend. Vielleicht würde ich beim Schwimmen in dem klaren Wasser einen Blick darauf erhaschen?
Als jedoch am Strand ein Aufschrei einer Frau ertönte, die sich im Wasser an einer Feuerqualle verletzt hatte, verwarf ich diesen Gedanken sofort wieder. 
Lieber genoss ich noch ein wenig den Blick auf die malerische Bucht. 

Mittwoch, 19. Oktober 2022

Camogli

Insgesamt konnten M. und ich von Genua die Küste Liguriens Stück für Stück entdecken. Ein malerischer Ort reihte sich an der Küste an den anderen. Einen Ort gibt es allerdings, der uns beide besonders im Gedächtnis und auch im Herzen geblieben ist: Das verträumte Küstenstädtchen Camogli.

Allein der Bahnhof, auf dessen Bahnsteigen Palmen gepflanzt waren, war der Schönste, den ich je gesehen habe. Er war gepflegt, ruhig und bereits von hier aus war das Meer an der Seite zu erahnen. Mit Eiskaffee und einem Fruchtsaft in der Hand spazierten wir die Promenade in Richtung Hafen hinunter. Das Panorama mit der gelben, etwas verwitterten Burg am Meer war allein schon romantisch. Ein paar Leute waren unterwegs, doch es war nicht voll, sondern es herrschte eine entspannte Atmosphäre.

In dem Hafen, der von hellgelben Häusern umrahmt war begegnete uns ein Reiher, der auf einem der Boote thronte. Er posierte wie ein Model in der Sonne und sich dabei von vorbeilaufenden Passant*innen wie uns nicht stören ließ. Zum Model wurde er dann tatsächlich, als ich kurzerhand ein Foto nach dem anderen von ihm aufnahm. M. sprach genau das aus, was ich auch über Camogli dachte: Der kleine, charmante Ort war einfach zum Verlieben. Wir hatten das Gefühl, dass wir stundenlang am Hafen verweilen könnten und den Reiher beobachten konnten, der nun seine weiten Flügel ausbreitete und dabei ein majestätisches Bild abgab.

Bei unserer weiteren Tour von Camogli kletterten wir auf den Felsen hinter der Burg herum und streiften durch die Gassen, in denen die Wäsche zwischen den Hauswänden hoch über uns aufgehangen war und die Treppenstufen zu den Hauseingängen grün bepflanzt waren. 
Irgendwo dazwischen gab es diesen kleinen Feinkostladen, in dem M. einkaufte. Er wollte Italien nach dieser Reise nicht verlassen, ohne ein paar Delikatessen mitgenommen zu haben und wurde nun fündig. Als er sich in dem Laden umschaute, einige Gewürze und regionale Pasta in der Hand hatte, kam die Verkäuferin zu uns, um uns zu beraten.
"Siamo vegani", erklärte ich ihr daraufhin, um sie darauf hinzuweisen, dass M. und ich beide vegan leben. Sie überlegte kurz, dann strahlte sie und zauberte aus dem Regal neben uns einen veganen Pesto hervor. Der wanderte auch direkt zu den Lebensmitteln, die M. kaufen wollte. "Bring mich hier bloß weg", sagte er zu mir, als er seinen Einkauf begutachtete, "Sonst kaufe ich noch den ganzen Laden leer!". "Wenn, dann hast du hier die Gelegenheit", erwiderte ich und ging mit ihm zum Kassentisch, "Nun bist du aber wirklich gut ausgestattet."

Am nächsten Morgen fuhren wir in aller Frühe wieder nach Camogli. Wir hatten ohnehin vor, von hier aus durch den Nationalpark am Meer zum Kloster in der Bucht von San Fruttuoso zu wandern. Davor nutzten wir die Gelegenheit, in Camogli in aller Frühe den Strand entlangzulaufen und draußen einen Espresso zu trinken. M. fand sogar in dem kleinen Barista-Laden, den wir spontan aufgesucht hatten, ein veganes Cornetto. Wir waren beide erstaunt, wie viel dies kleine Städtchen an veganen Optionen aufwies, ohne dass wir gezielt danach gesucht hätten. Es war der perfekte Start in den Tag, an den ich immer wieder gern zurückdenke und M. genauso.

Es gibt Orte, die dich auf merkwürdige Art berühren, obwohl du davor überhaupt nicht damit gerechnet hast, und mit denen du fortan ein Lebensgefühl verbindest, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Jemand anders mag das wiederum ganz anders erleben, das ist individuell verschieden, doch für dich ist dieser eine Ort mit deinen Erinnerungen und Emotionen verknüpft. Einer dieser Orte ist für mich und M. Camogli.

Dienstag, 18. Oktober 2022

Weiter durch den Nationalpark der Cinque Terre


Weiter ging es dann nach Corniglia. Ein Highlight erwartete uns jedoch auf dem Weg dorthin: Als das dritte Dorf der Cinque Terre bereits zu sehen waren, kamen wir an einem kleinen Laden vorbei, der Säfte und Smoothies verkaufte. M. holte sich eine "Granita", eine sorbetartige sizilianische Süßspeise, und ich einen frisch gepressten Orangensaft. Damit setzten wir uns einige Treppenstufen weiter oben auf eine Terrasse mit Ausblick auf das Meer und den Berg, auf dem sich Corniglia befand. M. und ich waren uns einig, dass die besten Momente auf Reisen spontan passieren und dass es oft die kleinen Dinge zwischendurch sind, die sie ausmachen.

In den bunten, verwinkelten Gassen von Corniglia bekamen wir allmählich wieder Durst nach der schweißtreibenden Wanderung und auch etwas Hunger. So beschlossen wir, in einem der Hinterhöfe zu pausieren und bestellten einen eisgekühlten Fruchtsmoothie. Ich entdeckte zudem einen veganen Burger auf der Karte, den sich M. bestellte. Als ihm ein schmaler Teller mit ein paar Rucola- und Salatblättchen sowie einem veganen Burger-Pattie, jedoch ohne Brötchen oder anderen Beilagen, serviert wurde, konnte ich es kaum fassen. "Das ist doch kein Burger!", sagte ich kopfschüttelnd. Das Essen in Cinque Terre konnte uns zwar nicht überzeugen, die Natur und die charmanten Dörfer schon.

Wir wanderten als Nächstes durch die Berge nach Manarola, wo wir am Nachmittag eintrudelten. Das kleine Dorf erschien uns am trubeligsten von allen, was jedoch auch der Uhrzeit geschuldet sein könnte. Unzählige schnatternde Menschen mit Sonnenhüten auf dem Kopf wie ich liefen die Straße zwischen den Cafés entlang, badeten an den Felsen der Bucht und orderten kühle Drinks. Wir suchten uns ein Plätzchen im Schatten und beobachteten des Treiben. Nun wurde uns erst recht bewusst, wie erschöpft wir waren. So entschieden wir, dass wir für das Stück zu dem letzten Dorf, Riomaggiore, in den Zug stiegen.

Riomaggiore sticht besonders durch den Hafen , an dem sich die Häuser in kräftigen warmen Farben nebeneinander auftürmen. Es gab eine verhältnismäßig große Hauptstraße im Vergleich zu den anderen Dörfern, in der M. und ich uns ein paar Snacks besorgen konnten. Auch die weniger belebten Seitenstraßen, in denen uns schmale Pfade zwischen den verwitterten Häusern auf- und abwärts führten, waren für uns interessant.

Abends fuhren wir die Strecke von Riomaggiore nach Monterosso durch und hatten noch etwas Zeit, bevor wir in den Zug zurück nach Genua umstiegen. Ich freute mich nun auf nichts mehr als auf ein Bad im Meer am Strand von Monterosso. Zu meinem Erstaunen war der Strand immer noch nicht - oder inzwischen nicht mehr- überfüllt, sondern angenehm ruhig. M. setzte sich in den Sand und ich sprang ins Wasser. Nach der vielen körperlichen Anstrengung und nach all den Eindrücken der letzten Stunden empfand ich das Schwimmen im angenehm kühlen Wasser als sehr wohltuend. Meine Kopfschmerzen waren inzwischen vergessen. Außerdem fand ich den Steinstrand wunderschön - tatsächlich mag ich Steinstrände manchmal sogar lieber als Sandstrände- mit den Bergen und der Dorfkulisse Monterossos sowie den Felsen im Wasser. Ja, Cinque Terre, du bist wirklich wunderschön, so wie viele es sagen... 

In den malerischen Bergdörfern der Cinque Terre

Wer unsere Reisen genauer verfolgt, wird mitbekommen, dass M. und ich an Tagen, wo längere Wege gewandert werden, möglichst früh aufstehen. Zum Einen haben wir dadurch insgesamt mehr vom Tag, an dem wir viel sehen möchten, und zum Anderen sind wir dann vor der drückenden Mittagshitze unterwegs. So kam es, dass wir an einem Morgen noch im Dunkeln aus unserem Hotel aufbrachen, um beim nahegelegenen Fernbahnhof nach Cinque Terre zu fahren. Das Praktische an dem Bahnhof in Genua war es, dass wir für kleines Geld (ca. drei Euro für eine halbe Stunde Fahrt in einen Nachbarort) die Orte entlang der ligurischen Küste besuchen konnten. 

Die Cinque Terre gilt als einer schönsten Orte Italiens und besticht durch fünf bunte Bergdörfer, die in den Felsen ans Wasser gebaut sind. Unser Fernzug hielt im ersten Dorf Monterosso. Dort kauften wir eine Karte, in der die Wanderung der Nationalparks der Cinque Terre sowohl beliebig viele Bahnfahrten durch die fünf Dörfer mit inbegriffen waren. 

M. und ich hatten uns entschieden, den Hinweg zu wandern. Schilder wiesen uns daraufhin, dass die Wanderung nur für körperlich fitte Menschen geeignet sei und das Tragen von Flipflops währenddessen unter Strafe stehe. Zwar hatten wir keine professionellen Wanderschuhe dabei, jedoch festes Schuhwerk. Der Wanderweg klang herausfordernd und wir nahmen die Herausforderung an. Zuvor verweilten wir jedoch noch einen Moment in Monterosso. Monterosso hat einen wunderschönen Strand mit Felsen, die aus dem Wasser ragen. Da wir bei Sonnenaufgang dort ankamen, ging ich mit M. an den noch einsamen Strand. In ein paar Stunden, so vermutete ich es, würde er von vielen Leuten belagert sein. 

Von Monterosso aus wanderten wir durch die Berge nach Vernazza. Wir durchquerten Weinanbauflächen, Olivenhaine und Wälder. Zwischendurch blitzte immer mal wieder das Meer weit unten hervor. Es gab sogar auf einem einsamen Weg einen Straßenmusiker, der zu spielen anfing, als wir in Sichtweite waren. 
Nach einer intensiven Wanderung, bei der ich noch ein wenig Kopfschmerzen nach der gestrigen Delfintour unter der Sonne spürte und mich jedoch die Natur ringsum davon ablenkte, kamen die bunten Häuser von Vernazza in Sichtweite. Vernazza ist mir und M. als eines der schönsten Bergdörfer der Cinque Terre in Erinnerung geblieben. Auf dem Wanderweg dorthin fanden wir einen Aussichtspunkt, von dem wir auf die Bucht von Vernazza hinabblicken konnte. Hier nutzte ich die Gelegenheit und schoss unzählige Fotos von den pittoresken Häuschen, eingebettet zwischen Berg und Wasser.  
Vor Ort stärkten wir uns mit etwas Obst, das wir in einem kleinen Obst- und Gemüseladen in den Gassen kauften- die Pfirsiche aus Ligurien sind einfach unbeschreiblich süß und saftig- und liefen den Steg zu dem kleinen Hafen der Bucht lang. Einige Menschen tummelten sich hier bereits, um zu baden, oder saßen einfach in der Sonne. 

Delfine vor Genua

Worauf ich mich am Anfang der Zeit in Genua besonders freute, war die geplante Delfintour, die vom Hafen aus in Genua startete. Da ich es auf keinen Fall verpassen wollte, eine gute Sicht aufs Wasser zu haben, wenn das Boot sich nah bei den Delfinen befand, setzten M. und ich aufs Außendeck statt ins Innere des Schiffs. Schattenplätze gab es nicht, demnach würden wir die nächsten Stunde unter der hell scheinenden Sonne verbringen. Meinen Sonnenhut hatte ich zuhause gelassen, da ich Sorge hatte, bei der windigen Fahrt würde er über Bord geweht werden. Somit cremte ich mich dick ein, als das Boot den Hafen von Genua langsam verließ. 

Auf dem offenen Meer bekamen wir eine Meeresschildkröte zu Gesicht, die ihren Kopf aus dem Wasser reckte. Sie war ziemlich groß für eine Schildkröte wurde auf etwa achtzig Jahre geschätzt. Damit war das Reptil, das unser Schiff aus dunklen Knopfaugen beäugte, fast dreimal so alt wie ich und hatte den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Was für ein verrückter Gedanke. Ich stellte mir vor, dass die Meeresschildkröte schon vor Jahrzehnten auf Boote mit Tourist*innen getroffen war, die ihre Retro-Kameras gezückt hatten, während heute alle ihre Smartphones zückten. Sie musste viel erlebt haben in ihren achtzig Jahren, die Meeresschildkröte. 

Danach verging Stunde und Stunde, bei der M. und ich nur auf die tiefblaue Wasserfläche neben uns blickten und sich allmählich Kopfschmerzen bei mir bemerkbar machten. Auch M. bekam die Hitze allmählich zu spüren, weshalb wir ihm aus dem Inneren des Schiffes eine eiskalte Cola besorgten. Die Delfine waren noch nicht in Sicht, dabei waren wir bereits über vier Stunden auf dem Meer unterwegs. Als auch nach fünf Stunden noch keine gesichtet worden waren und die Delfintour sich von der Dauer allmählich dem Ende zuneigte, kroch etwas Enttäuschung in mir hoch. "Das ist die Natur", sagte M. und da konnte ich ihm nur Recht geben: "Da lässt sich nichts erzwingen. Die Delfine kommen nur, wenn sie es wollen." Und sie kamen tatsächlich. Helle Aufregung machte sich an Bord breit, als eine Delfinschule, eine Gruppe aus Delfinen, neben dem Boot her aus dem Wasser sprang. Die Delfine waren immer für den Bruchteil eine Sekunde zu sehen, wie sie aus dem Wasser sprangen, tauchten dann wieder in die Wellen und sprangen erneut über die glitzernde Wasseroberfläche. M. und ich sowie all die anderen Fahrgäste waren ganz begeistert, sie dabei zu beobachten.

Doch seinen Höhepunkt erreichte das ganze noch ein wenig später, als das Tourboot schon allmählich den Rückweg zum Hafen antrat: Vor dem Schiffbug erschienen plötzlich noch einmal mehrere Delfine. Sie sprangen gleichzeitig aus dem Wasser und schienen offensichtlich großen Spaß an dem zu haben, was sie taten. Sie wirkten unglaublich verspielt. Ein Delfin sauste knapp unter der Wasseroberfläche am Boot entlang, was von uns Fahrgästen über die Reling hinweg mit großer Faszination registriert wurde. Das Warten hatte sich letztendlich doch gelohnt. Erschöpft erreichten M. und ich am frühen Abend den Hafen von Genua. Die Sonne hatte uns zu schaffen gemacht, was sich in den folgenden Stunden noch bemerkbar machen sollte. Doch ich war glücklich, den Delfinen begegnen zu dürfen. Für mich und M. stand als Nächstes eine Pizza Marinara zur Stärkung auf dem Programm.

Es gibt keine Garantie, wann und wo genau wir ihnen begegnen, doch sie dann in ihrem natürlichen Lebensraum erleben zu können, (mehr oder weniger) stille*r Beobachter*in des Geschehens zu sein, ist eine bereichernde Erfahrung. Wenn wir die Wildtiere auf diese Art und Weise beobachten, respektieren wir sie im Gegensatz dazu, wenn wir sie in Delfinarien besuchen. Dort werden sie in viel zu kleinen Becken, die den Meeressäugern verglichen mit der Weite des Ozeans keinen Bewegungsspielraum bieten, gehalten und daran gehindert, ihre natürlichen Bedürfnisse auszuleben. Da mag es nicht verwundern, dass Delfine infolgedessen in Gefangenschaft nicht sehr alt werden. Doch wer Delfine gern aus der Nähe erleben möchte- und zwar, wie sie durchs Wasser pflügen und springen- hat dank Bootsausflügen wie dieser die Möglichkeit dazu. Ich würde jederzeit wieder einen Delfinausflug planen, wenn ich die Möglichkeit dazu habe



Ankunft in Ligurien: Die Gassen von Genua

Nachdem ich mit meinem Rollkoffer und meinem Sonnenhut, den mir M. letztes Jahr in Sevilla geschenkt hatte, ausgerüstet aus dem sonnigen Verona zurück ins ebenso sonnige Deutschland zurückkehrte, sollte es nur vier Tage dauern, bis M. und ich unsere gemeinsame Italienreise nach Ligurien antraten. Am späten Sonntagabend stiegen wir in den Zug und fuhren die Nacht durch, sodass wir im Laufe des nächsten Tages in Genua ankamen. 

In Genua wartete warmes Wetter auf uns, als wir vom Bahnhof unsere Rollkoffer hinter uns her in Richtung Hotel zogen. 
Das Hotel gefiel uns nicht nur wegen der zentralen Lage, sondern weil es einen winzigen Balkon besaß, auf dem wir sitzen und über die Dächer der etwas hügeligen Stadt blicken konnten. Das nutzten wir die nächsten Tage auch aus.

Bei unserer ersten Erkundungstour streiften wir durch die schmalen Gassen der Innenstadt. Dabei kamen wir am Piazza de Ferrari mit einem prunkvollen Brunnen und dem Palazzo Ducale vorbei und am Kolumbushaus mit den weißen Säulen sowie an viel lebhafter italienischer Gastronomie. Versteckt inmitten der eng gebauten Häusern fanden wir auch den kleinen Piazza San Matteo mit gleich zwei Kirchen und einem Kloster, die sich durch ihre schwarzweiße Farbe auszeichneten. Ich konnte in einem Supermarkt dazwischen wieder das Focaccia entdecken, das ich auch schon in Verona gegessen hatte. M. und ich nahmen beide jeweils eins mit. 

Als wir die engen Gassen verließen, lag der Porto Antico, der alte Hafenabschnitt Genuas vor uns, in dem viele Menschen unterwegs waren. Hier lockte nicht nur der Hafen selbst, sondern auch zahlreiche Cafés, Restaurants und Museen. Hunderte von Booten und Yachten lagen hier vor der Kulisse mit den hellgelben und terracottafarbenen Häusern Genuas. Palmen waren vor dem Porto Antico in einer Reihe gepflanzt und mit Sitzbänken ringsum versehen. Ein antikes Piratenschiff, das eigens für einen Film gebaut worden war, gab es hier ebenfalls aus der Nähe zu sehen. Der Hafen entpuppte sich als einer der Hotspots in Genua, während sich in den Gassen der Altstadt auch viel los war, sich die Menschen jedoch dort noch mehr verteilten.

Die letzten Stunden in Mailand und Verona


Z. und ich ließen uns während der Zeit in Mailand rund um die Kathedrale durch die Straßen treiben und sammelten viele Eindrücke in der lebhaften, flirrenden Großstadt. Den Tag danach war sie etwas erschöpft von der Hitze, sodass ich sie mitsamt unseres Gepäcks in ein Café innerhalb des Bahnhofs begleitete. Dann zog ich noch für einen letzten Rundgang durch Mailand auf eigene Faust los, bevor wir unseren letzten Abend wieder in Verona verbringen würden. 

Bei meinem Spaziergang konnte ich noch einige moderne Ecken der Großstadt entdecken, die sich fußläufig vom Zentrum entfernt befanden. Zum Beispiel die über und über mit Grünpflanzen bewachsenen Türme, den Bosco Verticale, was so viel wie "senkrechter Wald" bedeutet. Hier befinden sich etwa 900 (!) Bäume am Haus. Somit sieht das Hochhaus von Weitem tatsächlich sehr grün aus.

Im Stadtviertel Porta Garibaldi kaufte ich mir ein paar Pfirsiche, die ganz regional aus der Umgebung stammten und dementsprechend aromatisch waren - habe ich schon erwähnt- wie sehr ich Obst im Allgemeinen liebe? Weiter ging es die Einkaufsstraße mit dem städtischen Triumphbogen und zahlreichen Einkehrmöglichkeiten entlang. Besonders gefielen mir die Hinterhöfe des Viertels, die hinter verschnörkelten Toren zu erspähen und meistens mit viel Liebe zum Detail bepflanzt waren. An den Hochhäusern ringsum konnte ich einige riesige Streetart-Fassaden entdecken, unter anderem mit politischen Botschaften wie zum Thema Frauenrechte usw..


Den Nachmittag ließen Z. und im Café des Bahnhofs ausklingen, von dem wir noch einmal die gelbe Tram durch die Fensterscheiben vorbeiziehen sehen konnten. Wenig später ging es für uns mit dem Zug zurück nach Verona. Dort flanierten wir noch einmal am Kolosseum vorbei und setzten uns nicht weit entfernt vom Haus der Julia in ein Café am Marktplatz. In einem einheimischen Supermarkt deckten wir uns noch für die Rückfahrt mit Focaccia und anderem Gebäck sowie regionalen Tomaten und Delikatessen ein, die Z. ihrer Familie mitbringen wollte.

In Mailand können Großstadt- und natürlich Modefans auf ihre Kosten kommen, doch wer das typisch italienische Flair in charmanten, kleinen Gassen sucht, den wird Verona als Reiseziel ansprechen. Beide Städte sind leicht von Deutschland aus zu erreichen und sind gut angebunden. Wenn man wie wir im Zug sitzt, kann auf der Fahrt noch der wunderschönen Ausblick auf die Bergwelt der Alpen erlebt werden. Diesen hatten wir auf unserer Rückfahrt zum zweiten Mal.


Samstag, 15. Oktober 2022

Mailand: Zwischen Kathedrale und Luxusgeschäften

Als ganz anders als das verträumte Verona mit seinen schmalen, terracottafarbenen Gassen entpuppte sich die norditalienische Großstadt Mailand. Die Stadt war trubeliger und lauter, das Großstadtfeeling war hier deutlich spürbar. Ich konnte am Bahnhof einige gelbe Straßenbahnen entdecken, die einen absoluten Hingucker darstellten. Z. und ich brauchten keine zwei Stunden mit der italienischen Fernbahn in die zweitgrößte Stadt Italiens. Das Wetter war bereits am frühen Mittag sehr heiß. 

Da Z. noch nicht gefrühstückt hatte, während mein Magen schon mit Focaccia gefüllt war, gingen wir in ein Café nahe des Bahnhofs. Zu meiner Freude standen auch einige vegane Speisen auf der Karte. Z. bestellte sich einen Frühstücksteller und ich bestellte mir einen Cappuccino mit Hafermilch. Als ich an diesem nippte, wunderte ich mich zuerst über den seltsamen Geschmack und fragte beim Kellner nach. Dieser versicherte mir jedoch, dass der Cappuccino mit Hafermilch sei. Wenig später eilte er zum Tisch und wies mich daraufhin, dass Kuhmilch in dem Cappuccino sei. Das erklärte den merkwürdigen Geschmack. Ich musste erst einmal würgen und rannte zur Toilette, wo ich mich am liebsten vor lauter Ekel und Scham übergeben hätte. Vorher war mir, die seit rund zehn Jahren keine tierischen Produkte zu sich genommen hatte, das noch nicht passiert, dass mir jemand Kuhmilch statt Pflanzlich in den Kaffee kippte.

Nachdem mir einen Abend später in Verona in einem Café am Marktplatz nochmal das Gleiche passieren sollte, ich aber sofort ahnte, dass es sich um Kuhmilch handelte, beschloss ich, von nun an nie wieder in Italien Kaffee mit Hafermilch zu bestellen. Espresso tat es schließlich auch. Nach dem Zwischenfall in Mailand lagen meine Nerven dementsprechend etwas blank, als wir im Hotel eincheckten. Z. war so lieb und versuchte, mich zu trösten. Sie konnte meine Niedergeschlagenheit gut nachvollziehen, da sie selbst aufgrund ihrer Religion halal lebt und keinen Alkohol trinkt. "Ich glaube, das liegt daran, dass die Menschen in ihrer Mentalität hier alles etwas lockerer sehen", sagte sie, "Das führt dann leider auch mal dazu, dass sie sich dann weniger Kopf um solche Dinge machen und dir am Ende Kuhmilch geben statt das, was du eigentlich wolltest." Als mir der Kellner in Verona dann ein neues Getränk brachte, konnte ich hinter dem Tresen beobachten, wie mir Sojamilch eingefüllt wurde und nicht etwa Hafermilch- doch immerhin hatte ich nun etwas Pflanzliches bekommen, sodass ich mich nicht weiter beschweren wollte.

Was in Mailand natürlich nicht fehlen durfte, war eine Fahrt zum imposanten Mailänder Doms und der daneben liegenden Galleria Vittorio Emmanuele mit den zahlreichen Luxusgeschäften. Das Einkaufszentrum wurde nach dem König Viktor Emanuel II benannt. Mit dem Bus gelangten wir dorthin, nachdem wir vergeblich einen Automaten für die Fahrscheine gesucht hatten, jedoch dann netterweise von dem Busfahrer ins Hintere des Busses durchgewunken wurden. Schon beim Aussteigen, waren die weißen Spitzen der weißen Kathedrale unverkennbar. Da verstand ich, weshalb es beinahe insgesamt beinahe sechs Jahrhunderte gedauert hatte, das Bauwerk in all seiner detailreichen Verzierung fertigzustellen. Der Dom war gut besucht, dass wir beschlossen, die lange Wartezeit zum Anstehen hierfür nicht auf uns zu nehmen, sondern dafür lieber den Platz vor dem Dom zu erkunden: Darunter auch die Galleria Vittorio Emmanuelle II.

Die Galleria Vittorio Emmanuelle II wirkte auf mich sehr glamourös und passend zu den vorhandenen Luxusgeschäften wie Victoria's Secret und Gucci. Sie war ein Hingucker, selbst wenn wir nicht vorhatten, hier Geld zu lassen- außer für ein Eis vielleicht. Es tummelten sich unglaublich viele Menschen hier und vor einem Eisladen am Eingang befand sich eine lange Schlange. Bei genauerem Hinsehen sah ich auch, warum: Es wurde nicht einfach irgendein Eis verkauft, sondern Eiskugeln, die in Form von Rosenblüten modelliert wurden. Das gerechtfertigte den Preis von ungefähr sechs Euro für eine Kugel in der Eiswaffel. Vegane Optionen, wie Himbeere und Mango als Eissorten gab es auch dabei. Z. gönnte sich eines der Eis-Kunstwerke und während wir uns der Schlange einreihten, hatte ich die Gelegenheit, die Einkaufsgalerie etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Ich hatte gelesen, dass die Galerie zu den ältesten Einkaufszentren der Welt gehört. Auf dem Mosaikboden war ein Stier abgebildet, der fast durch die Massen an Menschen verdeckt wurde. Die meisten davon, so erschien es mir, waren wegen der rosenförmigen Eiskugeln hierhergekommen.

Verona

Stundenlang raste der ICE durch Deutschland und die Temperatur im Zug wurde Stück für Stück immer wärmer, sodass ich mir meine Jeansjacke irgendwann auszog. Nun warteten noch wärmere Temperaturen auf mich als im sommerlichen Norddeutschland und im rauen Klima Schottlands. Beim Umstieg in München holten wir uns einen Kaffee und stiegen dann in den österreichischen Zug, der uns ins norditalienische Verona brachte. Die Strecke führte uns unter anderem durch Innsbruck, das mir durch M.'s und meinen Trip vom letzten Jahr etwas vertraut vorkam. Z. und ich lasen während der Zugfahrt und hörten Musik, doch je bergiger die Landschaft wurde, desto mehr Zeit verbrachten wir damit, neugierig aus dem Fenster zu schauen. Als es dunkel wurde, erreichten wir die Endstation: Verona.

Schon auf der Fahrt zu unserem Hotel konnten wir aus dem Fenster des Busses einen Blick auf das beleuchtete Amphitheater erhalten, in dem regelmäßig Opern unter freiem Himmel stattfinden. Das Amphitheater liegt im Zentrum der Stadt, sodass wir an den folgenden Tagen dort immer wieder vorbeikommen sollten. Am letzten Abend bekamen wir sogar die Gelegenheit, ein wenig der Musik zu lauschen, die aus dem Inneren des Amphitheaters drang. 

Die meisten kennen Verona als Schauplatz von Shakespeares Liebesdrama "Romeo und Julia". Es gibt in der Altstadt ein Wohnhaus aus dem 14. Jahrhundert, das als "Haus der Julia" gilt, auch wenn die Geschichte um Romeo und Julia frei erfunden ist. Der Hype um das Liebespaar lockt viele Tourist*innen nach Verona. Dort gibt es einen Balkon, bei dem die Geschichte, dass Julia darauf auf ihren Romeo gewartet hat, leibhaftig vorstellbar wird. Zudem gibt es in dem kleinen Hof, in dem sich zahlreiche Menschen mit ihren Kameras tummeln, eine Statue von Julia. Der Hof war an sich ziemlich charmant und so versteckt, dass Z. und ich zuerst daran vorbeiliefen. Eine Wand schillerte komplett in rot, da sie über und über mit Liebesschlössern in Herzform behangen war. Die anderen Wände waren mit Hinweisen versehen, dass keine Schriftzüge draufgekritzelt werden dürften und die Bauten der Stadt respektiert werden sollten. 

Daher gab es die Wand, die auch aus dem Hollywoodfilm "Briefe an Julia" vorkommt, nicht mehr. An diese waren früher mehrere Liebesbriefe oder Wünsche, die im Bezug auf Liebe an Julia gerichtet wurden, gepinnt. Z. und ich spazierten durch die Innenräume des Hauses, die uns Shakespeares Theaterstück durch ein paar alte Roben sowie ausgestellte Exemplare des Drehbuchs greifbar machen sollten, und durften dabei auch einmal auf den Balkon der Julia treten.

In Verona verbrachten Z. und ich viel Zeit damit, durch die roten, in warmen Farben gehaltenen Gassen der Stadt zu laufen und in süßen Straßencafés zu sitzen. Zwischendurch war es so warm, dass wir einfach im Schatten verweilten und langsam durch die Stadt treiben ließen. Die romantische Atmosphäre lädt auch dazu ein, an manchen Aussichtspunkten, wie oben auf dem Hügel über der Stadt, bei einem kalten Getränk zu sitzen und auf die roten Dachziegeln und das Labyrinth aus Gassen, durch die gerade mal so ein Auto hindurchpasst, hinunterzuschauen. Norditalien ist zudem der Ursprung des beliebten Focaccias. Da ich sogar in einem Supermarkt welches finden konnte, das als vegan gekennzeichnet war (Achtung: Das Originalrezept ist nämlich mit Schweineschmalz!), ernährte ich mich während unseres Urlaubs hauptsächlich davon. Es gab Variationen mit Zwiebeln, Tomaten oder Oliven, sodass ich mich durch die verschiedenen Sorten durchprobierte. Z. war ebenfalls sehr neugierig auf die italienische Küche. In einem veganen Restaurant in der Nähe des Flusses bestellte sie sich das erste Mal, seit wir hier waren, zum Abendessen Nudeln. Das waren dann auch die Speisen, die ich in Norditalien überall finden konnte und an die ich mich gut erinnern kann: Pasta und Focaccia.

Nach Bella Italia

Sobald ich Ende Juli aus Schottland zurückkehrte und mich mit M. zuhause einen Tag von der Rückreise ausruhte, stand zusammen mit Z. schon bald danach der nächste Trip an: Wir wollten zusammen mit dem Zug nach Verona fahren. 
Z. hat diesen Reiseblog schon lange verfolgt und jede einzelne meiner vergangenen Reisen gefeiert. Diesen Sommer äußerte sie den Wunsch, einmal mit mir nach Italien zu fahren, wo sie noch nie gewesen war und was für sie ein Sehnsuchtsland darstellte, genau wie für meinen Freund M.. 
"Ich hätte total Lust, nach Verona zu fahren", sagte sie, als wir zusammen einen Kaffee trinken gingen. "Gut", erwiderte ich, "Dann fahren wir nach Verona." 
Auch M. hatte in der Zeit, in der ich frei hatte, ein paar Tage Urlaub, kurz nachdem ich aus Verona zurückkommen würde. 


"Wir können die Gelegenheit nutzen und auch nochmal zusammen wegfahren", schlug ich vor. "Recherchier doch mal und such dir was aus." 
Als ich in den nächsten Tagen nachhause kam, wartete M. sehr gut gelaunt auf mich und ich konnte ihm ansehen, dass er etwas auf dem Herzen hatte. So war es dann auch. "Ich hab mal bisschen recherchiert", sagte er, "Und hab gesehen, wie schön Ligurien ist. Wie schön die ganze Umgebung von Genua ist." Also buchten wir eine Unterkunft in Genua sowie die Zugfahrten hin und zurück. 
"Italien geht immer", sagte L. zu mir, als ich ihr von den Reiseplänen diesen Sommer berichtete, und die selbst auch schon mit ihrer italienischen Freundin dort herumgereist war. Mein Umfeld hatte mich mit der Begeisterung für Italien so sehr angesteckt, dass ich das auch glaubte.

Freitag, 14. Oktober 2022

Eine Nacht in Köln


Als wir am letzten Tag vom Bahnhof in Brighton aufbrachen, stand uns noch ein letztes Abenteuer auf dieser Reise bevor: Die Rückreise. Die würde etwas länger werden als meine Hinreise, da wir von London aus den Bus nahmen und nicht mit dem Zug durch den Eurotunnel fuhren. Stattdessen fuhr unser Bus nach Dover und auf eine Fähre hinauf, die uns nach Frankreich bringen sollte. Auf der Fähre konnten wir aussteigen und zusehen, wie wir uns immer mehr von den kreideweißen Steilklippen von Dover entfernten. Ich war erleichtert, dass trotz des anfänglichen Chaos am Busbahnhof in London mit den Anschlüssen bisher alles gut geklappt hatte.

Nach der Überfahrt ging es mit dem Bus weiter nach Brüssel, einer der Umsteigebahnhöfe, an denen ich schon bei mehreren Reisen vorbeigekommen war. Von Brüssel aus fuhr ein Zug nach Köln, wo wir am späten Abend ankamen und es bereits dunkel war. Die letzten Jahre bin ich immer mal wieder in Köln gewesen und habe die Stadt in der Zeit sehr schätzen gelernt, mit der Brücke über die Donau und den zahlreichen Einkehrmöglichkeiten in der Altstadt. Da unser Anschlusszug erst am frühen Morgen fuhr, versuchten wir ein Restaurant oder eine Bar zu finden, die an einem Sonntagabend lange geöffnet hatte. Wir fanden eine am Donauufer, die immerhin bis kurz nach Mitternacht offen war.

 Für die späte Uhrzeit war es noch unglaublich warm, sodass wir uns beide erstmal kühle Getränke genehmigten. Obwohl wir schon lange auf den Beinen waren, waren wir noch hellwach. Mir war bewusst, dass sich meine Müdigkeit spätestens dann bemerkbar machen würde, wenn ich wieder zuhause war, und ich dann einiges an Schlaf nachholen würde. Als der Laden schloss, hatten wir immer noch etwas Zeit, bis unser Zug abfuhr, und schlenderten mit unserem Gepäck um den beleuchteten Kölner Dom, der mir durch meine bisherigen Kölnbesuche sehr vertraut erschien. Um diese Uhrzeit war ich noch nicht hier gewesen und L. war fasziniert, den Kölner Dom bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen - auch wenn es eine ungewöhnliche Uhrzeit war. Sobald wir im ICE saßen und der Morgen wenig später langsam dämmerte, dösten wir noch ein wenig, bis wir in unserer Heimatstadt ankamen. Beim Abschied am Bahnhof wussten wir beide, dass wir zuhause als Nächstes viel von unseren Eindrücken zu erzählen hatten, worauf wir uns als Nächstes freuten.

Vegan in Großbritannien

Beim Einkaufen in den Supermärkten in England und Schottland fiel mir auf, dass viele Produkte zu meiner großen Freude als vegan gekennzeichnet wurden. Selbst inmitten der Highlands bekamen L. und ich Hafermilch zu unserem Black Tea. In dem Supermarkt in Portree waren die Bagels, die wir kauften, mit dem Hinweis versehen, sie seien vegan. So erging es mir auch in Liverpool. Die Supermärkte hatten eine reiche Auswahl an Pflanzendrinks, Brotaufstrichen und veganen Gebäckwaren. Jedes Café, in das ich hineinspazierte, ohne mich großartig vorher über die Speisekarte zu informieren, hatte auf der Karte mehr als ein veganes Gericht sowie die rein pflanzlichen Optionen markiert.

Als Paradies des veganen Lebensstils entpuppte sich letztlich Brighton. Als mein Freund M. für mich zuhause nachschaute, wie es mit veganen Restaurants und Cafés aussah, wurden ihm innerhalb des Zentrums rund um die North Lane eine Dichte veganer Läden und Restaurants angezeigt. 
Als ich durch die Straßen der Innenstadt schlenderte, stieß ich sogar unweit der North Lane auf einen rein veganen Schuhladen - das ist etwas, was es äußerst selten gibt. Auch die Naturkosmetikkette "The Body Shop" wurde von einer Einheimischen in Brighton gegründet. Veganer*innen werden es bei Reisen durch Großbritannien allgemein nicht schwer haben. Brighton lohnt sich meiner Erfahrung nach aus vielen Gründen und die vegane Szene ist einer davon.

Action in Brighton

Wie ich im letzten Blogbeitrag schon feststellen konnte, gibt es in Brighton sehr viel an Action und kuriosen Dingen zu erleben. Sogar einen kleinen Walk of Fame gibt es beim Brighton Marina. Dorthin fuhren wir mit der Volk's Electric Railway, der ältesten elektrischen Bahn der Welt, die an eine Bimmelbahn in Freizeitparks erinnert. 

Sie war zu den Seiten hin offen und führte den kompletten Weg über am Strand entlang. Beim Brighton Marina wartete eine ungeplante Dusche auf uns, als uns beim Laufen über einen Steg eine Welle über die Brüstung entgegenschwappte. Einen Moment waren wir etwas verblüfft, doch wussten, dass wir in der warmen Sonne blitzschnell wieder trocknen würden.

Als wir den Pier mit den zahlreichen Clubs und Beach Bars entlangliefen, stolperten wir fast in eine Meerjungfrauen-Party hinein, auf der die Frauen glitzernde Partykleider und jede Menge Schmuck im Haar oder bunte Perücken trugen. Ein großes Schild an der Seite deutete daraufhin, dass es sogar eine Meerjungfrauenparade gegeben hatte. L. deutete meinen Blick richtig, dass mich das durchaus auch gereizt hätte. Früher hatte ich das Meerjungfrauen-Kostüm auch gern als Verkleidung beim Karneval gewählt. Fast-Food-Buden, darunter auch viele mit veganen Optionen, reihten sich an bunte Strandhäuser. An dem Steinstrand befanden sich einige Liegen mit Badegästen, während von einem Festival Musik hinübertönte, doch der Strand war trotzdem nicht überlaufen. 

Im Zentrum besuchten wir einen riesigen Vintage-Laden, der einhergeht mit der nostalgischen Atmosphäre der Stadt, und konnten viele süße, pastellfarbene Straßencafés ausmachen. Dahinter befand sich der "Royal Palace", der von der Architektur etwas an den Taj Mahal erinnert.

Der Palast von George IV., der für seinen extravaganten Lebensstil bekannt war, erweckte zuerst nicht den Anschein, dass wir uns in England befanden. Dies sollte jedoch nicht das einzige ungewöhnliche Bauwerk bleiben, das wir an diesem Tag entdeckten: Am Strand gibt es ein kleines Upside Down House in hellblau, ein Haus, das auf dem Kopf steht. Darin Fotos zu machen, ist ein absolut witziges Erlebnis. Im Gegensatz zu anderen Upside Down Houses war auch der Fußboden leicht schräg, sodass es eine Herausforderung war, hindurch zu spazieren. Hier drinnen einen Kopfstand zu machen, stellte sich für mich genauso als nicht einfach heraus.

Wir fanden am Nachmittag einen Pavillon direkt am Meer, der einem Disneyfilm hätte entsprungen sein können. L. wird dieser besonders im Gedächtnis bleiben, denn als wir dort verweilten, sprach uns ein aus Schottland stammender Mann an und forderte sie zum Tanzen auf. Vielleicht hatte er geahnt, dass sie in ihrer Freizeit gern Paartänze einübt, und hatte nun Glück. Der Pavillon eignete sich aber auch wirklich als Ort zum Tanzen, fand ich. 
"Das werde ich meinen Enkelkindern später mal erzählen", beschloss L. später, als wir abends beim Palace Pier saßen und etwas aßen. "Dass ich in diesem Pavillon mit einem Schotten getanzt habe." Wir beide prusteten vor Lachen.


Brighton: Nostalgisches Feeling am Meer

Die Stadt Brighton hatten L. und ich für unsere Route zurück gewählt. Wir nahmen in Edinburgh den Zug und stiegen in London um, wovon aus wir etwa eine Stunde hinab zur Südküste Englands nach Brighton fuhren. Brighton ist ein Stadt, die mit ihrem historischen Pier, dem langen Steinstand und einer bunten, kreativen Streetart-Szene noch ganz anders ist als die Orte, die wir kurz zuvor in Schottland erlebt hatten.

Auf dem Weg zur Unterkunft zückte ich bereits mehrfach meine Handykamera, weil eine fotogene Häuserreihe nach der anderen zu entdecken war und wir an jede Menge wunderschönen Streetart-Motiven, besonders zum Thema Klimaschutz, vorbeikamen. Dazu passte es auch, dass ich später ein großes Angebot an veganen Speisen vorfinden sollte. 

Wir hatten fußläufig vom Pier entfernt ein Zimmer in einer Airbnb-Unterkunft gemietet. Es ist unschwer zu erraten, was wieder bei uns auf dem Nachttisch stand: Ein Wasserkocher mit Black Tea anbei. Unser Vermieter erwies sich als etwas zurückhaltend und schloss sich in seinem Zimmer ein, nachdem er uns hineingelassen und uns unser Zimmer gezeigt hatte. Er bestand zudem darauf, uns unsere Hündin vorzustellen, die daraufhin gemächlich angetrottet kam. Ein bisschen schmunzeln musste ich schon über diese etwas kuriose Begegnung.

Es gibt ein Wort, das Brighton treffend beschreibt, wie ich finde: nostalgisch. Das liegt daran, dass die Stadt einen nostalgischen Freizeitpark auf dem Wasser besitzt, beim Palace Pier. Hinter einem Gebäude mit einer gewaltigen, knallbunten Ansammlung von allen Spielzeugautomaten, die mensch sich nur erträumen lassen kann, lag er auf großen Holzbrettern gebaut. Die verschnörkelte Brüstung war leicht abgeblättert und wirkte dadurch ziemlich charmant. L. und ich fanden sogar eine Zeitkapsel vor, die an einem der weißen Hütten angebracht war und zu einem bestimmten Datum in einigen Jahren geöffnet werden sollte. 

"Bist du schon einmal Autoscooter gefahren?", wollte ich von L. wissen, als wir durch den Freizeitpark liefen, inmitten von blinkenden Karussells und loopingschlagenden Achterbahnen. Ein Erlebnis hatten wir an diesem ersten Abend schon hinter uns: Ziplining über den Strand: Mithilfe eines Klettergeschirrs am Körper sausten wir an einem waagerecht gespannten Metalldraht 300 Meter in mehreren Metern Höhe den Strand entlang. Es brachte uns wahnsinnigen Spaß und war doch auch viel zu schnell vorbei. Am liebsten hätte ich noch ein paar weitere Runden gedreht, auch wenn mein Adrenalinpegel in den letzten Minuten etwas gestiegen war. Doch mit Action war es für den heutigen Tag noch nicht vorbei. L. hatte nämlich große Lust, mit mir Autoscooter zu fahren und das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich liebe es nämlich, beim Autoscooter am Steuer zu sitzen. 

Daher rasten wir wenig später ein paar Meter über dem Wasser über die Autoscooter-Plattform, nicht ohne, jede Menge andere Autoscooter zu rammen und kriegten uns kaum wieder ein vor Lachen. Weiter ging es bei anderen Fahrgeschäften, aus denen wir hochrot im Gesicht vor lauter Lachen wieder ausstiegen, da die Fahrten offenbar jede Menge Endorphine freigesetzt hatten. Nach all der Aufregung besorgten wir uns etwas zu essen und setzten uns auf Picknickbänke unweit des Piers. Von dort aus konnten wir beobachten, wie es immer dunkler wurde die Lichter des Piers nach und nach angingen. Nun wurde es auch etwas frischer, weshalb wir uns nun wieder unsere Pullis überzogen. "Als wir heute durch London durchgefahren sind, fand ich es fast etwas schade, dass wir die Stadt nicht als Ziel der letzten Reisetage gewählt haben", gestand L. "Doch nun bin ich sehr froh, dass wir nach Brighton gefahren sind." Interessanterweise hatte ich noch nie zuvor etwas von Brighton gehört, bis mich L. auf die Idee gebracht hatte, und konnte ihr da nun voll und ganz Recht geben.